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Entscheide 2024

 

1. Verfassungs- und Verwaltungsrecht – Droit constitutionnel et administratif

1.1 Allgemeines

Discrimination 

1.1.2024.33 Le fait que l’invité, l’écrivain Lorrain Voisard, condamne en même temps l’attaque du 7 octobre 2023 et qu’il cri-tique aussi l’Etat d’Israël et la politique de son premier ministre Netanyahou ne constitue pas une incitation à la haine envers la communauté juive. En outre, l’opinion personnelle de l’invité ressort clairement, selon laquelle la réponse militaire d’Israël à l’attaque du Hamas du 7 octobre 2023 est, selon lui, totalement disproportionnée
Décision b. 1006 de l’autorité indépendante d’examen de plaintes en matière de radio-télévision (AIEP) du 13 décembre 2024
Mots-clefs: Autonomie des programmes, présentation fidèle des événements, discrimination
Dispositions:  Art. 4 et 6 LRTV

Sachgerechtigkeitsgebot

1.1.2024.32 Auf die vorangegangenen Covid-Erkrankungen wurde damit in den Videos verwie-sen. Beide Sportlerinnen haben darin in transparenter und für das Publikum in nachvollzieh-barer Weise ihre gesundheitlichen Probleme geschildert, welche eine Olympia-Teilnahme verunmöglichten. Es war im Lichte des Sachgerechtigkeitsgebots nicht notwendig und ist zu-dem nicht Sache der Beschwerdegegnerin, zusätzlich zu den Erläuterungen der Athletinnen eine eigene Diagnose im Sinne eines Post-Covid-Syndroms zu stellen, wie dies der Beschwerdeführer verlangt.
Entscheid b.1008 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 12. Dezember 2024
Stichworte: Übriges publizistichewa Angebot (üpA), Programmautonomie, Sachgerechtigkeitsgebot, Meinungsbildung des Publikums, Transparenz, Vielfaltsgebot
Bestimmungen: Art. 4 und 6 RTVG

Vielfaltsgebot 

1.1.2024.31 Das Fernsehen SRF vermittelte im Zeitraum vom 23. April bis 14. Mai 2024 einen verharmlosenden bzw. beschönigenden Eindruck von den Protesten der Studierenden  an amerikanischen und schweizerischen Universitäten. Da diese Studierendenproteste seit dem 17. April 2024 ein neues Phänomen darstellten, konnte nicht von einem Vorwissen des Publikums ausgegangen werden. Die tendenziöse Berichterstattung von Fernsehen SRF bewirkte somit eine rechtserhebliche Einseitigkeit bzw. Unausgewogenheit in der Informationsvermittlung, womit das Vielfaltsgebot verletzt wurde.
Entscheid b.1002 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 12. Dezember 2024

Stichworte: Abstimmungssendung, journalistische Sorgfaltspflichten, Programmautonomie, Sachgerechtigkeitsgebot, Gefährdung der inneren und äusseren Sicherheit, Hintergrundinformationen, Vielfaltsgebot
Bestimmungen: Art. 17 BV, Art. 4 und 6 RTVG

Présentation fidèle des événements

1.1.2024.30 RTS Info a publié sur son site internet un article intitulé « Le journaliste François Ruchti de la RTS primé pour son enquête sur les abus sexuels à Saint-Maurice ». Pour que la plainte soit recevable, il faut également qu’elle soit suffisamment motivée. La plainte contre l’article de RTS Info n’a pas été motivée correctement et suffisamment. L’AIEP n’entre donc pas en matière sur la plainte.
Décision b. 1000 de l’autorité indépendante d’examen de plaintes en matière de radio-télévision (AIEP) du 31 octobere 2024
Mots-clefs: Recevabilité de la plainte, réclamation, Délai et forme de la plainte
Dispositions:  Art. 92 et 95 LRTV

Beiträge im Vorfeld einer Abstimmung

1.1.2024.29 Im Vorfeld der Volksabstimmung im Kanton Bern über eine Änderung der Kantonsverfassung berichtete SRF im «Regionaljournal Bern, Freiburg, Wallis» und gleichentags in einem Online-Artikel. Wesentliche, zum Zeitpunkt der Ausstrahlung des Beitrags bekannte, Informationen zur Gegnerschaft und ihren Argumenten fanden im Radiobeitrag keine Erwähnung. Dies verunmöglichte eine freie Meinungsbildung des Publikums im Sinne des Sachgerechtigkeitsgebots. Unausgewogen zu Lasten der Gegner war auch der Online-Artikel, insbesondere weil keine Entgegnung der Vertreterin der Ja-Seite auf die, auch im Artikel verkürzt wiedergegebene Argumentation der ablehnenden Seite folgte.
Entscheid b.995 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 31. Oktober 2024

Stichworte: Abstimmungssendung, journalistische Sorgfaltspflichten, Programmautonomie, Sachgerechtigkeitsgebot, Vielfaltsgebot
Bestimmungen: Art. 4 und 6 RTVG

Sachgerechtigkeitsgebot

1.1.2024.27/28 Der Beitrag der Rundschau von SRF, in welchem verschiedene Aspekte um Kla.TV (Klagemauer-TV) und der Sekte der Organischen Christus Generation (OCG) thematisiert wurden, hätte die Inhalte von Kla.TV deutlicher und konkreter zum Ausdruck bringen sollen. Die Verwendung des Begriffs «Fake-News-Fabrik» stellt rundfunkrechtlich einen Fehler in einem Nebenpunkt dar. Insgesamt konnte sich das Publikum trotz dieser Mängel eine eigene Meinung zu den vermittelten Informationen bilden. Der Beitrag hat deshalb die Mindestanforderungen an die Sachgerechtigkeit eingehalten.
Entscheid b.996/7 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 31. Oktober 2024

Stichworte: Popular- und Individualbeschwerde, Zuständigkeit der UBI, journalistische Sorgfaltspflichten, Programmautonomie, Fehler in Nebenpunkten, Sachgerechtigkeitsgebot
Bestimmungen: Art. 4 und 6 RTVG

Beschwerdebefugnis, öffentliches Interesse

1.1.2024.26 Im Zentrum der Beschwerde steht ein Online-Artikel mit einem Quiz zum Corona-Wissen. Die Beschwerdeführerin rügt, die Redaktion schüre mit ihrer Bewertung des Tests bei falschen Antworten weiterhin die Angst vor dem Virus. Die UBI bejaht ein öffentliches Interesse bei Sendungen, deren Gegenstand neue rechtliche Fragen aufwirft oder die von grundlegender Tragweite für die Programmgestaltung sind. Ein solches Interesse verneinte sie vorliegend.
Entscheid b.1004 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 20. September 2024

Stichworte: Beschwerdebefugnis, öffentliches Interesse
Bestimmungen: Art. 94 und 96 RTVG

Gesamteindruck

1.1.2024.25 Im Lichte des Sachgerechtigkeitsgebots ist der Gesamteindruck eines Beitrags entscheidend. Thema des beanstandeten Beitrags waren neue Begehrlichkeiten nach der Annahme der Volksinitiative zur 13. AHV-Rente; am Ende folgt ein Ausblick auf die Volksabstimmung zur Reform der beruflichen Vorsorge. Zu diesen Aspekten äusserten sich in transparenter und für das Publikum nachvollziehbarer Weise zwei Nationalrätinnen, ein Nationalrat und der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds. Eine irreführende Bildsequenz zu Beginn des Filmberichts betrifft daher einen Nebenpunkt, der nicht geeignet war, die Meinungsbildung des Publikums zum Beitrag insgesamt wesentlich zu beeinflussen.
Entscheid b.993 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 5. September 2024
Stichworte:  Fehler in Nebenpunkten, Gesamteindruck, journalistische Sorgfaltspflichten, Programmautonomie, Sachgerechtigkeitsgebot
Bestimmungen: Art. 4 und 6 RTVG

Sachgerechtigkeitsgebot

1.1.2024.24  Die Leserschaft konnte zu den im Artikel vermittelten Informationen über den aktuellen Stand der Bestrebungen zur Abschaffung der Heiratsstrafe und die Hintergründe eine eigene Meinung im Sinne des Sachgerechtigkeitsgebots bilden. Die wesentlichen Fakten wurden korrekt vermittelt. Das betrifft namentlich die primär beanstandete Aussage, bei der es nicht darum geht, wer von der Steuergerechtigkeits-Initiative profitiert, sondern wer «hauptsächlich» von der Heiratsstrafe betroffen ist.
Entscheid b.994 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 5. September 2024
Stichworte:  Journalistische Sorgfaltspflichten, Programmautonomie, Sachgerechtigkeitsgebot
Bestimmungen: Art. 4 und 6 RTVG

Sachgerechtigkeitsgebot

1.1.2024.23 Die mangelhafte Darstellung hinsichtlich der ausgerichteten Entschädigungen betraf aus programmrechtlicher Sicht keinen Nebenpunkt. Der Vorwurf der unbegründeten Erhöhung der Entschädigungen wiegt schwer und hätte daher zwingend die Präsentation des Standpunkts der Betroffenen erfordert. Der Beitrag hat das Sachgerechtigkeitsgebot verletzt.
Entscheid b.985 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 6. September 2024
Stichworte: Fehler in Nebenpunkten, journalistische Sorgfaltspflichten, Programmautonomie, Sachgerechtigkeitsgebot
Bestimmungen: Art. 4 und 46 RTVG

Présentation fidèle des événements

1.1.2024.22 Le grand débat électoral de « Forum » indique clairement que seuls quatre candidats du canton de Genève sont en lice pour les deux sièges au Conseil des Etats.  Cette était fausse. L’émission contestée a été diffusée seulement dix jours avant les élections fédérales et donc à une période extrêmement sensible pour la formation de l’opinion et de la volonté des électeurs et durant laquelle des devoirs de diligence journalistique accrus s’appliquent. Le principe de la présentation fidèle des événe-ments a donc été violé.
Décision b. 987 de l’autorité indépendante d’examen de plaintes en matière de radio-télévision (AIEP) du 27 juin 2024
Mots-clefs: Diligence journalistique, présentation fidèle des événements, exigence de pluralité, emission consacrée à des élections
Dispositions:  Art. 17 Cst., 4 et 6 LRTV

Principe de la présentation fidèle des événements

1.1.2024.21 Le Tribunal fédéral a rejeté un recours contre la décision de l’AIEP b. 956 concernant les publications de la Radio Télévision Suisse RTS sur le blanchiment d’argent sur Internet (« Les nettoyeurs du net »). Comme l’AIEP, le Tribunal fédéral est arrivé à la conclusion que ni le reportage de l’émission télévisée « Mise au Point » ni l’article en ligne correspondant n’ont violé le principe de la présentation fidèle des événements.
TF 2C_142/2024 du 27 septembre 2024 
Mots-clefs: Autonomie des programmes, principe d’objectivité, formation libre de l’opinion, principe de la présentation fidèle des événements
Dispositions:  Art. 9 CSt., art. 4 LRTV

Beschwerdebefugnis, öffentliches Interesse

1.1.2024.20 Im Zentrum der Beschwerde steht ein Online-Artikel mit einem Quiz zum Corona-Wissen. Die Beschwerdeführerin rügt, die Redaktion schüre mit ihrer Bewertung des Tests bei falschen Antworten weiterhin die Angst vor dem Virus. Die UBI bejaht ein öffentliches Interesse bei Sendungen, deren Gegenstand neue rechtliche Fragen aufwirft oder die von grundlegender Tragweite für die Programmgestaltung sind. Ein solches Interesse verneinte sie vorliegend.
Entscheid b.1004 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 20. September 2024

Stichworte: Beschwerdebefugnis, öffentliches Interesse
Bestimmungen: Art. 94 und 96 RTVG

Bundesratsansprachen vor eidg. Abstimmungen

1.1.2024.19  Das Vielfaltsgebot wurde durch die Ausstrahlung der Ansprache von Bundesrat Maurer zur Frontex-Vorlage nicht verletzt. Es bestand kein Anlass, in der Anmoderation auf andere Sendungen zur Vorlage hinzuweisen oder gar der Gegnerschaft einen gleichwertigen Sendeplatz zur Verfügung zu stellen. Unter dem für die Bundesratsansprachen anwendbaren Massstab ist keine Verletzung des Vielfaltsgebots ersichtlich.
BGer 2C_871/2022 vom 28. August 2024: SRF c. A.
Stichworte: Vielfaltsgebot, Schutz der freien Willenbildung, Vorfeld eidgenössischer Abstimmungen, Programmautonomie
Bestimmungen: Art. 17, 24, 93 BV, Art. 2, 4, 6 und 8 RTVG

Dieses Urteil des Bundesgerichts hat RA Oliver Sidler für «medialex» besprochen im Beitrag «Die Ausstrahlung von Bundesratsansprachen verletzt das rundfunkrechtliche Vielfaltsgebot nicht», medialex 09/24

Unternehmensabgabe für Radio und Fernsehen

1.1.2024.18 Die Unternehmensabgabe für Radio und Fernsehen ist voraussetzungs- und gegenleistungslos geschuldet. Jedes mehrwertsteuerpflichtige Unternehmen hat die Abgabe zu entrichten, unabhängig davon, ob es ein Empfangsgerät besitzt oder ob es ein Radio- oder Fernsehprogramm bezogen hat oder nicht. Für Unternehmen, die den für die Entstehung der RTVG-Abgabepflicht notwendigen Mindestumsatz erreichen, ist eine Befreiung von der Abgabepflicht nicht vorgesehen.
BVGer A-628/2023 vom 20. Sept. 2024: X. c. Eidgenössische Steuerverwaltung ESTV
Stichworte: Legitimation, Privatisierung, intertemporale Regeln, Unternehmensabgabe RTV, Tarifstruktur, Abgabepflicht
Bestimmungen: Art. 30 und 93 BV, Art. 68 und 70 RTVG , Art. 67b RTVV, Art. 3 und 4 UIDG

Konzessionsverfahren

1.1.2024.17 Die Bewerbungen für die Konzession für die Veranstaltung eines Regionalfernsehprogramms mit Leistungsauftrag und Gebührenanteil für das Versorgungsgebiet Bern waren nicht als weitgehend gleichwertig zu erachten.
BVGer A-959/2024 vom 21. August 2024: Stiftung BaselMedia und IMS Marketing AG c. AZ Regionalfernsehen AG
Stichworte: Rechtsgleichheit, Wirtschaftsfreiheit, Begründungspflicht, Konzessionsverfahren, Leistungsauftrag, Bewertung, Aus- und Weiterbildung, Fachkräfte, Vielfalt an Sonderformaten, Erfüllung des Informationsauftrags
Bestimmungen: Art. 8, 27, 29 BV, Art. 12 VwVG, Art. 25, 38, 43, 44, 45 RTVG

Unternehmensabgabe für Radio und Fernsehen

1.1.2024.16 Auch wenn sich die Regelung in Art. 67b Abs. 2 RTVV mit Blick auf das Rechtsgleichheitsgebot bzw. die daraus abgeleiteten Grundsätze der Gleichmässigkeit der Besteuerung so wie der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit nach der Rechtsprechung als problematisch erweist, so ist sie aus Gründen der Rechtssicherheit und Verhältnismässigkeit gleichwohl anwendbar.
BVGer A-319/2024 vom 30. Juli 2024: X. c. Eidgenössische Steuerverwaltung ESTV
Stichworte: Intertemporale Regeln, Unternehmensabgabe RTV, Tarifstruktur, Rechtssicherheit, Verhältnismässigkeit
Bestimmungen: Art. 93 BV, Art. 36 MWSTG, Art. 70 RTVG , Art. 67b RTVV

Beschwerdebefugnis, öffentliches Interesse

1.1.2024.15 Die Beschwerdeführerin verfügte aufgrund der fehlenden Beteiligung am Beanstandungsverfahren vor der Ombudsstelle über keine Beschwerdebefugnis. Sie wäre auch nicht zu einer Betroffenenbeschwerde legitimiert. Aufgrund dieser Ausgangslage erübrigen sich weitere Erörterungen zur Begründungspflicht oder der Zuständigkeit der UBI zur Beurteilung der publizistischen Leitlinien von SRF.
Entscheid b.999 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 26. Juli 2024

Stichworte: Beschwerdebefugnis, Betroffenenbeschwerde
Bestimmungen: Art. 94 und 96 RTVG

Kurzberichterstattungsrecht bei öffentlichen Ereignissen

1.1.2024.14 Ein Sekundärveranstalter muss keine Karenzzeit zwischen dem Ende des Ereignisses (in casu: Eishockey-Spiele der National League) und der Ausstrahlung des Kurzberichtes abwarten. Das Recht, Kurzberichte zum Abruf auf digitalen Plattformen anzubieten, beschränkt sich auf die unveränderte Bereitstellung der linear ausgestrahlten Sendung mit dem Kurzbericht. Der Primärveranstalter hat dem Sekundärveranstalter das Übertragungssignal auf Verlangen ohne die genannten Zusatzelemente zur Verfügung stellen.
BVGer A-615/2023 vom 10. Juli 2024: Sunrise GmbH c. Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR
Stichworte: Kurzberichterstattungsrecht, öffentliches Ereignis, Karenzfrist, Kognition, Wirtschaftsfreiheit, Auslegung, mediengerechte Berichterstattung, Programmauftrag, Konzession, Leistungsauftrag, Zugang zum Übertragungssignal
Bestimmungen: Art. 27, 93, 190 BV, EÜGF, Art. 24, 25, 72 RTVG, Art. 68, 70 RTVV

Sachgerechtigkeitsgebot, Fehler in Nebenpunkten

1.1.2024.13  Das Publikum konnte ich aufgrund der vermittelten Informationen eine eigene Meinung zum «Echo der Zeit»-Beitrag und zum Online-Artikel über die Rhetorik von Donald Trump bilden. Die Übersetzungen der veröffentlichten Aussagen von Trump waren nicht falsch, irreführend oder aus dem Kontext gerissen. Das Interview mit einer Expertin stellte die Rhetorik von Donald Trump in einen grösseren Zusammenhang. Der unterlassene Hinweis auf deren negative persönliche Haltung zu Trump stellt zwar einen Mangel dar, der einen Nebenpunkt betrifft und den Gesamteindruck nicht massgeblich beeinflusst hat.
Entscheid b.989 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 27. Juni 2024
Stichworte: Programmautonomie, Fehler in Nebenpunkten, Sorgfaltspflichten, Sachgerechtigkeitsgebot
Bestimmungen: Art. 17 BV, Art. 4 und 6 RTVG

Sachgerechtigkeitsgebot

1.1.2024.12  SRF hat Fernsehen SRF für die Dokumentation «Trans Jugendliche – Zweifel während der Geschlechtsangleichung» breit recherchiert und die Betroffenen fair behandelt hat. Die Chefärztin der KJPP konnte zur Kritik von Eltern angemessen Stellung nehmen und ihre Sicht ausführlich darlegen. Die verschiedenen Sichtweisen und Standpunkte der im Beitrag porträtierten und angehörten Personen kamen zum Ausdruck. Das Publikum wurde so transparent, differenziert und ausgewogen informiert und konnte sich eine eigene Meinung bilden.
Entscheid b.988 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 27. Juni 2024
Stichworte: Freie Meinungsbildung, Programmautonomie, Sorgfaltspflichten, Sachgerechtigkeitsgebot
Bestimmungen: Art. 17 BV, Art. 4 und 6 RTVG

Sachgerechtigkeitsgebot

1.1.2024.11 Aufgrund der Bezugnahme auf die Volksabstimmungen in Grengiols ist das Vielfaltsgebot anwendbar. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass es die «objektiv abzuschätzende Wirkung auf das Publikum» zu relativieren gilt, da in der beanstandeten Sendung andere Aspekte bzw. ein anderes Projekt im Vordergrund standen und auch keine «intensiven» Stellungnahmen zu den Abstimmungen in Grengiols erfolgten. In der Sendung fanden zudem die positiven Aussagen zu Solaranlagen in den Alpen durch den porträtierten Renato Jordan ein Gegengewicht in der Kritik durch Vera Weber.
Entscheid b.983 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 27. Juni 2024
Stichworte: Abstimmungssendung, journalistische Sorgfaltspflichten, Programmautonomie, Sachgerechtigkeitsgebot, Vielfaltsgebot
Bestimmungen: Art. 4 und 6 RTVG

Sachgerechtigkeitsgebot

1.1.2024.10  Der Beitrag des Politmagazins «Rundschau» von Fernsehen SRF über die Situation in den Spitälern von Gaza fokussierte in erkennbarer Weise auf das Schicksal der palästinensischen Zivilbevölkerung. Die Sichtweise Israels kam durch verschiedene Stellungnahmen von Armeeangehörigen und die Antworten der Botschafterin ausführlich und in nachvollziehbarer Weise zum Ausdruck. Umstrittene Aussagen, wie insbesondere im Zusammenhang mit den Verantwortlichkeiten für die Situation der palästinensischen Zivilbevölkerung, waren als solche deutlich erkennbar.
Entscheid b.981 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 16. Mai 2024
Stichworte: Freie Meinungsbildung, Programmautonomie, Sorgfaltspflichten, Sachgerechtigkeitsgebot
Bestimmungen: Art. 4 und 6 RTVG

Bilden einer eigenen Meinung

1.1.2024.09  Das Publikum konnte sich zu den im beanstandeten Beitrag vermittelten Informationen zur Einstellungsverfügung gegen den ehemaligen Bundesanwalt Michael Lauber und den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino keine eigene Meinung bilden. Die Sichtweise der Beschwerdeführer kam angesichts der vorgebrachten Kritik durch die beigezogenen Experten und insbesondere des Vorwurfs von fürsorglichem Funktionärsschutz von Thomas Kistner ungenügend zum Ausdruck.
Entscheid b.978 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 16. Mai 2024
Stichworte: Freie Meinungsbildung, Programmautonomie, Sorgfaltspflichten, Fairness, Transparenz, Sachgerechtigkeitsgebot
Bestimmungen: Art. 4 und 6 RTVG

Principe d’objectivité 

1.1.2024.08 Le Tribunal fédéral a rejeté un recours contre la décision de l’AIEP au sujet d’un reportage de l’émission « Temps Présent » de la Télévision RTS intitulé « Fake News, une pandémie de mensonges ». A l’instar de l’AIEP, le Tribunal fédéral est arrivé à la conclusion que l’émission n’a violé aucune disposition du droit des programmes.
TF 2C_597/2023 du 17 avril 2024 
Mots-clefs: Autonomie des programmes, principe d’objectivité, liberté d’expression, forme et contenu,  possibilité de se faire sa propre opinion, limitation des émissions
Dispositions:  Art. 9 CSt., art. 4 et 5 LRTV

Bilden einer eigenen Meinung

1.1.2024.07 Die naturwissenschaftlich interessierte Zuhörerschaft des «Wissenschaftsmagazins» von Radio SRF 2 Kultur dürfte über ein erhebliches Vorwissen zum Klimawandel sowie zu den in diesem Zusammenhang konträr diskutierten Ursachen und zu ergreifenden Massnahmen verfügt haben. Neben dem erkennbaren Fokus des Beitrags erlaubte es dieses Vorwissen dem Publikum, die wiederholte Erwähnung der fossilen Brennstoffe im Zusammenhang mit der Klimawandel korrekt einzuordnen. Die Zuhörenden konnten sich eine eigene Meinung zu den  mit dem Klimawandel verbundenen Gesundheitsgefahren bilden.
Entscheid b.976 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 22. März 2024
Stichworte: Freie Meinungsbildung, Sachgerechtigkeitsgebot, Vielfaltsgebot
Bestimmungen: Art. 4 und 6 RTVG

Sachgerechtigkeitsgebot

1.1.2024.06 Die Anforderungen an die Sachgerechtigkeit sind bei Diskussions- und Gesprächssendungen weniger hoch als bei rein redaktionell aufbereiteten Sendungen. Die Zuhörenden konnten sich sowohl zur beanstandeten Aussage als auch zur Sendung insgesamt aufgrund der transparenten Gestaltung eine eigene Meinung bilden. Die in der Sendung «Tagesgespräch» von einem SRF-Korrespondenten gemachte Aussage, wonach es keine Nazis in der Ukraine gebe oder zumindest keine, die an der Macht seien, erscheine zwar für sich alleine wenig  differenziert. Aufgrund des Kontextes konnten ihn die Zuhörenden jedoch korrekt einordnen.
Entscheid b.973 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 22. März 2024

Stichworte: Programmautonomie, Sachgerechtigkeitsgebot
Bestimmungen: Art. 4 und 6 RTVG

Berichterstattung im Vorfeld von nationalen Wahlen

1.1.2024.05 Die Berichterstattung im Wahldossier von SRF im Vorfeld der Nationalratswahlen 2023 vermochte nicht ganz zu befriedigen. Die Aufteilung der Sendezeit bzw. des gewährten Raums auf die Parteien erfolgte nicht durchwegs nach einheitlichen Kriterien und war wenig transparent. Da es sich aber bei den im Wahldossier berücksichtigten Kriterien an sich um objektive und nicht-diskriminierende handelte, wurde das Vielfaltsgebot nicht verletzt. 
Entscheid b.967 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 22. März 2024

Stichworte: Programmautonomie, Sachgerechtigkeitsgebot, Vielfaltsgebot, Wahlsendung
Bestimmungen: Art. 4 und 6 RTVG

Beschwerdebefugnis, öffentliches Interesse

1.1.2024.04 Besteht ein öffentliches Interesse an einem Entscheid, kann die UBI auf eine Beschwerde eintreten, auch wenn diese nicht alle formellen Voraussetzungen erfüllt. Die UBI bejaht ein öffentliches Interesse bei Sendungen, deren Gegenstand neue rechtliche Fragen aufwirft oder die von grundlegender Tragweite für die Programmgestaltung sind. Ein solches Interess fehlte, weshalb auf die Beschwerde gegen die SRF- Sendung “Mein Chef ist ein Chinese” nicht eingetreten wurde.
Entscheid b.977 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 20. Februar 2024

Stichworte: Beschwerdebefugnis, öffentliches Interesse
Bestimmungen: Art. 94 und 96 RTVG

Meinungsäusserungsfreiheit

1.1.2024.03  Dem Argument der Redaktion, dass der Beschwerdeführer seinen Kommentar bloss «für einen verbalen Rundumschlag gegen SRF» verwende, gilt entgegenzuhalten, dass er darin seine Befürchtungen um die «Verhunzung der Sprache» zum Ausdruck gebracht und weitere Beispiele sowie Alternativen im Sinne eines konstruktiven Dialogs angeführt hat. Eine generelle Kritik am Sprachgebrauch in den Nachrichten von SRF ist zu akzeptieren. Im Übrigen geht es auch unter dem Gebot der Rechtsgleichheit nicht an (Art. 8 Abs. 1 BV), dass sich etliche Nutzerinnen und Nutzer zum Sinn und Unsinn von Anglizismen äussern durften und der Beschwerdeführer nicht.
Entscheid b.972 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 25. Januar 2024

Stichworte: Netiquette, Meinungsäusserungsfreiheit, Online-Forum
Bestimmungen: Art. 10 EMRK, Art. 16 BV

Meinungsäusserungsfreiheit

1.1.2024.02  Finden sich gesetzliche Grundlagen (hier Art. 28 ZGB) für das Nichtveröffentlichen des Kommentars, ist weiter zu prüfen, ob die übrigen Voraussetzungen für eine Grundrechtsbeschränkung im Sinne von Art. 36 Abs. 2-4 BV vorliegen. Dies war vorliegend zu bejahen. Es war verhältnismässig, vom Beschwerdeführer eine Abpassung des Kommentars zu verlangen, in dem auf persönliche Angriffe verzichtet wird.
Entscheid b.966 der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI vom 25. Januar 2024

Stichworte: Netiquette, Meinungsäusserungsfreiheit, Online-Forum
Bestimmungen: Art. 10 EMRK, Art. 16 BV

Emission consacrée à des élections 

1.1.2024.01 Le reportage de « Forum » du 12 février 2023 s’est déroulé de manière transparente et correcte. Les résultats des élections cantonales zurichoise ont été confirmés par la suite par le Canton de Zurich et correspondaient ainsi à la réalité. Le choix des invités n’a pas été biaisé et les auditeurs ont pu clairement reconnaitre les invités, leur fonction et leur appartenance politique, ainsi que leurs opinions.
Décision b. 963 de l’autorité indépendante d’examen de plaintes en matière de radio-télévision (AIEP) du 25 janvier 2024
Mots-clefs: Diligence journalistique, autonomie des programmes, présentation fidèle des événements, exigence de pluralité, emission consacrée à des élections
Dispositions:  Art. 4 al. 1 et al. 3, 5 LRTV

1.2 Öffentlichkeitsprinzip 

Zugang zu Aktennotiz

1.2.2024.13 Die im Grundsatz vertrauliche Behandlung der Korrespondenz zwischen der Schweiz und ihren Partnerstaaten [hier Indien] sowie der gemeinsamen Aktennotizen zu bilateralen Arbeitstreffen hat gemäss den plausiblen Ausführungen der ESTV als anerkannte Staatenpraxis zu gelten. Die Vorinstanzen haben die Anwendbarkeit von Art. 7 Abs. 1 lit. d BGÖ zu Recht bejaht.
BGer 1C_346/2023 vom 16. Dezember 2024: A. c. Eidg. Steuerverwaltung
Stichworte: Rechtsgrundlage, Geheimhaltepflicht, aussenpolitische Interessen, internationale Beziehungen
Bestimmungen: Art. 4, 6, 7 und 8  BGÖ,  Art. 26 Abs. 2 OECD-Musterabkommen

Zugang zu Fristerstreckungsgesuchen

1.2.2024.12 Die vom Beschwerdeführer verlangten allfälligen Fristverlängerungsgesuche stellen Verfahrensakten hängiger erstinstanzlicher Verwaltungsverfahren dar und somit fallen nicht in den sachlichen Geltungsbereich des Öffentlichkeitsgesetzes. Die Vorinstanz durfte demnach den Zugang zu diesen Dokumenten bis zum Eintritt der Rechtskraft der definitiven Entscheide aufschieben.
BVGer A-4753/2023 vom 17. September 2024: A c. Pronovo AG
Stichworte: Ausnahmeregelungen zun Öffentlichkeitsprinzip, sachlicher Geltungsbereich des BGÖ, Einspeisevergütung, Fristerstreckungsgesuche
Bestimmungen: Art. 3 und 6 BGÖ, Art. 21 Abs. 1 EnFV

Dokumente eines hängigen Verfahrens

1.2.2024.11 Während der Hängigkeit eines Verfahrens besteht gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz keine Möglichkeit zur Einsichtnahme.
BVGer A-1460/2022 vom 5. August 2024: A c. Bundesamt für Umwelt BAFU
Stichworte: Beschwerdeberechtigung, Parteifähigkeit von Tieren, öffentliche Parteiverhandlung, Geltungsbereich des BGÖ, Akteneinsichtsrecht
Bestimmungen: Art. 6 und 9 EMRK, Aarhus-Konvention, Art. 48 VwVG, Art. 12 NHG, Art. 641a ZGB, Art. 3 und 5 BGÖ

Geschäftsgeheimnisse

1.2.2024.10 Geschäftsgeheimnisse im Sinne von Art. 7 Abs. 1 Bst. g BGÖ rechtfertigten die von der Vorinstanz getätigten Schwärzungen in den von der abgeschlossenen Rahmen- und Objektverträgen betreffend die Erbringung von Betreuungsdienstleistungen in den Unterkünften des Bundes in allen Asylregionen. Ausserdem durfte der Zugang zum Subdossier “Evaluation” gestützt auf denselben Ausnahmetatbestand gänzlich verweigert werden.
BVGer A-1460/2022 vom 4. Juli 2024: X c. Y. und Staatssekretariat für Migration
Stichworte: Geheimhaltung, Vergabeverfahren, Geschäftsgeheimnisse
Bestimmungen: Art. 1, 5, 6, 7, 9 BGÖ, Art. 11, 62 BöB

Base légale, pesée d’intérêts

1.2.2024.9 La pratique de l’autorité inférieure, qui, pour rappel, consiste à mettre à disposition des intimées (des journalistes) le prononcé pénal qu’elle a rendu à l’encontre du recourant, en principe de manière non anonymisée, pendant un délai de 30 jours, repose sur une base légale suffisante.
TAF A-1628/2023 du 26 septembre 2023: A. c. C. et Département fédéral des finances DFF
Mots clefs:, procédure pénale, procédure pénale administrative, protection des données, intérêt public, sphère privée, protection de la personnalité, principe de la transparence.
Dispositions:  Art. 13, 30, 36 CSt., art. 2, 61, 62, 64, 70 DPA, art. 2, 9, 70 LPD, art. 2, 3, 8 LTrans.

Justizöffentlichkeit

1.2.2024.8 Das Bundesgericht kommt auf seine frühere Praxis zurück, gemäss welcher eine Verfügung über den Ausschluss der Öffentlichkeit von einer Gerichtsverhandlung und der Urteilseröffnung für akkreditierte Gerichtsberichterstatter/innen das Verfahren abschliesst und deshalb als anfechtbarer Endentscheid anzusehen ist. 
BGer 7B_61/2022 vom 25. Juni 2024: Hasler c. A. – E. und Staatsanwaltschaft Kreuzlingen
Stichworte: Verfügung zum Aussschluss der Öffentlichkeit, Begründungspflicht, Justizöffentlichkeit, Endentscheid
Bestimmungen: Art. 6 EMRK, 16, 17, 30 BV, 70 und 84 StPO.
RA Christoph Born hat diesen Entscheid für “medialex” besprochen im Beitrag “Gerichtsberichterstattung: Bundesgericht zurück auf dem richtigen Weg“, medialex 07/2024.

Règlement des frais

1.2.2024.7 Lorsqu’une procédure devient sans objet, les frais sont en règle générale mis à la charge de la partie dont le comportement a occasionné cette issue. En l’occurrence, le classement de la présente cause résulte du comportement de la partie intimée, respectivement de la perte d’intérêt du demandeur d’accès pour les données demandées. L’on ne saurait pour autant mettre des frais à sa charge.
TFA A-136/2023 du 29 avril 2024: A. c. B.
Mots clefs:  droit d’accès,  données personnelles, principe d’égalité, qualité de partie intimée à la procédure, droit à la demande d’accès n’a plus d’objet, décision de radiation, règlement des frais,
Dispositions: Art. 6, 16 LTrans, art. 5, 7, 15 FITAF, art. 23, 31, 32, 33, 37 LTAF, art. 42, 48, 82, 90 LTF

Zugang zu Strafakten

1.2.2024.6 Die Justizöffentlichkeit bietet zwar keine Grundlage für die Gewährung von Einsicht in Strafakten.  Soweit es aber um amtliche Dokumente geht, deren Offenlegung den Gang des Strafverfahrens weder beeinträchtigen noch beeinflussen, stehen weder die strafprozessualen Akteneinsichtsrechte noch die Nichtöffentlichkeit des Vorverfahrens und des Verfahrens vor dem Zwangsmassnahmengericht einer Zugangsgewährung nach BGÖ entgegen.
BGer 1C_101/2023 vom 1. Februar 2024: A. c. B. bis E.
Stichworte: Anwendung des BGÖ auf Strafakten, Strafakten im engern Sinne, Entsiegelungsverfahren als Ausschlussgrund, Spezialgesetzliche Regelungen, Justizöffentlichkeit
Bestimmungen: Art. 69, 73, 101 StPO, Art. 3, 4, 7 BGÖ

Consultation des parties concernées

1.2.2024.5 Le mode de procéder de l’autorité inférieure en la présente cause – qui a renoncé à la consultation des personnes concernées en raison d’une charge de travail disproportionnée pour requérir ensuite du Tribunal qu’il procède lui-même à la consultation – ne saurait être admis. Le recours doit être admis  et la décision attaquée annulée, notamment car elle repose sur une pesée incomplète des intérêts, sans consultation des assureurs-maladie concernés.
TFA A-1722-2022 vom 21. Febr. 2024: A. c. B. et 38 autres assureurs-maladie
Mots clefs:  droit d’accès,  données personnelles,   intérêt privé, personnes concernées, exceptions au principe de la transparence, travail disproportionnée pour requérir, principe de proportionnalité
Dispositions: Art. 10 CEDH, art. 9, 16, 17,30 CSt., art. 8a LPart. 82, 86, 89, 95, 100, 106, 107 LTF

Hoher Behördenaufwand

1.2.2024.4 Das Öffentlichkeitsgesetz lässt auch umfangreiche Begehren grundsätzlich zu, sofern sie den Geschäftsgang der Behörde nicht geradezu lahmlegen. Zudem besteht die Möglichkeit, Gebühren zu erheben, sofern die Bearbeitung mehr als acht Stunden Arbeitsaufwand erfordert.
BVGer A-4708-2022 vom 29. Febr. 2024: A. c. Bundeamt für Statistik BFS
Stichworte: Öffentliche Dokumente, Verhältnis des BGÖ zu anderen Bundesgesetzen, Statistikgeheimnis, Personendaten, Schutz der Privatsphäre,, Verhältnismässigkeitsprinzip, Anonymisierung, Anhörung von Betroffenen
Bestimmungen: Art. 5, 13 BV, Art. 10, 14 BStG, Art. 4, 5, 7, 9 BGÖ, Art. 8 ff. BURV, Art. 36, 70, 71 DSG, 61 VwVG

Liberté d’information

1.2.2024.3 En tant qu’il confirme le refus de faire droit aux demandes d’accès des recourantes pour un motif lié à la charge disproportionnée de travail qu’occasionnerait leur traitement pour les autorités concernées, l’arrêt attaqué ne consacre aucune application arbitraire de l’art. 16 LInfo ou violation de la liberté d’information consacrée aux art. 16 al. 3 Cst. et 17 Cst.-VD.
TF 1C_494/2023 du 2 février 2024: A. et B. c. Chargée de communication de l’Ordre judiciaire vaudois
Mots clefs:  obligation de renseigner, intérêt digne de protection, devoir de collaborer, droit d’accès,  données personnelles,  protection de la personnalité, exceptions au principe de la transparence, principe de proportionnalité
Dispositions: Art. 10 CEDH, art. 9, 16, 17,30 CSt., art. 8a LPart. 82, 86, 89, 95, 100, 106, 107 LTF

Öffentliche Dokumente

1.2.2024.2  Der Zugang zu den Meldungen an die AG DIMMI, d.h. zu einem anonym hinterlegten Schreiben betreffend den Umgang mit finanziellen Mitteln und zu einer E-Mail betreffend Präzision der Auftragserteilung  wurde zu Recht verweigert. Betreffend den Zugang zur «E-Mail von mehreren Mitarbeiterinnen über Fälle von Sexismus an ein Mitglied der Geschäftsleitung und die dazugehörige Antwort-E-Mail» erfolgt eine Rückweisung an die Vorinstanz zur Neubeurteilung. 
BVGer A-535-2022 vom 18. Januar 2024  i.S.
A. c. Nachrichtendienst des Bundes (NDB)
Stichworte: Datenschutz, Dokumente zum persönlichen Gebrauch, nicht abgeschlossenes Dokument, Zugang zu Personalakten, Zusicherung der Geheimhaltung, Beeinträchtigung der zielkonformen Durchführung behördlicher Massnahmen
Bestimmungen: Art. 5 und 8 BV, Art. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 9 BGÖ, Art.  19, 36 und 70 DSG

Sécurité intérieure et extérieure

1.2.2024.1   La question de savoir si un contrat a ou non été conclu avec une entreprise déterminée pour faire l’acquisition d’un type spécifique de logiciel espion tomberait, en toute hypothèse, sous le coup de l’exception consacrée à l’art. 67 LRens, car la connaissance de cette information pourrait mettre en danger les mesures prises par la Suisse en cas de menace concrète pour sa sécurité intérieure et extérieure.
TAF A-1310-2022 du 9 janvier 2024: A. c. Fedpol
Mots clefs: Droit d’accès , droit d’être entendu, service de renseignements, mesures de surveillance secrètes,  intérêts nationaux importants, exceptions au principe de la transparence, rapport explicatif
Dispositions:  Art. 1,  2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 16 LTrans, art. 3, 26, 27, 67 LRens

Dieses Urteil haben RAin Anna Katharina Burri und RAin Rahel Breitschmid im Beitrag “Fedpol muss nicht offenlegen, ob ein Vertrag mit einem GovWare-Entwickler besteht“, medialex 03/24, besprochen.

 

2. Privatrecht – Droit privé

Protection de la personnalité

2.2024.1 Les critiques développées par le recourant ne permettent pas de démontrer qu’il serait en l’espèce insoutenable d’exclure le caractère manifestement injustifié de l’atteinte à ses droits de la personnalité, l’intimée n’ayant à cet égard pas outrepassé ici sa mission d’information. Le reportage litigieux concerne sans conteste une problématique d’intérêt général, dans laquelle il apparaît que la mise en cause du recourant relève du soupçon, sans que l’intéressé reproche efficacement à l’intimée d’avoir outrepassé les devoirs et la responsabilité déontologiques qui lui incombaient dans le cadre de son travail de journaliste engagé. Il s’ensuit que la troisième condition cumulative posée par l’art. 266 let. c CPC ne nécessite pas d’être examinée.
TF 5A_274/2024 du 11 novembre 2024: A. c. Société suisse de radiodiffusion et télévision
Mots clefs:  Mesure provisionnelle, protection de la personnalité, préjudice  particulièrement grave et difficilement réparable, conditions cumulativesde l’art. 266 CPC, intérêt public. 
Dispositions: Art. 9 CSt. art. 4 et 28 CC, art. 261, 262 et 266 CPC

Besprechung dieses Urteils durch RA Christoph Born im Beitrag “Verdachtsberichterstattung: Eine risikoreiche Erleichterung für die Medien”, medialex 02/25

3. Strafrecht – Droit pénal

Üble Nachrede

3.2024.5 Keine üble Nachrede durch die Bezeichnung einer Person als «Corona-Leugner» in einer Glosse. Auch keine übliche Nachrede dadurch, einem Gemeindepräsidenten in einer Glosse «menschenverachtender Sympathien» für den russischen Präsidenten zuzuschreiben. Der Journalist hat den Text der Glosse im guten Glauben verfasst, der Gemeindepräsident hege aufgrund seiner öffentlichen Äusserungen auf (vormals) Twitter Sympathien für Russland und Wladimir Putin und Antipathie für die pro-ukrainische Haltung des Westens..
Urteil des Kantonsgerichts Wallis P 1 24 23 vom 11. Oktober 2024 i.S. X. und Y. c. Z.
Stichworte: Üble Nachrede, Beschimpfung, Wahrheits- und Gutglaubensbeweis
Bestimmungen: Art. 173 ff. StGB

Discrimination et incitation à la haine en raison de l’orientation sexuelle

3.2024.4 Les qualificatifs de “militante queer” et de “grosse lesbienne militante”, opposés à “l’âme suisse et l’esprit suisse, dans la grande tradition […] de Jean-Jacques Rousseau” constituent une discrimination à raison de l’orientation sexuelle. Éveil et excitation de la haine par un langage rabaissant, déshumanisant et outrancier. Prise en compte des réactions des internautes pour établir la signification d’un message.
ATF 150 IV  292 (TF 6B_1323/2023 du 11 mars 2024)
Mots clefs: Discrimination, incitation à la haine en raison de l’orientation sexuelle, examen de l’élément subjectif de l’infraction, restriction à la liberté d’expression, principe de proportionalité
Dispositions: Art. 10, 17 CEDH, art. 16, 36 CSt., art. 173, 261bis CP

L’application de l’art. 322bis CP

3.2024.3 Il résulte de ce qui précède que la condition procédurale et toutes les conditions préalables de l’art. 322bis CP sont remplies, de même que ses éléments constitutifs, sans que le recourant ne soit admis à se prévaloir de la preuve de la vérité. Partant, c’est sans violer le droit fédéral que la cour cantonale l’a reconnu coupable à ce titre.
TF 6B_1033/2023 du 8 juillet 2024: A. c. Ministère public central du canton du Valais et B.
Mots clefs:  For du lieu de commission, maxime d’accusation, défaut d’opposition à une publication constituant une infraction, publication intervienne dans un média, l’infraction soit “consommée” par la publication, commission intentionnelle ou par négligence. 
Dispositions: Art. 9, 31 CPP, art. 173, 322bis CP

Siehe zu diesem Urteil auch die kurze Besprechung des Falles von Simone Schürch auf dem Portal LawInside mit dem Titel “La publication d’un article diffamatoire rédigé par un tiers en tant qu’acte pénalement répréhensible“.

Nichtanhandnahme, Ehrverletzung

3.2024.2 Die strittigen Passagen zeichnen kein schmeichelhaftes Bild des Beschwerdeführers; allerdings sind sie in einem zivilprozessualen Streit ergangen, in dem bisweilen naturgemäss mit härteren Bandagen gekämpft wird. Diesen Kontext hat der Beschwerdeführer selber geschaffen, indem er eine Persönlichkeitsverletzungsklage gegen die von ihm Beschuldigten angestrengt hatte.
BGer 7B_93/2024 vom 14. Mai 2024 i.S. A. c. Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat
Stichworte: Privatklägerschaft, Nichtanhandnahme, Genugtuung, Schadenersatz
Bestimmungen: Art.  42, 66, 81 BGG, Art. 28a, 41, 49 ZGB

Unlauterer Wettbewerb

3.2024.1 Nicht jede unschmeichelhafte Presseberichterstattung über ein Unternehmen oder einen Unternehmer stellt eine Wettbewerbshandlung nach UWG dar. Das UWG darf die Funktion der Medien im Wirtschaftsleben behindern. Das Ziel des veröffentlichten Artikels, den Meinungsaustausch und die öffentliche Debatte zu fördern, ist verfassungsrechtlich schutzwürdig
BGer 7A_48/2022 vom 2. April 2024 i.S. A. c. B.
Stichworte: Funktion der Medien, Meinungsaustausch, Beeinflussung der Wettbewerbsverhältnisse, Zivilansprüche
Bestimmungen: Art.  16 und 17 BV, Art. 9 UWG, Art. 28a ZGB, Art. 41 OR, Art. 115, 118 StPO

4. Urheberrecht – Droit d’auteur

Gewinnherausgabe bei Verletzungen des Urheberrechts

4.2024.1  Gewinnherausgabeanspruch bei Urheberrechtsverletzungen; böser Glaube des Urheberrechtsverletzers bei Werken der angewandten Kunst (konkret: Feuerring). An den Beweis des Kennenmüssens von Bestand und Schutzumfang des fremden Rechtsguts sind im Urheberrecht hohe Anforderungen zu stellen. Bei Immaterialgüterrechtsverletzungen geht der Bereicherungsanspruch nach Art. 62 Abs. 1 OR auf eine angemessene Lizenzgebühr, die gegebenenfalls in analoger Anwendung von Art. 42 Abs. 2 OR zu schätzen ist.
BGer 4A_145/2024 vom 11. Sept. 2024 i.S. A. und B. c. C., publiziert als BGE 151 III 95
Stichworte: Gewinnherausgabeanspruch, böser Glaube, Beweisanforderungen, Lizenzgebühr als Wertersatz, BereicherungsanspruchBestimmungen: Art. 2 Abs. 2 lit. f URG, Art. 42, 62 und 423 OR 
siehe auch Verfahren 4A_472/2021 / 4A_482/2021: BGE 148 III 305

5. Wettbewerbsrecht – Droit de la concurrence

6. Weitere Rechtsgebiete – Domaines juridiques divers

7. Ethik/Selbstregulierung – Ethique/autorégulation

Werbung


7.2024.56 Gestalterisch hat die «Badener Woche Stadt» den Artikel nicht vom redaktionellen Teil abgegrenzt, der Text ist jedoch als «Publireportage» markiert. Damit war die Vorgabe erfüllt. Neu wird ab 1.1.2025 aber verlangt, dass nicht-redaktionelle Beiträge, die im Umfeld redaktioneller Beiträge erscheinen, eindeutig gekennzeichnet sind und in erkennbar anderer Gestaltung daherkommen
.
Stellungnahme 56/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Badener Woche Stadt»)
Stichworte: Trennung von Fakten und Kommentar, Koppelung von redaktionellem Bericht und Werbung, Nennung von Marken und Produkten
Bestimmungen: Ziff. 10 «Erklärung», Richtlinie 10.1 und 10.2

Wahrheitssuche, Quellen


7.2024.55 Der «Tages-Anzeiger» war nicht verpflichtet, eine Agenturmeldung nachzurecherchieren. Der Abschnitt, in welchem der israelische Armeesprecher zitiert wird, man habe nur Warnschüsse abgegeben, stellt demnach weder eine Verletzung der Wahrheitspflicht dar noch ein Unterschlagen wichtiger Informationen.

Stellungnahme 55/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Tages-Anzeiger»)
Stichworte: Wahrheitssuche, Unterschlagen wichtiger Informationen, Nachrecherchieren von Agenturmeldungen
Bestimmungen: Ziff. 1 und 3 «Erklärung», Richtlinie 1.1

Unterschlagen wichtiger Informationselemente


7.2024.54 «20min.ch» hat mit dem Artikel «Pro-Palästina-Beiträge – Bund geht auf Distanz zu Migranten-Magazin» und «Der Bund» mit den Beiträgen «Vorzeige-Onlinemagazin ‹Baba News› gerät in die Kritik» und «Stadt Bern zahlte ‹Baba News› über 27’000 Franken» die «Erklärung» nicht verletzt.
.
Stellungnahme 54/2024 des Schweizer Presserates («Baba News» c. Tamedia)
Stichworte: Wahrheit, besondere Sorgfalt bei komplexen, heiklen und emotional aufgeladenen Kontroversen, Unterschlagen wichtiger Informationselemente, Berichtigungspflicht
Bestimmungen: Ziff. 1,  3 und 5 «Erklärung»

Wahrheitssuche


7.2024.53
Wenn die Redaktion in Abwägung der verschiedenen Texte der Betroffenen und unter Berücksichtigung von Gesprächen mit ihr und mit ihrem Umfeld zum Schluss kommt, dass ein emotionales Schreiben nicht ihrer lange gehegten Überzeugung über die Ursachen ihrer Krankheit (Long-Covid) entsprochen habe, kann der Presserat angesichts der verschiedenen zu Rate gezogenen Quellen keinen Verstoss gegen die Pflicht zur Wahrheitssuche erkennen.
Stellungnahme 53/2024 des Schweizer Presserates (X. und Y. c. «blick.ch», «Klein Report», «blue News», «baseljetzt.ch»)
Stichworte: Wahrheitssuche, Unterschlagen wichtiger Informationen, Berichtigung
Bestimmungen: Ziff. 1, 3 und 5 «Erklärung», Richtlinie 1.1

Unterschlagen wichtiger Informationen


7.2024.52 Der Satz «Die Wissenschaft sieht noch heute keine Trends zu mehr Extremereignissen» ist missverständlich und irreführend und verstösst gegen Ziffer 3 der «Erklärung», wonach keine wichtigen Elemente von Informationen unterschlagen und auch keine Tatsachen, Dokumente, Bilder und Töne noch von anderen geäusserte Meinungen entstellt werden dürfen.

Stellungnahme 48/2024 des Schweizer Presserates (X./Y. c. «Neue Zürcher Zeitung»)
Stichworte: Wahrheitssuche, besondere Sorgfalt bei politisch hoch relevanten Fragen, Unterschlagen wichtiger Informationen, Interessenbindung
Bestimmungen: Ziff. 1,  3 und 9 «Erklärung», Richtlinie 1.1

Namensnennung

7.2024.51 Der Presserat stellte ein überwiegendes öffentliches Interesse fest: Die katholische Kirche hatte jahrelang versucht, das Thema sexueller Missbrauch zu vertuschen. In diesem Kontext ist es wichtig, Transparenz zu schaffen und in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für solche Taten zu schärfen, um künftig derartige Fälle möglichst zu verhindern. Durch die namentliche Nennung des Priesters werden im konkreten Fall möglicherweise weitere Opfer ermutigt, sich zu melden, was es erlaubt, das Missbrauchssystem in seinem ganzen Ausmass zu erkennen und aufzuarbeiten.
Stellungnahme 51/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Corriere del Ticino») in italienischer Sprache
Stichworte: Idetifizierundg, öffetliches Interesse
Bestimmungen: Ziff. 7 «Erklärung», Richtlinie 7.2

Anhören bei schweren Vorwürfen

7.2024.50 Allein gestützt auf die Entgegnung des Redaktors in eiem Interview, es handle sich um «Unfug», musste die Interviewte nicht davon ausgehen, dass sie als Verschwörungstheoretikerin bezeichnet wird. Die bis 1.5.2023 gültige Richtlinie 3.8 verlangt jedoch nur, dass den von schweren Vorwürfen Betroffenen die zur Publikation vorgesehenen Kritikpunkte präzis zu benennen sind. Das war hier nicht der Fall. Die seit 1.5.2023 aktuell gültige Regelung von Richtlinie 3.8 verschärft die Pflicht zum Anhören: Neu muss jemand angehört werden, wenn die Vorwürfe «gravierendes Fehlverhalten beschreiben oder sonstwie geeignet sind, jemandes Ruf schwerwiegend zu schädigen».
Stellungnahme 50/2024 des Schweizer Presserates (X./Y. c. «Neue Zürcher Zeitung»)
Stichworte: Unterschlagung von Informationen und Entstellung von Tatsachen, Anhörung bei schweren Vorwürfen, Berichtigungspflicht, ungerechtfertigte Anschuldigungen, Menschenwürde
Bestimmungen: Ziff. 3 , 5, 7 und 8 «Erklärung», Richtlinie 3.8, 5.1

Illustration


7.2024.49
Es wurde auch ohne den Zusatz «Symbolbild» in der Bildlegende klar, dass die Bebilderung des vorliegenden Artikels einen Zusammenhang mit dem Text hatte, aber nicht zwingend die konkrete Bebilderung der 60 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund darstellen konnte.
Stellungnahme 49/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «SonntagsZeitung»)
Stichworte: Wahrheitssuche, Illustration, Diskriminierung
Bestimmungen: Ziff. 1, 3 und 8 «Erklärung», Richtlinie 1.1., 3.4, 8.2

Wahrheit


7.2024.48 Der Anspruch an die inhaltliche Richtigkeit eines journalistischen Beitrags kann nicht so weit vom jeweiligen Format abhängen, dass «richtig» nur noch genannt werden kann, was in den ersten Sekunden einer Rezeption «hängenbleibt». Ein Element, das «erst» nach 39 Sekunden in einem insgesamt 1 Minute und 11 Sekunden dauernden Beitrag aufgeführt wird, gilt – grundsätzlich – als erwähnt.

Stellungnahme 48/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «FM1Today»)
Stichworte: Wahrheit, Unterschlagen wichtiger Informationen, Leserbriefe, Online-Kommentare
Bestimmungen: Ziff. 1, 3 und 5 «Erklärung», Richtlinie 5.2

Vorteilsannahme


7.2024.47  Die Initiative zum gemeinsamen Matchbesuch mit Bernhard Alpsteg ging gemäss Redaktion von den Journalisten aus. Der Beschwerdeführer bringt ausser den Mietkosten für die Loge kein Argument dafür vor, dass die Journalisten ihre Unabhängigkeit aufs Spiel gesetzt hätten. 

Stellungnahme 47/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Luzerner Zeitung»)
Stichworte: Journalistische Unabhängigkeit, Vorteilsannahme
Bestimmungen: Ziff. 9 «Erklärung»

Quellen


7.2024.46
Der Journalist nennt keine Quelle für die von ihm zitierten Studien zur Zufriedenheit mit den medizinischen Behandlungen, sondern erwähnt nur, dass mehrere Studien diese Zahlen bestätigten. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn die konkrete Quelle im Text vorgekommen wäre. Der Beschwerdeführer macht aber nicht geltend, die Quelle, bzw. die genannten Zahlen wären unbekannt oder falsch.
Stellungnahme 46/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Die Wochenzeitung» WOZ)
Stichworte: Unterschlagen von Tatsachen,  Quellen
Bestimmungen: Ziff. 3 «Erklärung»

Wahrheit


7.2024.45 Der Presserat mahnt zu einem vorsichtigen Umgang mit Ausdrücken wie «antisemitisch», «antiarabisch», «antimuslimisch» oder «antiisraelisch». Wo solche verwendet werden, müssen entsprechende Quellen und Begründungen benannt werden.

Stellungnahme 45/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Neue Zürcher Zeitung»)
Stichworte: Wahrheit, Aussage gegen Aussage, Umgang mit Quellen
Bestimmungen: Ziff. 1 und 3 «Erklärung»

Trennung zwischen redaktionellem Teil und Werbung


7.2024.44 Der beanstandete Artikel befasste sich nicht mit der Charakterisierung palästinensischer oder israelischer Politik, sondern mit der Wirkungsweise von sozialen Medien in einer Konfliktsituation und die Rolle aussenstehender Regierungen in diesem Zusammenhang. Er tat dies in einer Weise, welche die «Erklärung» nicht tangierte
.
Stellungnahme 44/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Neue Zürcher Zeitung»)
Stichworte: Wahrheitspflicht, Meinungspluralismus, Trennung von Fakten und Kommentar, Eintreten
Bestimmungen: Ziff. 1, 2 und 3 «Erklärung», Richtlinie 1.1, 2.2 und 2.3

Audition lors de reproches graves


7.2024.43 Les reproches contenus dans l’articles de la «Tribune de Genève» intitulé «‹C’est comme s’il n’existait pas pour la Commune›» sont en effet dirigé contre le service des curatelles, et non contre la Commune.
Il n’y avait donc pas d’obligation d’entendre la Commune.
Prise de position 43/2024 du Conseil suisse de la presse (Chêne-Bougeries. c. «Tribune de Genève»)
Mots-clefs: Audition lors de reproches graves

Dispositions: Chiffre 1, 2 et 3 de la «Déclaration», Directive 3.1

 

Trennung zwischen redaktionellem Teil und Werbung


7.2024.42 Für bezahlte bzw. durch Sponsoring finanzierte Verlagsbeilagen sind zur eindeutig sichtbaren Abgrenzung vom redaktionellen Teil zwingend abweichende Schriftarten zu verwenden. Ebenso fehlte ein separates Impressum des Herausgebers und der verantwortlichen Redaktion. Die Freiburger Nachrichten haben mit dem Text «Die Zukunft der Milchbranche» die Pflicht zur klaren Abgrenzung gegenüber dem redaktionellen Teil nicht vollumfänglich wahrgenommen
.
Stellungnahme 42/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Freiburger Nachrichten»)
Stichworte: Trennung zwischen redaktionellem Teil und Werbung,  journalistsche Unabhängigkeit
Bestimmungen: Ziff.  10 und 11 «Erklärung», Richtlinie 10.1, 10.3

Anhören bei schweren Vorwürfen

7.2024.41 Dem Vorsteher des Bauamtes wurde unterstellt, nichts vom Baufach zu verstehen und Projekte im «engen Familienkreis» zu planen. Dieser Vorwurf wiegt schwer. Dazu hätte der Beschwerdeführer angehört werden müssen.   
Stellungnahme 41/2024 des Schweizer Presserates (Hochreutener. c. «St. Galler Tagblatt»)
Stichworte: Wahrheit, Quellenbearbeitung, Anhörung bei schweren Vorwürfen, Identifikation
Bestimmungen: Ziff. 1, 3 , 7 und 8 «Erklärung», Richtlinie 3.1, 3.8, 7.1, 7.2, 8.1

Recherche de la vérité


7.2024.40 En publiant le 9 mars 2023, l’article «Centre de renfort: trop loin pour intervenir à temps à Élay», «Le Quotidien Jurassien» n’a pas violé les chiffres 1, 2 et 3  de la «Déclaration».

Prise de position 40/2024 du Conseil suisse de la presse (X. c. «Le Quotidien Jurassien»)
Mots-clefs: Recherche de la vérité, distinction entre l’information et les appréciations, omission d’informations essentielles

Dispositions: Chiffre 1, 2 et 3 de la «Déclaration», Directive 3.1

 

Omission d’éléments d’information essentiels


7.2024.39 La plainte est partiellement admise pour «Le Courrier» et la «Tribune de Genève», en ce qui concerne l’omission d’éléments d’information essentiels et l’audition lors de reproches graves.

Prise de position 39/2024 du Conseil suisse de la presse (X. c. «Tribune de Genève», «Le Courrier» e «20 minutes»)
Mots-clefs: Vérité, liberté d’information, distinction entre l’information et les appréciations, omission d’éléments d’informations essentiels, audition lors de reproches graves, identification, indiscrétions

Dispositions: Chiffre 1, 2, 3 et 7 de la «Déclaration», Directives 3.8, 7.2

 

Privatsphäre / Menschenwürde


7.2024.38 Im vorliegenden Fall illustriert das Video einen Artikel, welcher einen kriegerischen Angriff beschreibt. Am Text des Artikels besteht ein öffentliches Interesse, am Zeigen des entsprechenden Videos aber nicht: Weder bringen die Videobilder einen journalistischen Mehrwert noch können sie als historisches Dokument gelten. Sowohl die Privatsphäre der Betroffenen als auch die Ruhe des Todesopfers sind höher zu bewerten als der Informationswert des Videos.

Stellungnahme 38/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Weltwoche»)
Stichworte: Privatsphäre, Opferschutz, Bilder über Kriege und Konflikte
Bestimmungen: Ziff.  7 und 8 «Erklärung», Richtlinie 7.8, 8.3, 8.4

Wahrheit


7.2024.37 «20 Minuten» (online) hat mit dem Beitrag «‹Hätte böse enden können›: Eurobus-Fahrer schaut Video am Steuer» vom 4. Januar 2024 weder die Wahrheitspflicht verletzt, noch das Gebot der Trennung von Fakten und Kommentar und die Richtlinie zur Quellenbearbeitung.

Stellungnahme 37/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «20 Minuten»)
Stichworte: Wahrheit, Trennung von Fakten und Kommentar,  Quellen
Bestimmungen: Ziff.  1, 2 und 3 «Erklärung», Richtlinie 1.1, 2.3, 3.1

Publicité


7.2024.36 
En publiant l’article intitulé «Quinze minutes mystérieuses, maîtrisées à la perfection» «20 minutes onlines» généré une ambigüité entre contenu rédactionnel et publicitaire pouvant induire le lecteur en erreur. Il a donc contrevenu à la «Déclaration».
Prise de position 36/2024 du Conseil suisse de la presse (X. c. «20 minutes»)
Mots-clefs: Séparation entre partie rédactionnelle et publicité

Dispositions: Chiffre 10 de la «Déclaration», directive 10.1

 

Diskriminierung


7.2024.20 Der Titel «Roma hinterlassen Exkremente bei der Serra-Plastik» verstösst gegen das Diskriminierungsverbot. 

Stellungnahme 20/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Basler Zeitung»)
Stichworte: Wahrheit, Erwähnung der Quellen, Diskriminierung, verallgemeinernde Werturteile
Bestimmungen: Ziff.  1 und 8 «Erklärung», Richtlinie 8.2

Trennung zwischen redaktionellem Teil und Werbung


7.2024.19
Das Layout des beansstandeten Artikels unterscheidet sich in keiner Weise vom redaktionellen Teil, und die Bezeichnung «Marktinfo» kann die Leserschaft nicht als Hinweis darauf verstehen, dass sie jetzt bezahlte Werbung statt eines redaktionellen Textes vorgesetzt bekommt. Der Text verletzt die Pflicht zur Trennung von redaktionellem Teil und Werbung.
Stellungnahme 19/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Obersee Nachrichten»)
Stichworte: Trennung zwischen redaktionellem Teil und Werbung, Lifestyle-Berichte; Nennung von Marken und Produkten
Bestimmungen: Ziff.  10 «Erklärung», Richtlinie 10.1, 10.3

Recherche de la vérité


7.2024.18 En publiant l’article «Jugée pour avoir tué son enfant, une mère évoque un jeu qui a mal tourné» «lematin.ch» et «20min.ch» n’ont pas violé la «Déclaration».

Prise de position 18/2024 du Conseil suisse de la presse (X. c. «lematin.ch» et «20min.ch»)
Mots-clefs: Recherche de la vérité, rectification, discrimination

Dispositions: Chiffre 1, 5 et 8 de la «Déclaration», directive 1.1, 8.2

 

Diskriminierungsverbot


7.2024.17 Die Nennung der ethnischen oder nationalen Zugehörigkeit, der Herkunft u.ä. kann diskriminierend wirken, insbesondere wenn sie negative Werturteile verallgemeinert und damit Vorurteile gegenüber Minderheiten verstärkt. Im vorliegenden Fall kritisiert die Journalistin das ihrer Ansicht nach drohende gewalttätige Verhalten junger Männer mit Migrationshintergrund. Kritik am Verhalten von Gruppen muss möglich sein, solange es um dieses Verhalten und nicht um suggerierte Eigenschaften einer ganzen Ethnie geht.

Stellungnahme 17/2024 des Schweizer Presserates (X. c. NZZ)
Stichworte: Wahrheit, Anhörung bei schweren Vorwürfen, Menschenwürde, Diskriminierungsverbot
Bestimmungen: Ziff.  1, 3 und 8 «Erklärung», Richtlinie 3.8, 8.1, 8.2

Leserbriefe und -kommentare


7.2024.16 
Äusserungen in Leserkommentaren über das Privatleben von Personen, welche in keinem Zusammenhang stehen mit der im Artikel diskutierten Person, verletzen deren Privatsphäre. Ob diese Angaben stimmen oder – wie im vorliegenden Fall – meist nicht stimmen, spielt dabei keine Rolle. 
Stellungnahme 16/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Weltwoche»)
Stichworte: Leserbriefe, Online-Kommentare, Zeichnung von Kommentaren, Wahrheit, Anhören bei schweren Vorwürfen, Berichtigung, Schutz der Privatsphäre, Unschuldsvermutung
Bestimmungen: Ziff.  1, 3, 5 und 7 «Erklärung», Richtlinie 3.8, 5.1, 5.3, 7.2, 7.4

Wahrheitspflicht


7.2024.15 Der «Beobachter» hat mit den Artikeln «Administratives Verfahren gegen Psychiater Jan Gysi eingeleitet» und «‹Das erinnert an magisches Denken, Kinderglauben, Science-Fiction›» die «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten» nicht verletzt. 

Stellungnahme 15/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Beobachter»)
Stichworte: Wahrheitspflicht, Unterschlagen wichtiger Elemente von Informationen
Bestimmungen: Ziff.  1 und 3 «Erklärung»

Audition lors de reproches graves


7.2024.14 En publiant l’article intitulé «Après dix-sept ans de combat, il est acquitté mais ruiné», «Le Matin Dimanche» n’a pas violé  la «Déclaration».

Prise de position 14/2024 du Conseil suisse de la presse  (X. c. «Le Matin Dimanche»)
Mots-clefs: Vérité, omission d’informations, audition lors de reproches graves

Dispositions: Chiffre 1 et 3 de la «Déclaration», directive 3.8

 

Wahrheitspflicht


7.2024.13 Ergänzungen gleich anschliessend an eine an sich unrichtige Schlagzeile – hier «Schwerer Verkehrsunfall wegen Klimakleber-Blockade in Nürnberg: 31-Jähriger schwer verletzt» – können die Aussage eines Titels so weit relativieren, dass keine Verletzung der Wahrheitspflicht mehr vorliegt. 

Stellungnahme 13/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «20 Minuten online»)
Stichworte: Wahrheitspflicht, Berichtigungspflicht, Online-Kommentare und Leserbriefe
Bestimmungen: Ziff.  1 und 5 «Erklärung», Richtlinie 5.2, 5.3

Wahrheitspflicht


7.2024.12 Wenn im Instagram-Beitrag von SRF behauptet wurde, die Begriffe «Mann» und «Frau» stünden nicht mehr im Entwurf zum Basler Gleichstellungsgesetz, so ist diese Aussage falsch. Es handelt sich um mehr als nur eine Ungenauigkeit, sondern um die Kernaussage im ganzen Instagram-Post, welche nicht korrekt ist. 

Stellungnahme 12/2024 des Schweizer Presserates (X. c. Schweizer Radio und Fernsehen SRF)
Stichworte: Wahrheitspflicht, Trennung zwischen redaktionellem Teil und Werbung
Bestimmungen: Ziff.  1 und 2 «Erklärung», Richtlinie 2.3

Recherche de la vérité


7.2024.11 En publiant les articles intitulés «Comment une société pyramidale vend du rêve aux mamans de mon quartier à Genève» et «Marketing pyramidal: la prof-vendeuse de rêves poussée vers la sortie par des parents furieux», «heidi.news» n’a pas violé la «Déclaration».

Prise de position 11/2024 du Conseil suisse de la presse (X. c. «heidi.news»)
Mots-clefs: Recherche de la vérité, identification

Dispositions: Chiffre 1 et 7 de la «Déclaration», directive 3.8

 

Wahrheitspflicht, Identifikation


7.2024.10 Der einleitende Satz «Glattfelden ist um einen Skandal reicher» mochte nicht ganz zutreffend sein für einen Bericht, der einen Nachbarschaftsstreit, eine sehr emotional ausgetragenen kontroversen Diskussion beschreibt. Der Presserat spricht in derartigen Fällen unpräziser Formulierungen von journalistischen Ungenauigkeiten und nicht von einem eigentlichen Verstoss gegen die Wahrheitspflicht. 

Stellungnahme 10/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Der Glattfelder»)
Stichworte: Wahrheitspflicht, Anhören bei schweren Vorwürfen, Schutz der Privatsphäre, Identifikation, Trennung zwischen redaktionellem Teil und Werbung
Bestimmungen: Ziff.  1, 3, 5, 7 und 10 «Erklärung», Richtlinien 3.8, 4.5, 5.2, 7.1, 7.2, 10.1

Identifikation, Unschuldsvermutung


7.2024.09 Mit den Angaben 35-jähriger Schweizer, Mieter einer Wohnung in Emmenbrücke und Sportlehrer, , der im Kanton Aarau unterrichtet habe und aktiv in einem Fussballverein war, wurde die Identität des Beschwerdeführers nicht preisgegeben gegenüber einer Öffentlichkeit, die weiter reicht als die eigene Familie, das soziale und berufliche Umfeld. 

Stellungnahme 09/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «20 Minuten», «20min.ch», «Luzerner Zeitung» und «blick.ch»)
Stichworte: Wahrheitspflicht, Schutz der Privatsphäre, Identifikation, Unschuldsvermutung
Bestimmungen: Ziff.  1 und 7 «Erklärung», Richtlinien 7.1, 7.2, 7.4

Werbung, Unabhängigkeit


7.2024.08 Der «Birsigtal Bote» hat mit den Artikeln «Raumschiff oder Traumschiff» und «Futuristisches Residenzgebäude in Oberwil» die Ziffern 9 (Unabhängigkeit) und 10 (Trennung zwischen redaktionellem Text und Werbung) der «Erklärung» nicht verletzt.

Stellungnahme 08/2024 des Schweizer Presserates (X. c. Birsigtal Bote)
Stichworte: Pflicht zjr Beschwerdebegründung, Unabhängigkeit, Trennung zwischen redaktionellem Text und Werbung
Bestimmungen: Ziff.  9 und 10 «Erklärung»

Wahrheit, Berichtigung


7.2024.07 Da nach den Korrekturmassnahmen ein Zwischentitel im Text verblieb, der eine falsche Behauptung gegenüber dem Beschwerdeführer  aufrechterhielt, und
«kath.ch» nicht andeutete, dass die erfolgte Verwechslung zu Unrecht zu einem sehr negativen Eindruck bezüglich des Beschwerdeführers beitragen hatte, wurde die «Erklärung» verletzt.
Stellungnahme 07/2024 des Schweizer Presserates (Herzog c. kath.ch)
Stichworte: Wahrheitspflicht, rechtzeitige Berichtigung
Bestimmungen: Ziff.  1 und 5 «Erklärung», Richtlinie 5.1

Unschuldsvermutung


7.2024.06 Im Artikel ist klar erkennbar, dass die Verhandlung vor Gericht noch nicht stattgefunden hat und es bisher kein Urteil gibt, obwohl der Satz «Es gilt die Unschuldsvermutung» nicht explizit erwähnt wird. Es ist zudem klar, dass die Zeugin den Vorfall aus ihrer persönlichen Sicht schildert. 

Stellungnahme 06/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Blick»)
Stichworte: Unschuldsbermutung, Gerichtsberichterstattung, Verwendung des Begriffs “Killerin”
Bestimmungen: Ziff.  7 «Erklärung», Richtlinie 7.4

Wahrheit, Diskriminierung


7.2024.05 Die «Bodensee Nachrichten» haben mit dem Artikel «Autoposer sind Ausdruck verweigerter Integration» nicht gegen das Diskriminierungsverbot verstossen. Kritik an einer klar definierten Gruppe muss zulässig sein, solange damit nicht negative Werturteile gegen die gesamte Ethnie verstärkt werden. 

Stellungnahme 05/2024 des Schweizer Presserates (X. c. «Bodensee Nachrichten»)
Stichworte: Diskriminierungsverbot
Bestimmungen: Ziff. 8 «Erklärung», Richtlinie 8.2

Audition lors de reproches graves


7.2024.04 En publiant l’article «Crise du logement: Des régies feraient passer des hausses déguisées de loyers» les quotidiens «Tribune de Genève», «Le Matin Dimanche» et «24 heures» n’ont pas violé les chiffres 1 (vérité), 3 (audition lors de reproches graves) de la «Déclaration».

Prise de position 4/2024 du Conseil suisse de la presse (Union suisse des professionnels de l’immobilier de Genève c. «Tribune de Genève», «Le Matin Dimanche» et «24 heures»)
Mots-clefs: Recherche de la vérité, audition lors de reproches graves, l’occasion de prendre position

Dispositions: Chiffre 1 et 3 de la «Déclaration», directive 3.8

 

Schutz der Privatsphäre


7.2024.03 Mit den Angaben K., Frau, Ärztin, im Jahr 2014 «Anfang 40» und tätig im Bereich der Kinder und Jugendpsychiatrie im Kanton Freiburg, Entzug der Berufsausübungsbewilligung im Kanton Freiburg 2017, seit 2018 tätig als Assistenzärztin bei den UPD wurde K. für einen weiten Kreis von Menschen identifizierbar. Für die Verständlichkeit hätte es nicht alle diese Informationen gebraucht.

Stellungnahme 03/2024 des Schweizer Presserates (UPD c. «Berner Zeitung» und «Der Bund»)
Stichworte: Wahrheitspflicht, Trennung von Fakten und Kommentar, Schutz der Privatsphäre, Identifizierung, Gerichtsberichterstattung, Resozialisierung, Recht auf Vergessen, Menschenwürde
Bestimmungen: Ziff.  1, 2, 7 und 8 «Erklärung», Richtlinien 2.3, 7.2, 7.4, 7.5 und 8.1

Wahrheit


7.2024.02 Nach Ansicht des Presserats hat die «Tagesschau» bei der Berichterstattung über den Untersuchungsbericht der Finanzkontrolle mit dem Titel «Autohändler in der Schweiz umgehen Abgas-Strafgebühren» den Inhalt in einer mit der Wahrheitspflicht nicht zu vereinbarenden Weise verdreht. Die Redaktion hat die Kritik der Behörde an der schweizerischen Gesetzgebung zur Reduktion der CO2-Emissionen in einen unberechtigten Vorwurf an die Autohändler umgewandelt, die entsprechenden Vorschriften zu ihrem eigenen Vorteil zu umgehen.

Stellungnahme 02/2024 des Schweizer Presserates (X. c. Schweizer Radio und Fernsehen SRF)
Stichworte: Wahrheitssuche, Gesamteindruck
Bestimmungen: Ziff.  1 «Erklärung», Richtlinie 1.1

Unlautere Informationsbeschaffung


7.2024.01 Der Beschwerdeführer musste als Jungpolitiker und Kommunikationsprofi wissen, wie JournalistInnen arbeiten, und damit rechnen, dass der Inhalt seiner Mail verwendet würde. Ist er damit nicht einverstanden gewesen, hätte er das explizit äussern oder eine Autorisierung verlangen müssen.

Stellungnahme 01/2024 des Schweizer Presserates (Gousset c. «Tages-Anzeiger»)
Stichworte: Wahrheitspflicht, unlautere Methoden bei der Informationsbeschaffung, Interview, Recherchegespräch
Bestimmungen: Ziff.  1 und 4 «Erklärung», Richtlinien 4.5 und 4.6

 

 




Medienschaffende gehören nicht vor den Strafrichter, aber wir müssen über den Quellenschutz sprechen

Damian K. Graf, Prof. Dr. iur., LL.M., Staatsanwalt, Zürich[1]

Résumé: La poursuite pénale pour violation du secret dans la presse échoue régulièrement en raison de la protection étendue des sources prévue par la procédure pénale. L’auteur de la présente contribution propose d’adapter la réglementation sur le point suivant : l’interdiction de séquestrer des documents devrait être limitée à la sphère de garde du professionnel des médias concerné. Ainsi, les enquêtes contre des personnes soupçonnées d’avoir diffusé des informations secrètes seraient possibles, sans limiter directement l’activité journalistique. La mise en œuvre d’une telle « théorie des sphères » mettrait fin à l’impunité de fait dont bénéficient les personnes divulguant des secrets, dans le respect de la liberté des médias.

Zusammenfassung: Die Strafverfolgung von Geheimnisverletzungen im Umfeld medialer Berichterstattung scheitert regelmässig am umfassenden strafprozessualen Quellenschutz. Der Autor des Beitrags schlägt eine punktuelle Neuregelung vor: Das Beschlagnahmeverbot soll auf den Gewahrsamsbereich von Medienschaffenden beschränkt werden. So könnten Ermittlungen gegen tatverdächtige Informanten ermöglicht werden, ohne die journalistische Tätigkeit direkt zu beeinträchtigen. Die Umsetzung einer solchen «Sphärentheorie» würde die faktische Straflosigkeit der Geheimnisverräter beseitigen, ohne die Medienfreiheit zu kompromittieren.

I. Der Geheimnisverrat und die Strafbarkeit von Journalistinnen und Journalisten

1

Unterstützt durch altruistisch motivierte Whistleblower, Hinweisgeber mit persönlicher Agenda oder durch Veröffentlichungen im Darknet, decken Medien regelmässig tatsächliche oder vermeintliche Missstände in Politik, öffentlichem Sektor und Privatwirtschaft auf.

2

Soweit die Informantinnen und Informanten, welche die Medien mit Informationen versorgen, einer Geheimhaltungsverpflichtung unterstehen – zu denken ist namentlich an das Amtsgeheimnis (Art. 320 StGB), das Berufsgeheimnis (Art. 321 StGB), das Geschäfts- und Fabrikationsgeheimnis (Art. 162 StGB) sowie das Bankgeheimnis (Art. 47 BankG) –, machen sie sich dadurch prima vista strafbar. Ein Rechtfertigungsgrund für die Weitergabe lässt sich kaum erfolgreich anführen: Die Schweiz kennt keinen spezifischen gesetzlichen Hinweisgeberschutz – letztmals hat der Gesetzgeber im Jahr 2020 auf eine entsprechende Regelung verzichtet[2] – und die Rechtsprechung zum übergesetzlichen Rechtfertigungsgrund der «Wahrung berechtigter Interessen» ist aus Rücksicht auf die eingegangene Geheimhaltungsverpflichtung (und mangels demokratischer Legitimation dieses Rechtfertigungsgrunds) restriktiv[3]. Der schweizerische Gesetzgeber wurde allerdings teilweise durch die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) überholt, der Whistleblower unter gewissen Umständen straffrei ausgehen lässt, was der EGMR Art. 10 EMRK zu entnehmen glaubt[4]. Ob diese Voraussetzungen erfüllt sind, bedarf jedenfalls einer umfassenden Sachverhaltsermittlung. Entsprechend gerechtfertigt ist die Aufnahme eines Strafverfahrens, sei es von Amtes wegen (Art. 320 StGB) oder gestützt auf einen Strafantrag der verletzten Person (Art. 160 und Art. 321 StGB, Art. 47 BankG).

3

In Ausnahmefällen können auch Journalistinnen und Journalisten infolge ihrer beruflichen Tätigkeit selbst strafrechtlichen Risiken ausgesetzt sein:

  1. Art. 47 Abs. 1 lit. c BankG stellt die Weitergabe von Informationen, die unter das Bankgeheimnis fallen, unter Strafe. Die Anwendbarkeit dieser Bestimmung auf die journalistische Tätigkeit ist unlängst im Fall Lukas Hässig / Inside Paradeplatz ins Blickfeld gerückt[5].
  2. Art. 160 Abs. 2 StGB stellt unter Strafe, wer verratene Fabrikations- oder Geschäftsgeheimnisse «für sich oder einen anderen ausnützt». Darunter kann auch die mediale Berichterstattung fallen, zumal wenn sie dem wirtschaftlichen Vorteil des Publikationsmediums und/oder der Journalistin oder des Journalisten dient[6].
  3. Art. 293 StGB («Veröffentlichung amtlicher geheimer Verhandlungen») zielt darauf ab, die ungerechtfertigte Veröffentlichung von geheim erklärten behördlichen Informationen zu unterbinden[7].
  4. Dagegen ist die Furcht vor einer Anstiftung zur Amtsgeheimnisverletzung (Art. 320 i.V.m. Art. 24 StGB) seit dem EGMR-Urteil i.S. Dammann gegen die Schweiz weitgehend ausgeräumt[8]. Das ist sachgerecht, denn Medienschaffende, die bei Behörden (auch hartnäckig) um Auskunft ersuchen, dürfen davon ausgehen, dass Amtsgeheimnisträgerinnen und -träger sowie deren Hilfspersonen allein jene Informationen weitergeben, deren Offenlegung auf einer gesetzlichen Grundlage beruht (bspw. auf Art. 74 StPO oder dem Öffentlichkeitsprinzip)[9].
4

Die direkte Kriminalisierung von Journalistinnen und Journalisten – sowie weiterer an der Veröffentlichung beteiligter Hilfspersonen – ist angesichts der hervorragenden Stellung der Medienfreiheit (Art. 17 BV, Art. 10 EMRK, Art. 19 f. UNO-Pakt II) und der zentralen Kontrollfunktion der Medien fragwürdig. Erhalten Medienschaffende geheime Informationen und überwiegt das Interesse an deren Veröffentlichung, so wäre es verfehlt, die nicht einer vertraglichen oder gesetzlichen Geheimhaltungsverpflichtung unterliegenden Briefträger der nach Aussen getragenen Nachricht zu bestrafen. Es gilt dies gesetzgeberisch so strikt wie möglich umzusetzen – durch Abschaffung von Art. 293 StGB und Art. 47 Abs. 1 lit. c BankG oder durch die Einführung eines besonderen Rechtfertigungsgrunds für Medienschaffende.

5

De lege lata sind die einschlägigen Straftatbestände, soweit sie im Einzelfall auf Medienschaffende zur Anwendung gelangen sollen, jedenfalls eng auszulegen. An die Strafbarkeit sind hohe Anforderungen zu stellen – gerade auch im Lichte von Art. 10 Abs. 2 EMRK, der verlangt, im Einzelfall zu prüfen, ob die konkrete Einschränkung der Medienfreiheit «in einer demokratischen Gesellschaft notwendig» ist. Je gewichtiger das Veröffentlichungsinteresse, desto weniger kann von Journalistinnen und Journalisten verlangt werden, tatenlos auf der Information sitzen zu bleiben. Art. 293 Abs. 3 StGB trägt diesem Grundsatz zumindest teilweise Rechnung, indem er postuliert: «Die Handlung ist nicht strafbar, wenn der Veröffentlichung kein überwiegendes öffentliches oder privates Interesse entgegengestanden hat.» Das gilt es mutatis mutandis auch bei den anderen Geheimnisverratsdelikten zu berücksichtigen. Die im Bundeshaus diskutierte Ausweitung der Strafbarkeit auf die Veröffentlichung geheimer Daten, die von Dritten illegal beschafft wurden[10], würde die rechtsstaatlich wichtige Funktion von Medien zusätzlich untergraben.

6

Dass Medienschaffende nicht kriminalisiert werden sollen, wenn sie aus einem legitimen Veröffentlichungsinteresse heraus geheime Informationen publizieren, bedeutet nicht, dass auch die Geheimnisverräter straffrei ausgehen sollten. Es besteht ein gewichtiges privates wie öffentliches Interesse daran, dass Amts-, Berufs-, Geschäfts-, Fabrikations- und Bankgeheimnisse gewahrt bleiben[11]. Diese strafrechtlichen Schutzbestimmungen sichern das Vertrauen in institutionelle Integrität, wirtschaftliche Fairness und individuelle Vertraulichkeit. Davon darf und soll nicht abgewichen werden. Gerade in einer zunehmend digitalisierten und globalisierten Welt ist der strafrechtliche Geheimnisschutz nicht obsolet, sondern notwendiger denn je.

7

Dann aber muss auch das Strafprozessrecht so ausgestaltet sein, dass Geheimnisverletzungsdelikte effektiv verfolgt und geahndet werden können. Daran fehlt es derzeit, wie im Folgenden aufzuzeigen sein wird.

II. Der Quellenschutz und dessen Auswirkungen auf die Verfolgung von Geheimnisverletzungen

8

Stellen Sie sich die folgenden zwei Sachverhalte vor:

Fall 1: Ein vertraulicher Kommissionsbericht findet den Weg in die Medien. In der Folge erstattet die betroffene Kommission Strafanzeige wegen Amtsgeheimnisverletzung (Art. 320 StGB) gegen unbekannte Täterschaft (oder die Strafverfolgungsbehörde wird von Amtes wegen tätig). Prima vista kommen über zwanzig Personen als potentielle Täter in Betracht, die den Bericht nachweislich erhalten haben (darunter Kommissionsmitglieder und Bundesbeamte)[12].

Fall 2: Ein Geschäftsführer leitet am Tag seiner fristlosen Kündigung verschiedene heikle Geschäftsdokumente an seine private E-Mail-Adresse weiter. Einige Wochen später erscheint in einem Medium ein kritischer Bericht über geschäftsinterne Vorgänge. Das Unternehmen erstattet Strafantrag gegen den Geschäftsführer wegen des Verdachts auf Verletzung des Geschäftsgeheimnisses (Art. 162 StGB).

9

Im Fall 2 besteht eine auffällige zeitliche Koinzidenz zwischen der Weiterleitung geschützter Informationen und der späteren Publikation, was einen hinreichenden, wenn nicht gar dringenden Tatverdacht gegen den Geschäftsführer begründet. Für einen Schuldspruch dürfte dieser Umstand derweil noch nicht ausreichen. Im Fall 1 liegt unstreitig ein Tatverdacht gegen unbekannte Täterschaft vor – irgendjemand muss das Amtsgeheimnis ja verletzt haben. Weitere Anhaltspunkte zur Eingrenzung des möglichen Täterkreises bestehen indes nicht.

10

Wie lassen sich derartige Fälle von Geheimnisverrat an Medienschaffende mit den Instrumenten der Strafprozessordnung überhaupt verfolgen?

11

Zunächst ist an Personalbeweise zu denken, also an die Einvernahme der möglicherweise involvierten Personen:

12
  • Der Geschäftsführer kann als beschuldigte Person von seinem Mitwirkungsverweigerungsrecht (Art. 113 Abs. 1 StPO) Gebrauch machen. Dasselbe gilt für die Empfänger des Kommissionsberichts, die allesamt nicht als beschuldigte Personen ausgeschlossen werden können und daher im Verfahren vorerst als sogenannte beschuldigtenähnliche Auskunftspersonen zu behandeln sind (Art. 178 lit. d StPO; zu ihrem Aussageverweigerungsrecht Art. 180 Abs. 1 StPO). Bei einem grösseren Personenkreis wie im Fall 1 (siehe Rn. 8) wird zur Ressourcenschonung mitunter ein schriftlicher Bericht der betroffenen Personen eingeholt (Art. 145 StPO). Ihre Mitwirkung ist in jedem Fall freiwillig, und eine verweigerte Aussage oder Stellungnahme darf selbstredend nicht zur Konstruktion eines Tatverdachts gegen die betreffende Person herangezogen werden.
13
  • Dass der Geheimnisverräter seine Tat von sich aus zugibt, ist recht selten. Entsprechend rücken der Medienschaffende und dessen Hilfspersonen als potentielle Zeugen (Art. 162 ff. StPO) in den Fokus. Diese Ermittlungsschiene bleibt jedoch in der Regel ebenfalls ohne Erfolg. Denn Art. 172 Abs. 1 StPO gewährt «Personen, die sich beruflich mit der Veröffentlichung von Informationen im redaktionellen Teil eines periodisch erscheinenden Mediums befassen, sowie ihre[n] Hilfspersonen» ein Zeugnisverweigerungsrecht. Sie können sich somit grundsätzlich einer Mitwirkung im Strafverfahren entziehen, um ihre journalistische Tätigkeit und insbesondere den Schutz ihrer Quellen zu wahren. Dieses Recht ist zwar nicht absolut: Nach Art. 172 Abs. 2 StPO besteht eine Aussagepflicht, wenn das Zeugnis notwendig ist, um eine Person aus einer unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben zu retten (lit. a), oder wenn die Aussage für die Aufklärung einer besonders schweren Straftat unerlässlich ist (lit. b). Der in Art. 172 Abs. 2 lit. b StPO enthaltene – abschliessende – Deliktskatalog beschränkt sich derzeit auf Tötungsdelikte, Verbrechen, die mit Freiheitsstrafe von mindestens 3 Jahren bedroht sind, sowie ausgewählte schwere Straftaten (u.a. Sexualstraftaten, kriminelle Organisation, Geldwäscherei, Korruption, qualifizierte Betäubungsmitteldelikte). Geheimnisverratsdelikte sucht man dort vergebens. Folglich können sowohl die Medienschaffenden, die den Artikel zu den geheimen Informationen veröffentlicht haben, als auch alle Personen, die sie dabei unterstützt haben, die Aussage und Mitwirkung im Strafverfahren verweigern. In der Praxis machen sie von diesem Recht in aller Regel Gebrauch (und teilen dies oftmals bereits im Vorfeld mit, sodass zur Schonung der Ressourcen aller Beteiligten mitunter auf die Durchführung einer Einvernahme verzichtet wird).
14

Führen Personalbeweise nicht weiter, rücken Sachbeweise, allen voran Aufzeichnungen in digitaler oder physischer Form, in den Vordergrund:

15
  • Zunächst können etwaige Auszüge aus Originaldokumenten, die von Medienschaffenden veröffentlicht wurden, zur Eruierung der Täterschaft ausgewertet werden[13]. Auch Logdaten – also Informationen darüber, welche Mitarbeitenden wann auf die betreffenden elektronischen Dokumente zugegriffen haben – können ein gewichtiges Indiz darstellen. Fehlen solche Daten oder ist die Beweislage noch zu schwach, stellt sich die Frage, ob und bejahendenfalls auf welchem Weg eine allfällige Kommunikation zwischen der Täterschaft und dem Medienschaffenden sichergestellt werden kann.
16
  • Beim Medium oder bei den Journalistinnen und Journalisten ist nichts zu holen: Können sich diese Personen auf das Zeugnisverweigerungsrecht nach Art. 172 StPO berufen, so geniessen sie nach Art 264 Abs. 1 lit. c StPO denselben Schutz vor Sicherstellung, Durchsuchung und Beschlagnahme von Kommunikationsinhalten zwischen ihnen und ihren Quellen – vorausgesetzt, die Medienschaffenden sind nicht ihrerseits (mit-)beschuldigt.
17
  • Diese Kommunikation darf auch nicht bei allfälligen identifizierten Quellen – wie im Fall 2 (siehe vorne Rn. 8) beim Geschäftsführer – sichergestellt werden. Nach Art. 264 Abs. 1 StPO gilt das Beschlagnahmeverbot «ungeachtet des Ortes, wo [die Aufzeichnungen] sich befinden». In BGE 140 IV 108, dem bekannten «Blocher-Entscheid» im Zusammenhang mit der Affäre um den früheren Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank, hat das Bundesgericht diesen Grundsatz konsequent angewandt: Der Schutz greift nicht nur, wenn die Dokumente unmittelbar bei der Journalistin oder dem Journalisten sichergestellt werden sollen. Auch eine als Quelle oder Informantin verdächtigte Person kann sich auf das Beschlagnahmeverbot berufen, sofern sich entsprechende Aufzeichnungen in ihrem Besitz befinden. Das Bundesgericht hat diese Rechtsprechung in seinem Urteil zur «Corona-Leaks»-Affäre bestätigt und dabei klargestellt, dass auch Leitungsorgane von Medienunternehmen in den Schutzbereich des Zeugnisverweigerungsrechts nach Art. 172 StPO einbezogen sind[14]. Zudem hat es festgehalten, dass Anhaltspunkte auf ein etwaiges rechtsmissbräuchliches Verhalten nicht ausreichen, um das Beschlagnahmeverbot zu durchbrechen – wobei ohnehin nicht recht einzusehen ist, inwieweit ein gesetzlich ausdrücklich vorgesehenes Beschlagnahmeverbot überhaupt rechtsmissbräuchlich angerufen werden kann. Selbst wenn beim beschuldigten Geschäftsführer im Fall 2 eine Hausdurchsuchung durchgeführt und dessen EDV-Geräte sicherstellt oder mittels Editionsverfügung (Art. 265 StPO) bei einem Provider auf dessen E-Mail-Account zugegriffen wird, darf die für das Verfahren zentrale Kommunikation, auf deren Auffindung die Zwangsmassnahme abzielt, gar nicht verwertet werden. Verlangt die mutmassliche Quelle die Siegelung (Art 248 StPO) und beruft sie sich dabei auf den Quellenschutz, ist im Entsiegelungsverfahren damit die gesamte direkte Kommunikation mit dem Medienschaffenden auszusondern[15]. Die Speichergeräte des Geschäftsführers sind daher nur in geringem Ausmass untersuchungsrelevant. So könnte (aus Sicht der Strafverfolgungsbehörden) etwa «gehofft» werden, dass der Geschäftsführer die Kommunikation mit dem Journalisten gegenüber einem unbeteiligten Dritten offengelegt, die Tat in Nachrichten gegenüber einer anderen Person (etwa der Ehefrau) eingestanden oder bereits vor der Publikation nach entsprechenden Medienartikeln gegoogelt hat. Ob die geringe Aussicht, auf solche Zufälligkeiten zu stossen, angesichts der angespannten Ressourcensituation der Strafverfolgungsbehörden eine Hausdurchsuchung zu rechtfertigen vermag, erscheint fraglich.
18
  • Schliesslich könnte die Staatsanwaltschaft versucht sein, mittels Verbindungsdaten einen Zusammenhang zwischen den Telefonanschlüssen oder E-Mail-Adressen einer bestimmten Person oder Personengruppe und jenen involvierter Journalistinnen und Journalisten bzw. Medien herzustellen. Art. 273 StPO erlaubt grundsätzlich die rückwirkende Erhebung solcher Verbindungsdaten, wobei hierfür eine Genehmigung durch das Zwangsmassnahmengericht erforderlich ist (Art. 274 StPO)[16]. Bei Lichte betrachtet ist der Quellenschutz in aller Konsequenz auch bei der rückwirkenden Erhebung von Randdaten zu berücksichtigen[17], denn bereits der blosse Umstand, dass überhaupt ein Kontakt zwischen einem Informanten und einem Medienschaffenden stattgefunden hat, fällt unter den Quellenschutz (vergleichbar mit dem Umstand, dass jemand einen Anwalt mandatiert hat)[18].
19

Als Zwischenfazit lässt sich festhalten: Die strafrechtliche Verfolgung von Geheimnisverletzungsdelikten stösst auf erhebliche praktische Hürden, die sich aus dem Quellenschutz ergeben. Ob und wann eine wegen eines Geheimnisverrats beschuldigte Person mit Medienschaffenden in Kontakt stand und was Gegenstand dieser Kommunikation war, darf im Strafverfahren nicht verwertet werden. Genau jene Kommunikation also, die einer verdächtigen Person nachgewiesen werden müsste, unterliegt dem Beschlagnahmeverbot nach Art. 264 Abs. 1 lit. c i.V.m. Art. 172 StPO.

20

Die Offenbarung von Geheimnissen an Journalistinnen und Journalisten ist heute also faktisch straflos – wenn auch nur indirekt über das Prozessrecht, weil keine diesbezüglichen Beweiserhebungen zulässig sind.

III. Reformbedarf beim Quellenschutz

21

Als Folge der aktuellen Rechtslage und Rechtsprechung lassen sich Strafverfahren wegen Geheimnisverrats im medialen Kontext kaum erfolgsversprechend führen. Gleichwohl besteht eine gesetzliche Pflicht zur Verfolgung solcher Delikte, sei es von Amtes wegen oder auf ausdrücklichen Strafantrag hin, weshalb entsprechende Strafverfahren trotz geringer Erfolgsaussichten eingeleitet und durchgeführt werden müssen. Dies bindet Ressourcen, die andernorts sinnvoller eingesetzt wären. Zugleich beeinträchtigt die aktuelle Ausgestaltung die generalpräventive Wirkung der Geheimnisverletzungsdelikte erheblich – allen voran Art. 320 StGB, der im Interesse eines funktionierenden Behördenbetriebs und zum Schutz parlamentarischer Kommissionsarbeit einen hohen Stellenwert geniesst.

22

Inwieweit dieser Zustand geändert werden soll, ist eine rechtspolitische Abwägungsfrage zwischen dem Schutz der Vertraulichkeit und der Medienfreiheit.

23

Denkbar wäre eine Erweiterung des Deliktskatalogs in Art. 172 Abs. 2 lit. b StPO (Ausnahmen vom journalistischen Quellenschutz) um die Geheimnisverratstatbestände. Das würde bedeuten, dass das Zeugnisverweigerungsrecht und in der Konsequenz auch das Beschlagnahmeverbot für solche Delikte nicht mehr greifen würde. Eine solche Ausweitung würde allerdings tief in die Schutzsphäre von Medienschaffenden eingreifen und könnte in Konflikt mit Art. 10 EMRK stehen. Darüber hinaus würde eine solche Erweiterung ein systematisches Ungleichgewicht schaffen, da die übrigen Katalogtaten ausschliesslich besonders schwere Straftaten betreffen, während es sich bei den Geheimnisverletzungsdelikten lediglich um Vergehen handelt.

24

Ein alternativer Regelungsansatz, der die Schutzposition von Medienschaffenden nicht beeinträchtigen würde, bestünde in der Verwirklichung einer Sphärentheorie bei den Beschlagnahmeverboten, nämlich darin, den Zusatz «ungeachtet des Ortes, wo [die Aufzeichnungen] sich befinden» in Art. 264 Abs. 1 StPO zu streichen. Damit bliebe das Beschlagnahmeverbot für Unterlagen, die sich im Gewahrsam von Journalistinnen und Journalisten oder ihrer Hilfspersonen bzw. der Redaktion befinden, weiterhin umfassend bestehen. Zugleich wären Aufzeichnungen, die sich im Besitz tatverdächtiger Personen befinden, vor den Strafverfolgungsbehörden nicht mehr geschützt.

25

Dies würde es ermöglichen, Aufzeichnungen bei tatverdächtigen Personen – wie dem Geschäftsführer im Fall 2 (siehe vorne Rn. 8) – sicherzustellen und gezielt nach Hinweisen auf die untersuchte Geheimnisverletzung zu durchsuchen, ohne dabei die eigentliche journalistische Freiheit bzw. die Sphäre der Medienschaffenden zu tangieren. An den praktischen Problemen des Falls 1 (siehe vorne Rn. 8) würde die hier vorgeschlagene Sphärentheorie dagegen nichts ändern. Hier scheitert es an der auch in anderen Kontexten bekannten grundlegenden Schwierigkeit der Identifikation unbekannter Täterschaft.

26

Der vorgeschlagene Lösungsansatz käme der rechtlichen Situation gleich, wie sie in Deutschland gilt: Nach § 97 Abs. 5 Satz 1 der deutschen Strafprozessordnung ist die Beschlagnahme von Aufzeichnungen und Gegenständen nur insoweit unzulässig, als sich die Aufzeichnungen «im Gewahrsam dieser Personen [d.h. der Medienschaffenden] oder der Redaktion, des Verlages, der Druckerei oder der Rundfunkanstalt befinden»[19].

27

Eine entsprechende Regelung würde sicherstellen, dass der strafprozessuale Quellenschutz die journalistische Tätigkeit weiterhin umfassend schützt, nicht jedoch die Täterschaft hinter einer Geheimnisverletzung. Die Medienfreiheit bliebe durch diese Präzisierung unberührt, würde jedenfalls nicht über Gebühr tangiert.

28

Soll dagegen am umfassenden Quellenschutz festgehalten werden, wäre es letztlich ehrlicher, wenn der Gesetzgeber Farbe bekennt und die Weitergabe geschützter Informationen an Medienschaffende ausdrücklich von der Strafbarkeit ausnimmt – um zu verhindern, dass weiterhin Alibiuntersuchungen eingeleitet werden, die mit grosser Wahrscheinlichkeit ohnehin sistiert oder eingestellt werden müssen.[20]


Fussnoten:

  1. Damian K. Graf, Prof. Dr. iur., LL.M., Staatsanwalt / Abteilungsleiter bei der Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich, Titularprofessor für Straf- und Strafprozessrecht an der Universität Zürich. Der Autor äussert seine persönliche Meinung.

  2. Vgl. AB 2020 N 135 ff.

  3. BGE 114 IV 44, E. 3b; BGer, 6B_305/2011 v. 12.12.2011, E. 4.1 f.

  4. EGMR, 14277/04 v. 12.2.2008, Guja c. Moldawien; EGMR, 21884/18 vom 14.2.2023, Halet c. Luxemburg.

  5. Vgl. Zwangsmassnahmengericht des Bezirks Zürich, GT250161 v. 2.7.2025 i.S. Lukas Hässig / Inside Paradeplatz (nicht amtlich veröffentlicht, jedoch durch ein Medium im Internet publiziert).

  6. Vgl. P. Nobel/R.H. Weber, Medienrecht, Bern 2021, Rz. 100.

  7. Dazu unlängst M. Jean-Richard-dit-Bressel, Das öffentliche Geheimhaltungsinteresse im Widerstreit mit dem Veröffentlichungsinteresse, medialex 01/25, 3.2.2025.

  8. EGMR, 77551/01 v. 25.4.2006, Dammann c. Schweiz; anders noch BGE 127 IV 122, E. 2b/bb.

  9. D.K. Graf/A. Vonwil, in: Graf (Hrsg.), Annotierter Kommentar StGB, 2. Aufl., Bern 2025, Art. 320 N 14; TPF 2018 68, E. 4.3.1.

  10. Postulat 23.4322 («Handhabung der weiteren Verwendung illegal erworbener Daten») vom 17.10.2023, am 20.12.2023 an den Bundesrat überwiesen.

  11. Siehe bereits den biblischen Leitsatz in Sir 27, 16: «Wer Geheimnisse verrät, bricht die Treue und findet keinen Freund mehr nach seinem Herzen».

  12. Ausgeklammert wird nachfolgend die weitere, diffizile Thematik der relativen Immunität gemäss Art. 17 ParlG; der Entscheid über die Aufhebung der Immunität scheint in der Praxis mehr politischen denn rechtlichen Überlegungen zu folgen.

  13. Beispielhaft sei der Fall eines NSA-Mitarbeiters aus dem Jahr 2017 erwähnt: Er übergab der Plattform «The Intercept» ein klassifiziertes Dokument. Die Identifikation des Informanten gelang offenbar, weil er das Dokument zuvor ausgedruckt hatte – und das vom Medium veröffentlichte Dokument anhand sogenannter «Printer Tracking Dots» ihm zugeordnet werden konnte.

  14. BGer vom 31.1.2025, 7B_733/2024. Dazu auch S. Canonica, Hoher Stellenwert für den Quellenschutz, medialex 02/25, 7.3.2025.

  15. Unklar ist, ob die Ausführungen der betroffenen beschuldigten Person im Entsiegelungsverfahren – dahingehend, dass sich dem Quellenschutz unterliegende Aufzeichnungen unter den sichergestellten Daten befinden – ihrerseits als Beweismittel im Strafverfahren verwertet werden können (im Sinne von: «Die beschuldigte Person hat ja selbst eingeräumt, mit dem Medium bzw. dem Journalisten in Kontakt gestanden zu sein»). Dabei handelt es sich jedoch nicht um freiwillige Zugeständnisse. Vielmehr trifft sie im Entsiegelungsverfahren eine strenge Substantiierungsobliegenheit. Es erschiene unbillig, wenn solche Angaben später zu ihrem Nachteil verwendet werden dürften.

  16. Fraglich ist, ob bei der Erhebung bei einer anderen Behörde ein Aktenbeizug i.S.v. Art. 194 Abs. 2 StPO oder eine Anordnung nach Art. 273 StPO der korrekte prozessuale Weg darstellt (offengelassen in BGer vom 29.11.2016, 1B_26/2016, E. 4.4, worin das Bundesgericht die Erhebung derjenigen Telefonanschlüsse und E-Mail-Adressen von Mitarbeitenden und Studierenden der Universität Zürich, die in Kontakt mit bestimmten Telefonanschlüssen sowie E-Mail-Adressen von Journalistinnen und Journalisten bzw. Medien gestanden waren, als unverhältnismässig qualifizierte).

  17. Zur Aussonderungspflicht siehe Art. 271 Abs. 3 StPO; vgl. ferner auch V. Györffy, Quellenschutz im Strafprozess, medialex 2016, S. 79 ff.; nicht thematisiert in BGer vom 29.11.2016, 1B_26/2016, E. 4.4.

  18. Tendenziell BGer vom 30.8.2013, 1B_251/2013, E. 5.4 («[…] Art. 270 f. StPO auch bei Untersuchungsmassnahmen nach Art. 273 StPO sachgerecht mitzuberücksichtigen»); kritisch Th. Hansjakob/U. Pajarola, in: Donatsch/Lieber/Summers/Wohlers (Hrsg.), Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, Schulthess Kommentar, 4. Aufl., Zürich 2020, Art. 273 N 84.

  19. S.a. § 157 Abs. 1 Ziff. 4 (und § 157 Abs. 2 e contrario) der österreichischen Strafprozessordnung; vgl. auch The Law Library of Congress, Journalist Shield Laws in OECD Jurisdictions, September 2021, S. 2: «Shield rules in most of the surveyed jurisdictions are tailored to protect the confidentiality of the news source, and thus, the protections from disclosure also extend to documents, data, and other materials that are in the possession of the journalist or other protected persons that might reveal the identity of the source» (Hervorhebung durch den Verfasser).

  20. Bereits D.K. Graf, Praxishandbuch zur Siegelung, Bern 2022, Rz. 677.


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Aides aux médias, en particulier les aides cantonales en Suisse romande

L’auteure propose un regroupement des forces, telle la création d’une fondation romande

Dominique Diserens, docteure en droit, ancienne Secrétaire centrale impressum – Les journalistes suisses

Zusammenfassung: Die Medien und der Journalismus befinden sich in einer sehr schwierigen wirtschaftlichen Lage und spielen gleichzeitig eine wichtige Rolle für die Demokratie. Nach der Behandlung der Bundeshilfen macht die Autorin in ihrer Studie eine Bestandsaufnahme der kantonalen Hilfen in der Westschweiz. Mit Ausnahme des Kantons Jura gibt es in allen Kantonen der Romandie solche Hilfen. Trotz einiger Gemeinsamkeiten wie beispielsweise die Unterstützung der Presseagentur Keystone-SDA, fehlt es weitgehend an einer Koordination. Dies und die Zurückhaltung bei der Unterstützung veranlasst die Autorin, eine Bündelung der Kräfte vorzuschlagen, beispielsweise durch die Schaffung einer Westschweizer Stiftung zur Unterstützung der Medien. Die Filmbranche in der Westschweiz erhält auf diesem Weg jährlich zehn Millionen Franken. Eine solche Zwischeninstanz hätte neben einer Aufstockung der Unterstützung den Vorteil, dass sie die Unabhängigkeit der Medien und Journalisten nicht einschränken würde.

Résumé: Les médias et le journalisme sont dans une situation économique très difficile et en même temps ils jouent un rôle très important pour la démocratie. Après avoir traité des aides fédérales, l’étude dresse un inventaire des aides cantonales en Suisse romande. Tous les cantons romands connaissent une telle aide, à l’exception du canton du Jura. Il y a des traits communs, comme l’aide à l’agence de presse Keystone-ATS mais on doit constater qu’il n’y a pas de grande coordination. Cela, et la timidité de l’aide, me poussent à proposer un regroupement des forces, telle la création d’une fondation romande d’aide aux médias. Les milieux du cinéma en Suisse romande ont fait pareil, avec dix millions de francs par an à la clef. Cet intermédiaire aurait pour avantage, outre un sursaut de l’aide, une protection de l’indépendance des médias et des journalistes.

La table des matières

I. Introduction   no 1

II. Nécessité des aides
     1. Situation des médias     3
     2. Importance des médias     11

III. Cadre fédéral : les aides existantes et en projet
     1. Les rabais pour la distribution des journaux     13
     2. L’initiative parlementaire d’Isabelle Chassot     17
     3. Visions du Conseil fédéral du 21 février 2024
          A. En général     18
          B. En particulier l’aide aux journaux en ligne    22
     4. Vers un nouvel article constitutionnel sur l’aide aux médias     32

IV. Les aides cantonales aux médias
     1. Introduction     37
     2. Causes et fondements des aides cantonales
          A. Causes     39
          B. Fondement des aides cantonales     40
          C. Aide vaudoise aux médias
               a) Le plan d’action     42
               b) Evaluation intermédiaire par le Conseil d’État du Plan d’action     45
          D. Aide genevoise aux médias     
               a) Des aides ponctuelles     59
               b) Dans le concret     60
               c) Projet de fondation     51
          E. Aide fribourgeoise aux médias
               a) Rappel : la période Covid     65
               b) Aide aux médias régionaux     66
          F. Aide bernoise aux médias     
               a) Objectifs et principes     70
               b) Mesures de soutien     73
               c) Mesures de promotion des compétences médiatiques     76
               d) Aide directe pour le Jura bernois     77
          G. Aide neuchâteloise aux médias     
               a) 2019 – 2024     78
               b) La motion interpartis 2024     79
               c) Proposition du gouvernement du 16 janvier 2025     80
          H. Aide valaisanne aux médias     82
           I. Aide jurassienne aux médias     83

V. Des exemples d’aides communales aux médias
     1.  La ville de Genève     84
     2. La ville de Nyon     87
     3. La ville de Lausanne     90

VI. Récapitulatif des aides cantonales aux médias     91

VII. Dans le reste de la Suisse     103

VIII. Premier bilan des aides cantonales aux médias
          1.  Traits communs     110
          2. Une aide plus axée sur le journalisme?     116

IX. Conclusions et perspectives d’avenir
       1. Les aides cantonales aux médias: Une aide suffisante? Une aide efficace?     118
       2. Perspectives d’avenir     122
       3. Remarques finales     126


 

I. Introduction

1

Importants pour la démocratie, les médias et le journalisme sont dans une situation difficile. Ces constats mènent à la reconnaissance d’aides fédérales et cantonales aux médias. Alors que ces dernières se sont multipliées, il en a été peu ou pas question dans la littérature juridique ou spécialisée. Cet article se focalisera sur les aides cantonales en Suisse romande. Un premier bilan sera tiré. Les conclusions amorcent des perspectives d’avenir.

2

Je remercie Luc Recordon, avocat, ancien conseiller aux Etats pour ses lectures avisées, ses conseils judicieux et son soutien indéfectible. Je le remercie aussi d’avoir contribué à la rédaction du point III. 4,  no 32. Vers un nouvel article constitutionnel sur l’aide aux médias. Je remercie également Bertil Cottier, professeur emeritus, Université de Lausanne/Universita della Svizzera italiana, Chair European Commission against Racism and Intolerance pour son avis décisif, ses remarques judicieuses et son soutien. Je remercie aussi Thomas Dayer, secrétaire général adjoint de la République et canton de Genève pour ses informations sur l’aide genevoise aux médias. De même qu’Amélie Nappey-Barrail, responsable du bureau de la communication, Secrétariat municipal de la Ville de Lausanne pour ses informations sur l’aide aux médias de Lausanne. L’évocation d’un projet de Fondation romande d’aide aux médias sous  nos 118 sq. a été inspirée par les travaux de Frédéric Gonseth, cinéaste et Président de Médias pour Tous que je remercie. Ces travaux ont été réalisés sur la base de colloques en Suisse romande réunissant la branche des médias.

II. Nécessité des aides

1. Situation des médias

3

La situation économique des médias est très difficile. Cela est particulièrement le cas en Suisse romande, mais pas seulement.

4

Le Conseil fédéral résume ainsi les difficultés de la presse (Rapport du Conseil fédéral du 21 février 2024 en réponse au postulat Christ 21.3781 du 17 juin 2021, Réfléchir dès aujourd’hui à la stratégie d’aide aux médias de demain) : «Avec la transformation numérique, les médias suisses se trouvent confrontés à de grands défis. Ces dernières années, l’utilisation s’est tournée, en particulier chez les jeunes, vers les offres en ligne et les médias sociaux au détriment des médias traditionnels (radio et télévision linéaires, presse). Parallèlement, les recettes publicitaires se sont déplacées vers des plateformes en ligne étrangères, comme Google et Facebook, qui ne produisent pas de contenus journalistiques propres. Le financement des médias est menacé».

5

« Chute inexorable des recettes publicitaires et érosion du lectorat, les deux piliers de la prospérité de la presse» pour paraphraser le Temps (Le modèle économique déclinant de la presse, de Marc Guéniat, 30 janvier 2022). Pour les responsables de TX Group qui édite des titres comme 24Heures et le TagesAnzeiger, «En douze ans, le financement a été complètement inversé. En 2008, jusqu’à 70 % des recettes provenaient de la publicité, contre un tiers aujourd’hui» (même article du Temps).

6

Comme déjà évoqué, la publicité qui était l’une des sources de financement principales de la presse écrite s’est déplacée vers les plateformes en ligne étrangères. Les recettes estimées de ces plateformes s’élevaient en 2022 entre 1690 et 2070 millions de francs (Rapport précité du Conseil fédéral, du 21 février 2024). En 2022, la presse, la radio et la télévision ont enregistré un chiffre d’affaires publicitaire de 1515 millions de francs. En 2019, elles se sont élevées encore à 1919 millions de francs (Rapport précité du Conseil fédéral du 21 février 2024).

7

Tous les médias se sont restructurés : Début 2024 ESH Médias biffait une quarantaine de postes. Ringier biffait 55 emplois. Tamedia annonçait une restructuration sans pareil avec 270 suppressions de postes. A la mi-juin 2025, Tamedia annonçait une restructuration de 20 minutes, avec la fin de la version papier, 80 postes menacés et la disparition de rédactions régionales, comme à Genève. La Région aussi, à Yverdon, annonçait en juillet 2025 sa disparition après 19 ans d’activité. La fermeture du journal concerne 19 personnes. La SSR, quant à elle, est forcée d’économiser. «Depuis 2003, plus de 70 journaux ont ainsi disparu. L’information locale s’en trouve affaiblie» (Explications du Conseil fédéral sur la nouvelle loi sur un train de mesures en faveur des médias pour la votation du 13 février 2022). En Suisse romande, plusieurs journaux populaires comme Le Matin papier ou l’Hebdo, et maintenant la Région, ont fermé boutique. Cette suppression d’emploi réduit fortement la qualité des médias. Comment faire de la qualité avec des rédactions moribondes ? Il y a aussi une grave atteinte à la diversité.

8

La pagination des journaux papier de Tamedia suisses alémaniques et romands (24Heures et Tribune de Genève) a baissé. Il en est de même pour 20Minutes. La tendance est générale en Suisse romande.

9

Les chiffres sont parlants : le nombre d’emplois dans le journalisme a diminué d’un quart entre 2011 et 2019, selon l’Office fédéral des statistiques, passant de 17’000 à 13’000.

10

En réponse à l’évolution du marché, une tendance à la concentration est à noter : réductions, regroupements ou fusions, voire fermeture des rédactions. Alors qu’en 2009, on comptait encore 310 titres de presse en Suisse, ils n’étaient plus que 251 en 2022 (Rapport du Conseil fédéral précité, du 21 février 2024).

2. Importance des médias

11

Les médias et les journalistes jouent un rôle fondamental dans la société démocratique. Encore plus en Suisse où la démocratie directe a beaucoup de poids. Les médias et les journalistes sont précieux pour la formation de l’opinion publique sur des sujets d’intérêt général. La Cour européenne des droits de l’homme et le Tribunal fédéral disent que les médias sont les «chiens de garde» de la démocratie (arrêt Goodwin de la CEDH du 27 mars 1996, et commentaire de la Constitution, Onlinekommentar sur l’article 17 Constitution fédérale).

12

Le Rapport explicatif du Train de mesures en faveur des médias du Conseil fédéral pour les votations du 13 février 2022 résumait ainsi l’importance des médias : «Les journaux, les radios et télévisions privées et les médias en ligne fournissent chaque jour à la population des informations sur sa région et son pays. Ils contribuent aussi à la formation de l’opinion politique et à la cohésion sociale. Malgré ce rôle essentiel, les médias locaux et régionaux rencontrent des difficultés financières (…) De nombreux journaux ont disparu, les radios et télévisions privées voient elles aussi leurs recettes publicitaires diminuer. La couverture médiatique dans les régions, et donc la cohésion sociale, s’en trouve affaiblie».

III. Cadre fédéral : les aides existantes et en projet

1. Les rabais pour la distribution des journaux

13

La presse bénéficie de taxes préférentielles pour la distribution postale des journaux et ce, dès 1849 (Voir Stéphane Werly et Denis Barrelet, Droit de la communication, 3e édition, Berne 2024, p. 260, nos 695 sq). Ce système d’aide indirecte se fonde sur la loi du 17 décembre 2010 sur la poste (LPo).

14

Pour 2025, il est prévu 30 millions de francs pour ces rabais. En 2025, le Conseil fédéral a fixé à 28 centimes par exemplaire distribué par la poste le rabais octroyé. En 2024, 147 journaux et périodiques locaux et régionaux bénéficiaient de cette aide. La presse associative et les fondations bénéficient aussi de ce rabais à concurrence de 20 millions. C’est donc une subvention de 50 millions qu’accorde la Confédération pour le transport de journaux par la poste à un prix réduit.

15

Le 4 mars 2025, le Parlement a avalisé une aide financière supplémentaire de 35 millions de francs sur la base d’une initiative parlementaire de Christine Bulliard-Marbach, «Pour une presse écrite indépendante, il faut adapter les montants de l’aide indirecte». La presse régionale et locale recevra 40 millions de francs par année, soit 10 millions de plus qu’aujourd’hui. De plus, une nouvelle aide sera versée pour la distribution matinale des journaux, d’un montant de 25 millions de francs. Le Parlement a maintenu l’aide indirecte pour la presse des associations et des fondations. Elle subsistera donc avec un montant à hauteur de 20 millions par an.

16

Les aides indirectes sont valables durant une période de sept ans. Ce délai serait suffisant selon le Parlement pour que la presse s’adapte à la nouvelle donne technologique, soit la numérisation.

Le parlement a entériné le 21 mars 2025 ces améliorations pour la presse. Un comité dit «Liberté» a lancé un référendum contre le projet. Il réunit principalement des jeunes UDC et PLR. Le référendum n’a pas abouti. C’est donc une bonne nouvelle pour les médias, mais pas suffisante pour mettre à flot la presse.

2. L’initiative parlementaire d’Isabelle Chassot

17

En 2022, la sénatrice Isabelle Chassot a déposé une initiative parlementaire (22.417 – Mesures d’aide en faveur des médias électroniques) proposant trois points de révision qui n’étaient pas contestés dans la votation de février 2022 sur le Train de mesures en faveur des médias, soit le soutien de la formation et des formations continues, le soutien de l’autorégulation de la branche, le soutien des agences de presse d’importance nationale. Ces trois soutiens seraient financés par un prélèvement de 1 % au plus du produit total de la redevance radio-télévision. La Commission compétente du Conseil des Etats a délibéré le 8 juillet 2024 de cet objet et l’a approuvé ; pour que les mesures soient applicables rapidement, elle a mis en consultation son avant-projet (jusqu’au 28 octobre 2024). Le 20 janvier 2025 un rapport sur la procédure de consultation a été publié. La majeure partie des participants à la consultation s’est prononcée en faveur du projet de loi de la majorité de la Commission. Le 18 juin 2025 le Conseil des Etats a adopté le projet. Ce dernier est devant la Commission du Conseil national (en l’état d’août 2025).

3. Visions du Conseil fédéral du 21 février 2024

A. En général

18

Dans un rapport du 21 février 2024 (déjà cité dans cet article), qui est une réponse au postulat Christ (21.378) «Réfléchir dès aujourd’hui à la stratégie d’aide aux médias de demain», le Conseil fédéral soumet trois options pour une aide aux médias indépendante du canal de diffusion.

19

Le premier modèle soutiendrait les radios et télévisions ne disposant pas d’un mandat de prestations ainsi que les offres en ligne des éditeurs. Les offres des petits médias pourraient bénéficier d’un soutien plus élevé que celles des grands médias. Les médias gratuits pourraient aussi être soutenus. C’est une option à moyen terme.

20

Comme mesure de long terme, le Conseil fédéral propose une extension du mandat de prestations de service public. Pour le Conseil fédéral, une aide pour la presse écrite en dehors de l’aide indirecte nécessiterait une révision de la Constitution. Cette option ne serait pas prioritaire pour le Conseil fédéral.

21

Des mesures générales d’accompagnement profitant à la totalité de la branche, comme l’aide aux agences de presse ou à la formation seraient envisageables à court terme (voir les mesures proposées sous  no 17).

B. En particulier l’aide aux journaux en ligne

22

En 2022, le Train de mesures en faveur des médias qui a été rejeté par votation populaire de février 2022 prévoyait une aide en faveur des journaux en ligne.

23

En plus de l’aide indirecte, le projet adaptait la politique des médias dans ce sens, en facilitant la transition des entreprises vers le numérique. «L’objectif est d’encourager en particulier les petits et moyens éditeurs à investir dans des offres numériques pendant la phase de transformation». Cette aide était temporaire et durait sept ans.

24

«Grâce à une somme de 30 millions de francs par année, le Parlement veut s’assurer que la population puisse s’informer sur des sujets politiques, économiques et sociaux locaux, en ayant accès à l’Internet dans toutes les parties du pays et dans toutes les langues nationales» (Rapport explicatif du Train de mesures en faveur des médias, février 2022). Les offres gratuites étaient exclues. L’aide était limitée aux offres qui réalisent des recettes auprès du public.

25

Dans son rapport de février 2024, le Conseil fédéral présente des modèles «qui permettent d’utiliser les aides existantes de manière à ce que les médias en ligne et les médias gratuits en profitent également». «Il met l’accent sur une aide indépendante du canal de diffusion, sans mandat de prestations, qui doit favoriser, dans toutes les régions du pays, la production de contenus journalistiques, principalement au niveau local-régional». «L’aide pourrait être attribuée suivant le modèle du rabais sur la distribution pour la presse régionale et locale : le média qui remplit des critères prédéfinis a droit à une subvention calculée en fonction de critères spécifiques».

26

La première option du Conseil fédéral est donc d’introduire une aide à tous les médias électroniques, indépendante du canal de diffusion et sans mandat de prestations. Cette option serait réalisable à moyen terme. Elle serait introduite sur la base de l’article 93 al. 1er Constitution fédérale. Il s’agirait d’une nouvelle aide aux médias, indépendante du canal de diffusion et sans mandat de prestations, calculée en fonction du nombre de postes journalistiques ou du chiffre d’affaires et qui privilégie les petites organisations de médias. Les objectifs de l’aide seraient la promotion de la qualité et de la diversité des médias.

27

Cette vision repose aussi sur un rapport de la Commission fédérale des médias datant du 10 janvier 2023 : «A l’avenir, tous les médias privés devraient bénéficier d’une aide, quel que soit leur canal de distribution pour autant que leurs contenus journalistiques s’adressent à un large public. Les mesures de soutien doivent être technologiquement neutres». (Rapport Avenir de l’aide aux médias, Impulsions pour une aide technologiquement neutre aux offres journalistiques privées, 10 janvier 2023).

28

Le Conseil fédéral a accepté le 21 mai 2025 une motion de la Conseillère nationale Barbara Schaffner demandant le soutien des médias en ligne (25.3363 du 21 mars 2025 – Aide aux médias en ligne indépendamment du canal de diffusion et du modèle d’affaires). La motion reprend les termes et conditions du Rapport précité du Conseil fédéral du 21 février 2024.

29

Le soutien doit inciter les médias suisses en ligne à créer des contenus journalistiques et renforcer la diversité des titres et de l’offre, en particulier au niveau régional. Cette aide ne doit pas dépendre du contenu du média ni de ses articles pris isolément mais elle doit être calculée en fonction des postes de journalistes dans ce média. Elle doit de plus être dégressive, de telle sorte que les petits médias, surtout les titres régionaux reçoivent proportionnellement plus que les grands. L’offre doit être constituée en majeure partie d’informations d’intérêt général produites par le média lui-même et portant sur des sujets politiques, économiques ou sociaux.

30

Il faut noter qu’il y a treize ans Luc Recordon, alors conseiller aux Etats, avait déjà fait une proposition pour soutenir les journaux en ligne, qui avait été acceptée par le Conseil fédéral (12.3579 Postulat du 14.6.2012– Développement des journaux en ligne).

31

On peut être satisfait qu’enfin une proposition, après le Rapport précité du Conseil fédéral de 2022, émanant du Parlement sur le sujet soit acceptée par le Conseil fédéral. Les journaux en ligne se multiplient et ils ajoutent du contenu de valeur : citons entre autres Republik, Watson, Infosperber, Bon pour la tête, Heidi News, La Méduse, etc. Comme on le verra, les aides ont tendance à favoriser l’innovation. Or, beaucoup de ces nouveaux titres sont le fruit d’innovations. Il est urgent de les soutenir.

4. Vers un nouvel article constitutionnel sur l’aide aux médias

32

Sous l’impulsion du rédacteur en chef du Quotidien jurassien, Rémy Chételat, et de l’éditeur de ce titre, Sébastien Voisard, ainsi que de l’ancien conseiller national jurassien Jean-Claude Rennwald, l’association Nouvelle presse a réuni en octobre 2024 à Lausanne une assemblée d’une centaine de personnes afin de débattre de l’idée d’un nouvel article constitutionnel fédéral sur l’aide aux médias. Les participant-e-s, issus des milieux du journalisme (au sens large du terme) écrit et audiovisuels, des éditrices et éditeurs des ces domaines, du parlement et de la société civile, ont accueilli l’idée favorablement; un groupe de travail s’est ensuite formé pour tenter de concrétiser le projet et trouver des appuis.

33

À l’été 2025, un premier texte d’article 93a (nouveau), intitulé “Soutien à la qualité et à la diversité du journalisme et des médias” a émergé. Les éléments à en retenir sont les suivants.

34

Le but est de garantir l’indépendance et la diversité des médias et de favoriser leur contribution à une information libre et fiable du public.

  • À cette fin, la Confédération et les cantons devraient prévoir, dans le respect du principe de la liberté économique, une aide financière adaptée aux différents types de médias et tenant compte des particularités régionales et des besoins des minorités linguistiques.
  • Il appartiendrait à ces collectivités d’encourager la formation de base et continue des journalistes ainsi que des autres collaboratrices et collaborateurs des médias, notamment en vue de favoriser l’emploi, de promouvoir l’éducation aux médias et de soutenir des projets d’innovation technologique dans le domaine de la communication de masse.
  • Pour garantir une adoption impartiale et rapide des mesures destinées à concrétiser ces objectifs, il conviendrait d’instituer un processus décisionnel particulier et de définir avec précision les critères présidant à l’attribution de soutiens financiers.
35

L’hypothèse d’inclure dans le texte une redevance affectant les moteurs de recherche et réseaux sociaux ou issue de la TVA est encore en discussion.

36

Cette mouture initiale est appelée à recevoir assez d’appui pour que démarre un processus auprès des autorités fédérales, voire – au besoin – une initiative populaire.

IV. Les aides cantonales aux médias

1. Introduction

37

La crise sanitaire en 2020 a motivé des cantons à aider leurs médias touchés par la crise du covid. Cela a aidé à une reconnaissance dans certains cantons de la situation économique difficile traversée par les médias et de leur importance. Dès les années 2020, aidés par la situation liée au covid, les cantons romands se sont mis à prévoir des aides aux médias que cela soit dans un cadre législatif ou dans un cadre ponctuel.

38

En 2020, le canton de Vaud a été pionner en accordant une enveloppe de 6,2 millions sur cinq ans. (voir sous no 42). Le canton et la ville de Genève ont suivi en 2022 et en 2023 par diverses mesures (voir sous  nos 59 sq.). En 2024, le Conseil d’État fribourgeois a décidé d’aider les médias régionaux, de manière temporaire et ponctuelle en attendant les solutions fédérales (voir sous nos 65 sq.). Le canton de Berne a introduit au 1er janvier 2024 des mesures de soutien dans le domaine des médias ainsi que des mesures de promotion de compétences médiatiques (voir sous nos 70 sq.). Dans le canton de Neuchâtel, le Grand Conseil a accepté le 27 mars 2024 une motion interpartis demandant d’aider les médias régionaux (voir sous nos 78 sq.). Dans le canton du Valais, début 2025, le Conseil d’État a décidé de verser une aide de 70’000 francs à l’ATS pour son bureau régional avec un mandat de prestations (voir sous  no 82). Pour l’instant dans le canton du Jura il n’a été accordé qu’une aide exceptionnelle aux médias impactés par la crise sanitaire en 2020 (voir sous no 83). Notons qu’il y a aussi des mesures communales (voir  nos 84 sq.). On traitera de ces mesures cantonales en en rappelant les causes et les fondements (voir sous no 40). On tirera un bilan  (nos 110 sq.) et on conclura avec des perspectives d’avenir (nos 118 sq.).

2. Causes et fondements des aides cantonales

A. Causes

39

Les difficultés importantes du secteur au niveau économique ont déjà été évoquées (sous nos 3 sq.). L’importance des médias a aussi été relevée (voir sous nos 11 sq.). La région est exiguë, plus étroite encore que la Suisse alémanique. Après le rejet du Train de mesures en faveur des médias en février 2022, les cantons en Suisse romande se sont sentis motivés à pallier l’absence de véritable aide au niveau fédéral. En effet, ce texte législatif a été accepté dans tous les cantons romands (voir par exemple la motion déposée au Grand conseil genevois M2875 le 4 octobre 2022). Comme cela a déjà été traité, il n’y a pas de base constitutionnelle fédérale claire pour des aides à la presse écrite (avis du Conseil fédéral, sous nos 18 sq. et de la doctrine dominante et voir pour y pallier nos 22 sq.). C’est pourquoi il n’y a pas encore d’aide directe au niveau national pour la presse écrite. Les aides se sont donc multipliées au niveau des cantons et aussi au niveau des communes. La plupart des mesures ont été prises dans l’attente d’une véritable aide au niveau fédéral (voir le bilan, ci-dessous).

B. Fondement des aides cantonales

40

L’article 28 alinéa 4 de la Constitution genevoise est exemplaire : «toute personne a droit à une information suffisante et pluraliste lui permettant de participer pleinement à la vie politique, économique, sociale et culturelle». Sur cette base, le canton a une obligation active de promouvoir les médias cantonaux et communaux.

41

Les cantons sont compétents en l’absence de compétence fédérale. Confédération et cantons sont également responsables, en parallèle, des mesures de promotion en faveur des médias. Cette compétence, qui se fonde sur la liberté d’information, comprend aussi un devoir d’agir (voir sur le sujet Urs Thalmann, La compétence parallèle des cantons et de la Confédération dans la promotion des médias, in : Jusletter 2 juillet 2018, résumé).

C. Aide vaudoise aux médias

a) Introduction
42

Pour des aides d’urgence, le canton de Vaud, dès avril 2020, a octroyé aux médias une enveloppe de 1,2 million de francs. Elle a été versée au titre de publicité pour les annonces dans les titres en difficultés.

43

En 2020, le canton de Vaud a entériné une série de mesures d’aide aux médias (Exposé des motifs et projet de décret instituant des mesures de soutien à la diversité des médias, sur le postulat Valérie Induni et consorts – «Pour un vrai soutien à la presse et aux médias. Rapport du Conseil d’État au Grand Conseil [2019]). C’est un plan d’action qui vise quatre objectifs :

1) Le maintien et la diversité des médias
2) Le soutien à la production du contenu
3) L’aide à l’innovation
4) L’encouragement d’une culture de l’information.

44

Ce plan d’action prévoit l’investissement de 1,2 million de francs par an sur 5 ans, soit au total 6,2 millions de francs. Prévu pour durer cinq ans, ces mesures devraient faire à leur échéance l’objet d’une évaluation. Elles ont été adoptées le 9 mars 2021 sous la forme d’un décret instituant des mesures de soutien à la diversité des médias (BLV 449.12).

b)  Le plan d’action
aa) Maintien de la diversité des médias
45

Dans le cadre d’une aide limitée dans le temps et transitoire, le canton de Vaud veut augmenter les publicités à caractère civique. Il s’agit de placer des annonces visant à rappeler aux citoyens les dates pour voter ou à faire de la prévention. Pour cela, le cadre financier sur cinq ans est de 2,5 millions de francs.

bb) Soutien à la production du contenu
46

Sous ce titre, le canton prend à sa charge les coûts d’un ETP de journaliste de l’ATS dans le canton de Vaud. Un soutien est aussi accordé à la formation des journalistes au CFJM, à raison de 40’000 francs par an (Cela représenterait quatre à cinq stagiaires par an en moyenne, voir notamment Gilles Labarthe, Aider la presse, Stratégies et perspectives en Suisse romande, Etude réalisée sur mandat de l’Association Nouvelle Presse, Université de Fribourg, p. 27). Cette mesure est destinée aux médias formateurs dont les stagiaires sont inscrits au CFJM. Il ne s’agit pas d’une aide directe au CFJM.

cc) Aide à l’innovation
47

Il s’agit ici de créer une plateforme (kiosque numérique) qui présente l’ensemble des possibilités d’abonnement des médias traitant du canton de Vaud. L’idée est d’allouer une somme estimée à un million de francs sur cinq ans et 250’000 francs pour une étude, soit au total 1,250 million de francs. Il y a aussi sous ce titre un financement de recherches portant sur les nouveaux modèles d’affaires au niveau cantonal.

dd) Culture de l’information
48

Deux volets sont prévus : d’abord, un an d’abonnement est proposé à un tarif très avantageux aux jeunes atteignant leur majorité. Et, dans le cadre de l’éducation aux médias, l’objectif est de favoriser l’exercice d’un esprit critique face à l’information. Des classes ou des établissements pourraient ainsi obtenir des abonnements à des tarifs favorables.

ee) Lancement de «Chek»
49

Pour remplacer le kiosque numérique apparemment peu adapté aux jeunes (Voir Rapport du Conseil d’État neuchâtelois au Grand Conseil Aide aux médias d’importance cantonale, du 15 janvier 2025, a) en réponse à la motion de députés interpartis 24.129 «Déclin des médias régionaux : agir avant qu’il ne soit trop tard !»  b) à l’appui d’un projet de loi instituant des mesures de soutien aux médias d’importance cantonale, ci-après Rapport neuchâtelois du 15 janvier 2025, p. 5), le 3 octobre 2024 a été lancé «Chek» le nouveau projet numérique pour les jeunes Vaudoises et Vaudois. Le projet est conçu pour les jeunes de 17 ans à 25 ans. Alimentée par les éditeurs locaux, de manière indépendante de l’État, la mesure reflète l’ambition de proposer une actualité «locale, dynamique, vérifiée et positive» sur les canaux utilisés par les jeunes et dans les formats qu’ils consomment. Les contributions des médias participants seront rémunérées par le biais de mandats de prestations, garantissant l’indépendance à l’égard de l’État.

ff) Autres aspects du plan d’action
50

Deux autres mesures prévues à l’article 3 du Décret sont à citer : à la litt. G, le soutien complémentaire à des mesures édictées par la Confédération, et à la litt. H le soutien complémentaire à des mesures prises en collaboration avec d’autres cantons. Cette dernière mesure pourrait être la base vaudoise pour créer une fondation romande d’aide aux médias (voir nos 118 sq.).

c) Evaluation intermédiaire par le Conseil d’État du Plan d’action
51

Le Conseil d’État a adopté son rapport intermédiaire sur les effets des mesures prévues par le Plan d’action, dans sa séance du 2 avril 2025 (voir sous www.vd.ch, les décisions du Conseil d’État).

52

L’insertion d’annonces payantes s’est effectuée à raison d’un montant entre 400’000 francs et 670’000 francs par an. Cette mesure a été perçue comme un soutien équitable et accessible à l’ensemble de la presse vaudoise.

53

Pour le soutien à la production de contenu journalistique d’actualité, le canton verse un montant de 100’000 francs annuels à l’ATS pour une période de cinq ans. Cette aide permet de maintenir l’emploi du bureau vaudois. Il y a eu une hausse des dépêches de 25 %.

54

Pour le soutien à la formation des journalistes, le canton aide les médias qui engagent des stagiaires. L’aide sur quatre ans examinés s’est élevée à plus de 150’000 francs. Dix-sept stagiaires-journalistes en formation ont été concernés. La mesure est perçue comme un levier pertinent.

55

Pour l’éducation aux médias, des packs média (abonnement à divers titres vaudois, le but est l’enseignement de compétences spécifiques et un effet anti-fake-news) sont mis à la disposition des enseignants durant trois mois dans un projet-pilote depuis 2022. Pour la durée de l’évaluation, cela a coûté près de 590’000 francs. Passé 5’500 élèves ont bénéficié de la mesure. La durée de trois mois a été jugée trop courte, mais les enseignants ont apprécié l’aide avec un budget annuel de 196’000 francs.

56

Pour le soutien à l’innovation, des études ont été commandées et des éditeurs locaux se sont vus bénéficier d’aides pour de nouveaux projets. Ce soutien a coûté plus de 240’000 francs.

57

Pour le soutien à l’innovation pour la formation de la libre opinion des jeunes, un nouveau média entièrement numérique a été créé sous le nom de Chek. Ce projet se substitue au projet de kiosque numérique. Le projet qui vaut jusqu’ici un demi-million de francs a été lancé en octobre 2024. Trois postes de journalistes ont été créés.

58

Le Conseil d’État juge globalement positives les mesures mises en place. L’aide aurait donc atteint sa cible, soit les éditeurs locaux. L’aide à l’éducation des médias est difficilement mesurable dans ses effets, par exemple. Certaines aides devraient fait l’objet d’une refonte comme cette dernière.

D. Aide genevoise aux médias

a) Des aides ponctuelles
59

Jusqu’ici le Canton de Genève n’a pas édicté de texte de loi sur les aides aux médias. Il a préféré prendre des mesures ponctuelles.

b) Dans le concret
60

Le soutien de l’État genevois aux médias locaux se concrétise de différentes manières, notamment par des achats d’espaces publicitaires. En 2020 et 2021 un recensement avait été effectué. Les achats de prestations de l’État dans les médias avoisinait le demi-million de francs par an sans en faire de la promotion au titre d’une aide aux médias.

61

Historiquement, l’État de Genève a toujours été actif en faveur des médias, notamment pour la Genève internationale. Il a soutenu la Fondation Hirondelle, la plateforme Geneva Solutions, le Club suisse de la presse ainsi que les plateformes Health Policy Watch et The New Humanitarian.

62

Le Conseil d’État a mis sur pied un groupe de travail interdépartemental sur la question des aides aux médias en 2021-2022. Les travaux de ce groupe lui ont permis de renforcer son aide par des mesures ciblées, notamment sur l’éducation aux médias et à l’information et sur la promotion du journalisme d’investigation. Il s’est agi de proposer des accès de presse en ligne pour les élèves, d’offrir des abonnements de presse numériques pour les jeunes de dix-huit ans et d’un soutien à JournaFonds.

63

Le groupe de travail a été réactivé afin de procéder à un suivi de la situation et de réévaluer les mesures existantes respectivement d’en proposer de nouvelles.

c) Projet de fondation
64

Un projet de fondation pour aider les médias à Genève est inscrit à l’ordre du jour au Grand Conseil : «Fondation genevoise pour la diversité des médias locaux». Son objectif est de «soutenir la création de nouveaux médias et la production de contenu éditorial». La fondation serait dotée d’un capital initial de 10 millions de francs, attribué par le Conseil d’État genevois. Ce projet a été déposé le 4 novembre 2024, signé par 27 députés socialistes et verts. Il a été suscité par les restructurations de chez Tamedia en 2024. Un premier projet avait été lancé en 2017, mais faute d’un soutien large, il n’avait pas vu le jour.

E. Aide fribourgeoise aux médias

a) Rappel : la période Covid
65

A Fribourg, en 2020, il a été institué une aide d’urgence à fonds perdus, d’un montant de 5,34 millions. Cette aide avait pour but de «garantir le maintien des postes de travail», voire la «survie des titres» de la presse écrite et de «continuer à offrir une information de qualité». Le montant se partageait à raison de 3,7 millions pour la presse écrite et de 1,64 million pour les radios et télévisions fribourgeoises (Communiqué de presse publié le 21 février 2024, sous www. fr.ch).

b) Aide aux médias régionaux
66

Le 21 février 2024, Fribourg a annoncé vouloir soutenir les médias régionaux. Il s’agit pour le Conseil d’État (Communiqué de presse précité) de soutenir de manière temporaire (pour une durée de quatre ans) et ponctuelle les médias régionaux fribourgeois dans l’attente de nouvelles solutions au niveau fédéral pour une durée de quatre ans.

67

Les principales mesures sont les suivantes :

  • soutien des projets de numérisation des médias durant une période limitée de quatre ans à concurrence d’un maximum de 30 % du montant réel investi. Un montant de 1,8 million de francs est envisagé pour le soutien aux investissements sous cette forme;
  • aussi pour une période de quatre ans, 50 % des frais d’abonnement des médias
    fribourgeois à l’Agence de presse Keystone-ATS. Le coût est estimé à 800’000.- francs pour les quatre ans ;
  • la formation aux médias est aussi ciblée par deux mesures :

– l’État lancera un appel d’offres auprès des médias pour produire des supports pédagogiques numériques d’éducation aux médias destinés aux écoles. 50’000 francs sont prévus à cet effet ;

– renforcer les collaborations existantes entre l’école et les médias régionaux dans le cadre de projets pédagogiques. 50’000 francs par an sur quatre ans sont prévus à cet effet.

68

En novembre 2023, le Conseil d’État a en outre adapté pour traitement par le Grand conseil le projet de loi sur l’accès des jeunes aux médias. Il a été accepté par le Grand conseil le 21 mars 2024. Il s’agit d’offrir un abonnement numérique d’un an à un média régional à tous les jeunes du canton de dix-huit ans. Cela est estimé à 900’000 francs pour une période de cinq ans.

69

Le tout s’élève au maximum à 3,75 millions de francs sur la durée prévue.

F. Aide bernoise aux médias – La loi bernoise sur l’information et l’aide aux médias au 1.1.2024

a) Objectifs et principes
70

La loi bernoise sur l’information révisée au 5 septembre 2022 prévoit l’aide aux médias et la promotion des compétences médiatiques (RSB 107.1).

71

Les objectifs des mesures de soutien sont de faciliter la création et le maintien d’une offre d’information diversifiée et de haute qualité sur des sujets cantonaux régionaux et locaux présentant un intérêt politique (art. 34a al.1er). «Elles contribuent ainsi à la libre formation de l’opinion et facilitent l’exercice des droits politiques aux niveaux cantonal, régional et local».

72

Le principe de l’indépendance est garanti. Il ne s’agit que d’aides indirectes. L’aide directe à des médias ou à des offres médiatiques spécifiques est exclue.

b) Mesures de soutien
73

L’article 34 litt. C énumère les mesures de soutien. Ce sont des aides financières qui sont accordées à des institutions qui soutiennent les médias sous diverses formes (contenus rédactionnels ; infrastructures numériques ; formation ou perfectionnement ; recherche). Les subventions n’excèdent pas 100’000 francs par an et par institution. Pour les soutiens de projets l’aide n’excède pas 20’000 francs par an et par projet aidé.

74

Début 2024, le canton de Berne a passé un contrat de prestations avec l’agence Keystone-ATS pour les années 2024 à 2026. Il verse 100’000 francs par an au titre des prestations fournies par l’ATS.

75

Le canton a aussi soutenu JournaFonds, association regroupant la branche pour encourager le journalisme d’investigation, mais pour un montant moins important pour l’heure et ce, pour une période de trois ans.

c) Mesures de promotion des compétences médiatiques
76

Pour promouvoir des compétences médiatiques, le canton peut adopter ou financer des mesures qui facilitent l’accès à des offres médiatiques.

d) Aide directe pour le Jura bernois
77

La loi, du 13.9.2004, révisée au 1.6.2014, sur le statut particulier du Jura bernois et sur la minorité francophone du district bilingue de Bienne prévoit à ses articles 63 à 66 une aide financière aux programmes de radio régionaux. Ils peuvent donc bénéficier d’aides directes.

G. Aide neuchâteloise aux médias

a) 2019 – 2024
78

Ces cinq dernières années, l’administration a accordé aux médias généralistes d’importance cantonales (ArcInfo, RTN et Canal Alpha) des montants de près de 3 millions de francs.

b) La motion interpartis 2024
79

Dans le canton de Neuchâtel, le Grand Conseil a accepté le 27 mars 2024 une motion interpartis demandant d’aider les médias régionaux. Des soutiens provisoires à court terme sont prévus pour assurer la pérennité des médias sur le long terme. Les mesures suivantes sont de plus proposées. Les nouveaux citoyens pourraient se voir offrir un abonnement d’une année à ArcInfo. Les frais d’abonnement du journal à l’ATS pourraient être pris en charge durant quelques années.

c) Proposition du gouvernement du 16 janvier 2025
80

Le gouvernement neuchâtelois a proposé le 16 janvier 2025 une loi temporaire pour venir en aide à ArcInfo, Canal Alpha et RTN. Un peu plus de 400’000 francs supplémentaires sont budgétisés sur deux ans. Trois mesures sont prévues : une prise en charge de l’abonnement à l’ATS à concurrence de 30 %; un abonnement numérique de trois mois à ArcInfo aux jeunes atteignant la majorité ; aussi une offre d’un abonnement numérique de trois mois à chaque nouvel arrivant.

81

Le Gouvernement a retiré le 31 mars 2025 son projet et ce, après des auditions montrant que les aides proposées n’étaient pas suffisantes. Le projet doit être remanié.

H. Aide valaisanne aux médias

82

Dans le canton du Valais, le 23 janvier 2025, le Conseil d’État a décidé de verser une aide de 70’000 francs à Keystone-ATS pour son bureau valaisan avec un mandat de prestations (Communiqué de presse du 23 janvier 2025). L’aide est annuelle et vaut jusqu’en 2028. L’objectif est de «renforcer la production d’informations régionales en provenance et à destination du canton du Valais». Le Grand Conseil l’a contesté et a réclamé «des règles et des critères clairs en matière de soutien aux médias». Aider l’ATS est cependant de la compétence de l’exécutif valaisan. L’accord de prestations garantit l’indépendance journalistique de l’agence qui assurera cette couverture renforcée selon ses principes rédactionnels habituels. L’État du Valais a précisé qu’en soutenant l’ATS, il entend soutenir « la diversité et l’indépendance des médias qui sont essentielles au bon fonctionnement démocratique et constituent un rempart à la désinformation» (communiqué de presse précité).

I. Aide jurassienne aux médias

83

Pour l’instant dans le canton du Jura, il n’a été accordé qu’une aide exceptionnelle aux médias impactés par la crise sanitaire en 2020 d’un montant de 185’000 francs.

V. Des exemples d’aides communales aux médias

1.  La ville de Genève

84

La ville de Genève organise des bourses de soutien aux médias. Elle sont destinées à soutenir le rôle citoyen, culturel et pédagogique des médias. Ces bourses sont plafonnées à 15’000 francs par bénéficiaire.

85

Il y eut d’abord un projet-pilote en 2020. Ces bourses sont organisées depuis 2023. Elles sont d’un montant annuel de 60’000 francs.

86

La ville de Genève a établi une charte Media pour ces bourses.

87

Ces bourses de soutien sont donc régulières depuis 2023.

2. La ville de Nyon

88

Depuis 2018, la ville de Nyon consacre 120’000 francs par année en soutien aux médias locaux, La Côte et NRTV.

89

En 2023, la ville a augmenté pour 2024 son soutien en dépensant 145’000 francs d’annonces dans le quotidien La Côte.

3. La ville de Lausanne

90

Outre les abonnements et les achats d’espaces publicitaires qui sont liés à des projets spécifiques, le Conseil communal de la Ville a voté en 2023 un amendement au budget 2024 pour un soutien de 100’000 francs à la presse qui viennent s’ajouter aux 70’000 francs proposés par la Municipalité en 2018. Ces aides sont régies par une directive pour l’aide à la presse.

VI. Récapitulatif des aides cantonales aux médias

91

L’ATS est soutenue (ou bien les journaux abonnés) par presque tous les cantons, soit VD, FR, BE, VS et NE dans son projet de loi.

92

La formation des stagiaires (via le CFJM notamment) est financée par VD. BE prévoit une aide à la formation.

93

Accès aux médias : GE, FR et NE dans son projet de loi financent un abonnement numérique aux jeunes de dix-huit ans selon des modalités spécifiques.

94

L’injection de publicité : VD et GE le font, même si pour GE ce n’est pas en tant que promotion de l’aide aux médias.

95

L’innovation est soutenue par VD et FR. Mais VD finance surtout des études à ce titre, tandis que FR entend l’innovation dans le domaine numérique.

96

La formation aux médias est prévue dans le canton de VD, FR et BE (de manière générale pour ce dernier canton).

97

JournaFonds a été soutenu par GE et BE pour l’heure.

98

Une Fondation d’aide aux médias est en projet à Genève, de 10 millions par an pour les médias locaux.

99

Le projet Chek du canton de Vaud vise à lutter contre les fake news (fausses nouvelles) et à faciliter l’accès des jeunes aux médias.

100

Les montants investis sont pour certains chiffrés (VD, FR, VS, NE projet de loi), d’autres non (GE,BE).

101

Certaines aides sont limitées dans le temps (VD cinq ans, FR quatre ans, NE pour le projet de loi deux ans, VS quatre ans), d’autres non comme GE ou BE.

102

VD a prévu dans le décret des mesures en collaboration avec d’autres cantons sans les utiliser jusqu’à maintenant.

VII. Dans le reste de la Suisse

103

Dans cet article, il n’est question que des aides aux médias des cantons de la Suisse romande. En effet, la situation est tout autre en Suisse alémanique. Dans cette région de Suisse, le Train de mesures en faveur des médias a été fortement rejeté en février 2022. Ce vote a marqué si bien qu’à part Berne dont il est question sous nos 70 sq. il n’y a pour l’instant pas d’aides aux médias en Suisse alémanique.

104

Le canton de Soleure décide de ne pas avoir d’aide directe en 2025 (https://www.persoenlich.com/medien/solothurn-will-keine-direkte-presseforderung).

105

En 2024, le gouvernement zurichois a refusé une aide cantonale directe (https://www.persoenlich.com/medien/zurcher-regierung-lehnt-kantonale-forderung-ab).

106

Le Parlement et le gouvernement du canton de Lucerne ont refusé l’aide aux médias en 2023 (https://www.persoenlich.com/medien/luzerner-kantonsrat-stimmt-gegen-medienforderung) (https://www.persoenlich.com/medien/luzerner-regierung-will-keine-kantonale-medienforderung).

107

En Argovie, il y a aussi eu en 2022 un refus d’une loi sur les médias (https://www.persoenlich.com/medien/regierungsrat-will-kein-mediengesetz-vorlegen).

108

En 2024, le Grand Conseil de Bâle contraint le gouvernement à préparer une aide aux médias (https://www.persoenlich.com/medien/grosser-rat-ist-fur-medienforderung).

109

On doit mentionner la situation spécifique des Grisons. Au titre de la promotion des langues, la Confédération verse via l’Office fédéral de la culture la somme de 285’000 francs à Keystone – ATS pour le romanche et l’italophone dans les Grisons. Il existe une fondation, sorte d’agence, la Fundaziun Medias Rumantschas soutenue par la Confédération et le canton (voire pour l’activité de cette fondation et son financement, https://www.fmr.ch/de/). En 2024, le canton a renforcé la couverture médiatique des régions italophones du Sud des Grisons entre autres par une aide accrue à Keystone-ATS. Le canton soutient aussi la formation des journalistes, notamment.

VIII. Premier bilan des aides cantonales aux médias

1.Traits communs

110

La plupart des mesures prises par les cantons sont de durée limitée. Elles sont conçues comme des mesures prises dans l’attente de mesures fédérales pérennes. Il a été constaté cependant (cf. sous nos 40 sq.) que l’obligation d’agir des cantons est parallèle aux compétences de la Confédération. Elles ne devraient donc pas s’achever quand des mesures fédérales pérennes entrent en vigueur.

111

Il s’agit de mesures indirectes la plupart du temps.

112

Plusieurs cantons prennent des mesures de soutien à l’égard de l’agence Keystone-ATS, le dernier en date étant le Valais.

113

Il a été relevé aussi qu’un projet a été mis en consultation au niveau de la Confédération, il inclut également un soutien à l’ATS (cf. sous  no 17).

114

Une autre mesure rencontrée souvent dans les cantons est celle du soutien à la formation initiale, en particulier des stagiaires se formant dans une école de formation aux journalistes reconnue (comme le CFJM). Un projet fédéral, mis en circulation dont il est question sous no 17, prévoit aussi des aides à la formation des journalistes.

115

C’est dire que les mesures de soutien à l’ATS et à la formation ont une reconnaissance large. Il y a donc lieu de perpétuer ces aides tant aux niveaux cantonal que fédéral.

2. Une aide plus axée sur le journalisme ?

116

Les aides passées en revue ne sont pas directement axées sur le journalisme, profitant directement aux journalistes. J’évoquerai ci-après des mesures qui peuvent être directement utiles aux journalistes.

  • Aides au fonctionnement : mise à disposition de locaux sur l’exemple de «Maisons de presse et des journalistes» (à Paris, dans des Pays d’Afrique francophone par exemple). Cela permet aux journalistes et notamment aux journalistes Libres et indépendants ainsi qu’aux correspondants, de pouvoir disposer d’un lieu de travail équipé, aussi pour des rencontres professionnelles et des débats etc.
  • Déductions fiscales : p.ex, pour les employés, déduction fiscale de la cotisation de l’association professionnelle impressum, p.ex., etc.
  • Prise en charge des frais d’abonnements aux journaux.
  • Transports publics gratuits.
  • Mesures d’aide à la modernisation des équipements.
  • Soutien à l’enquête et au reportage, par exemple via JournaFonds, association finançant des enquêtes des reportages de journalistes libres ou d’employés dans de petites rédactions (voir sous www.journafonds.ch).
  • Aides aux structures professionnelles (impressum, sections et groupes de travail d’impressum, sociétés des rédacteurs dans les titres, manifestations etc.).
117

Ces aides sont données à titre d’exemple. Les journalistes libres devraient être les premiers à en bénéficier. Cela renforce fortement la diversité des médias et du journalisme.

IX. Conclusions et perspectives d’avenir

1. Les aides cantonales aux médias : Une aide suffisante ? Une aide efficace ?

118

Il faut constater que les montants en jeu – à part ce qui est prévu peut-être dans le canton de Vaud – sont peu élevés. Il est à se demander si, comme à Fribourg par exemple, malgré l’aide prévue de 3,7 millions, le soutien est efficace, quand en parallèle le Groupe Saint-Paul se restructure avec des licenciements à la clef, ou si il ne rate pas plutôt sa cible. La même question se pose à l’égard de l’aide vaudoise ; cette dernière n’a pas empêché La Région de disparaître (cf. nos 3 sq.).

119

Par ailleurs du fait que les cantons, dans la plupart des cas, ne veulent pas d’aide directe mais seulement indirecte, ils restent timides dans leurs mesures alors que les journaux continuent d’aller mal avec des effets sur la diversité, sur la qualité et menaçant ou détruisant l’emploi de journalistes pleins de talent et de savoir-faire. Cette question serait résolue si les cantons avaient affaire à un intermédiaire (voir ci-dessous).

120

Il est à déplorer aussi qu’il n’y ait que peu ou pas du tout de mesure supra-cantonale, étant donné que tous les titres et groupes ne se limitent pas – et de loin – à un seul canton.

121

On doit constater enfin au vu de la diversité des mesures prévues par les cantons qu’il manque une coordination entre eux.

2. Perspectives d’avenir

122

Presque tous les cantons romands ont instauré des aides aux médias. Une prise de conscience a eu lieu sur l’importance des médias pour la libre formation de l’opinion publique et la démocratie.

123

Mais ces aides en sont tout au début. Pour la Suisse romande, avec environ 2,14 millions d’habitants, très exiguë, il y a beaucoup de systèmes d’aides variés et non coordonnés. Pourtant presque tous ces médias publient dans la même langue et sont actifs dans une même région culturelle.

124

Les milieux du cinéma ont mis sur pied il y a déjà plus de dix ans une fondation romande, dotée annuellement de 10 millions de francs : Cinéforom (voir pour l’organisation et son historique, www.cineforom.ch). Ce genre de structure permettrait pour la presse de préserver l’indépendance des médias et des journalistes puisque l’argent ne serait pas versé directement par les cantons et les communes, mais par l’entité intermédiaire qui pourrait aussi être une association dans un premier temps. Fijou et Nouvelle Presse ont déjà développé de tels modèles (voir l’étude de Gilles Labarthe, pour l’Université de Fribourg, sur commande de Nouvelle Presse, dont il a été question plus haut, voire notamment no 46). Un tel modèle aurait une force de frappe supérieure à tous les régimes d’aides spécifiques à chaque canton.

125

On pourrait ainsi dresser les grandes lignes de cette institution romande :

  • Les organes directeurs devraient être composés de représentants des cantons et communes actifs, et des représentants des secteurs de la branche (associations professionnelles des journalistes et des éditeurs, syndicats).
  • Une telle aide intercantonale coordonnée devrait être instituée avant l’instauration d’une aide fédérale.
  • Les instances étatiques ne participeraient pas au choix des médias aidés, mais elles participeraient à la mise en place des types d’aides et des règlements d’attribution.
  • Comme Cinéforom le prévoit, deux types de contributions pourraient être envisagées : l’une automatique en échange de prestations, l’autre sélective attribuée par des experts représentants les régions et les domaines (journalistes et éditeurs).
  • Les prestations qui pourraient être encouragées sont par exemple la production éditoriale. Il s’agit d’encourager la production et la diffusion de contenus journalistiques de qualité professionnelle.
  • Les aides seraient attribuées au contenu éditorial publié quel que soit le support et l’éditeur.
  • Un minimum de conditions devraient être posées (ex. : ne pas être soutenu par la redevance). L’aide varierait suivant l’aire de diffusion, de l’audience, de la périodicité et du support. L’aide pourrait être remboursable en cas de bénéfice de l’éditeur.
  • Il est aussi imaginable que dans cette fondation – ou association, dans un premier temps – soient représentées, aux côtés des autorités et de la branche, des fondations privées. La création de l’Initiative Philanthropie et médias à l’Université de Genève et dirigée par l’ancien Directeur général de la SRG SSR, Gilles Marchand, pourrait aider à la participation de fondations privées dans ce cadre (pour l’initiative, voir https://www.unige.ch/philanthropie/recherche-et-publications/recherche/philanthropie-et-democratie/initiative-media-et-philanthropie-imp).

3. Remarques finales

126

Les prémices d’un tel projet au niveau romand ont été déjà examinés par la branche dans le cadre de deux colloques qui se sont déroulés en 2022. Il serait rapidement mis en place. Il serait possible d’utiliser la structure existante de JournaFonds, association encourageant le journalisme d’investigation, réunissant les associations de la branche, du moins pour le lancement du projet. Il faudrait que les cantons réunis au niveau intercantonal dans la Conférence des Gouvernements de Suisse occidentale (CGSO, https://www.cgso.ch/) décident de se coordonner et de participer à cette structure au début pour ensuite créer une Fondation romande d’aide aux médias avec les associations privées de la branche et aussi des fondations privées.

127

Le temps presse car il n’y a pour ainsi dire pas un mois où la restructuration ou la disparition d’un média n’est pas annoncée. Les médias et les journalistes souffrent beaucoup de cette situation économique. Or, il faut le répéter, le secteur est décisif pour la démocratie.


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Soupçon bien étayé commence par intérêt public

Aperçu de la jurisprudence fédérale, cantonale et internationale rendue durant l’année 2024 et au début de l’année 2025 en matière de droit civil en lien avec les médias

Louis Wéry[1], MLaw, Fribourg
Jonas Dupraz[2], MLaw, Fribourg

Zusammenfassung: 2024 und die ersten zwei Monate des Jahres 2025 waren geprägt von zahlreichen Entscheidungen zum Persönlichkeitsschutz und zur Meinungsfreiheit auf Bundes-, Kantons- und internationaler Ebene. Auf Bundesebene bestätigte das Bundesgericht in seinem Urteil 5A_56/2024, dass eine Berichterstattung über Verdachtsmomente zulässig ist, wenn sie einem öffentlichen Interesse entspricht und bestimmte Anforderungen einhält, wobei der «Eindruck des durchschnittlichen Lesers» ein zentrales Kriterium bleibt. Im Entscheid 5A_274/2024 hat es die strengen Voraussetzungen für vorsorgliche Massnahmen gegen periodische Medien bekräftigt.
Auf kantonaler Ebene veranschaulichen mehrere Entscheidungen das Spannungsfeld zwischen Persönlichkeitsverletzung, unlauterem Wettbewerb und Medienfreiheit: Das Kantonsgericht Zug beurteilte die landesweit bekannte Forderung von Jolanda Spiess-Hegglin gegen Ringier auf Herausgabe des Gewinns und bezifferte diesen auf über 300’000 CHF; in Zürich hat das Obergericht festgestellt, dass «das Internet nicht vergisst». Ebenfalls in Zürich wies das Handelsgericht die Haftung einer Suchmaschine zurück, weil es ihre Rolle bei der Verbreitung verletzender Artikel als zu indirekt einstufte. Das Kantonsgericht Freiburg beschränkte in einem Entscheid die Mitteilung über eine Kündigung auf einen engen Kreis, um den Ruf der betroffenen Person zu schützen.
Auf internationaler Ebene hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in der Rechtssache Cracò gegen Italien die Aufrechterhaltung eines Urteils mit medizinischen Daten im Internet sanktioniert und damit die Forderung nach einem wirksamen Schutz sensibler Informationen bekräftigt. Der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) schliesslich hat im Fall Real Madrid c. Le Monde die Voraussetzungen präzisiert, unter denen die Vollstreckung einer ausländischen Entscheidung in einer Verleumdungssache wegen offensichtlicher Verletzung der durch die Charta geschützten Pressefreiheit abgelehnt werden kann.

Résumé: L’année 2024 ainsi que les deux premiers mois de l’année 2025 ont été marqués par de nombreuses décisions importantes en matière de protection de la personnalité à l’égard des médias tant au niveau fédéral, cantonal qu’international.
Sur le plan fédéral, le Tribunal fédéral a confirmé, dans l’arrêt 5A_56/2024, qu’un reportage portant sur des soupçons peut être licite s’il répond à un intérêt public et respecte certaines précautions rédactionnelles, en précisant que l’« impression du lecteur moyen » reste un critère central. Un autre arrêt du Tribunal fédéral (5A_274/2024) a rappelé les conditions strictes des mesures provisionnelles contre les médias périodiques.
Au niveau cantonal, à Zoug le tribunal a été saisi dans l’affaire Spiess-Hegglin d’une action en remise du gain ou ce dernier a été chiffré à plus de CHF 300’000. À Zurich, la Cour cantonale a affirmé de manière générale que « l’Internet n’oublie pas ». Toujours à Zurich , le tribunal de commerce a écarté la responsabilité d’un moteur de recherche jugé trop indirectement lié à la diffusion d’articles attentatoires. Enfin, à Fribourg, le tribunal cantonal a limité à un cercle restreint la communication relative à un licenciement afin de préserver la réputation de l’intéressé.
Sur le plan international, la Cour européenne des droits de l’homme (CourEDH), dans l’arrêt Cracò c. Italie, a sanctionné le maintien en ligne d’un jugement contenant des données médicales, renforçant l’exigence d’une protection effective des informations sensibles. Enfin, dans l’affaire Real Madrid c. Le Monde, la Cour de justice de l’Union européenne(CJUE) a précisé les conditions dans lesquelles l’exécution d’une décision étrangère en matière de diffamation peut être refusée pour contrariété manifeste à la liberté de la presse protégée par la Charte.

I. Introduction

1

Dans la présente contribution, nous présentons et commentons deux arrêts rendus par le Tribunal fédéral, trois jugements cantonaux, un arrêt rendu par la Cour européenne des droits de l’Homme (CourEDH) ainsi qu’un arrêt de la Cour de justice de l’Union européenne (CJUE).

II. Arrêts fédéraux

1. Reportage sur de simples soupçons (TF 5A_56/2024 du 14 janvier 2025)

2

L’association E., qui exploite sept crèches dans le Canton de Zurich, est critiquée dans un article du journal F., détenu par la société B. SA. L’article en question, paru le 29 mars 2021, fait état de dysfonctionnements organisationnels et personnels dans les crèches de l’association E. et aborde le sujet de l’insuffisance du contrôle des crèches par les autorités.

3

Estimant cette publication attentatoire à sa personnalité (art. 28 CC) et portant atteinte de manière déloyale à sa position économique (art. 3 al. 1 let. a LCD), l’association E. ouvre action contre B. SA. Déboutée en première puis en seconde instance, elle forme un recours en matière civile devant le Tribunal fédéral.

4

Entre le dépôt de l’action et le jugement fédéral, l’association E. est devenue A. SA, société anonyme inscrite au registre du commerce du canton de Zurich.

5

Dans sa décision, le Tribunal fédéral rejette intégralement le recours formé par A. SA et confirme point par point le raisonnement du Tribunal cantonal zurichois.

6

Le Tribunal fédéral reprend l’appréciation de l’instance précédente selon laquelle A. SA, responsable de la garde d’un grand nombre de très jeunes enfants, faisait l’objet de reproches graves qui, s’ils étaient fondés, pourraient compromettre de manière significative les intérêts des enfants et de leurs parents. Dans ce contexte, la désignation de la recourante dans l’article répondait à un intérêt général accru, et non à un simple intérêt de divertissement, en permettant au public de savoir dans quelles crèches des irrégularités graves avaient été constatées. Le Tribunal fédéral souligne également que la mention explicite du nom de l’association E. évitait de jeter un soupçon général sur l’ensemble des crèches associatives de la région zurichoise.

7

Concernant les craintes de A. SA de subir une atteinte à la concurrence, le Tribunal fédéral reprend l’analyse cantonale selon laquelle, en raison de la pénurie notoire de places en crèche pour les enfants en bas âge dans la région de Zurich, il n’y avait pas lieu de craindre que le reportage entraîne une perte financière durable pour la recourante.

8

S’agissant de la présentation des irrégularités évoquées dans l’article du 29 mars 2021, le Tribunal fédéral, suivant l’analyse des juridictions cantonales, constate que le texte comporte plusieurs mentions précisant le caractère non prouvé des accusations, indique l’absence de preuves écrites à l’appui de certains faits et accorde une place au contradictoire à travers le témoignage du directeur de la recourante. Ces éléments traduisent, selon lui, des précautions rédactionnelles suffisantes pour que le lecteur moyen perçoive les faits rapportés comme des soupçons et non comme des vérités établies.

9

Enfin, le Tribunal fédéral examine les critiques de la recourante relatives au non-respect, dont aurait fait preuve B. SA., des obligations de diligence du Conseil suisse de la presse et de la jurisprudence sur le traitement des sources douteuses. A. SA invoquait à cet égard la relation conflictuelle avec les informatrices, anciennes employées licenciées pour fautes professionnelles, qu’elle accusait d’avoir sciemment formulé des déclarations mensongères en raison de différends liés à leur licenciement. Elle dénonçait également, sous l’angle du principe de proportionnalité, une violation du droit fédéral dans l’exercice du pouvoir d’appréciation. Le Tribunal fédéral relève toutefois que ces arguments reposent exclusivement sur des griefs déjà examinés et qu’ils ne démontrent pas que l’instance cantonale ait excédé son pouvoir d’appréciation.

10

En conséquence, le recours est rejeté dans son intégralité.

Commentaire:

11

Cette décision illustre la tension classique entre la protection de la personnalité et la liberté de la presse, dans le contexte particulier du reportage portant sur des soupçons. Dans le cadre d’une action en protection de la personnalité, il peut être stratégique pour la partie demanderesse de soutenir qu’une présentation de soupçons équivaut à l’affirmation de faits avérés. En effet, si les allégations sont perçues comme des affirmations de vérité, la partie défenderesse ne peut les justifier qu’en apportant la preuve de leur exactitude. Or, lorsque les faits rapportés reposent sur des soupçons, par définition non vérifiés ou invérifiables, une telle preuve est impossible, ce qui rend l’atteinte à la personnalité illicite.

12

La présentation de soupçons par un média obéit ainsi à des exigences particulières : l’information doit porter sur un sujet d’intérêt public, le média doit prendre des précautions rédactionnelles, la personne visée doit avoir eu la possibilité de s’exprimer, et la formulation ne doit pas laisser au « lecteur moyen » l’impression que les faits sont établis. C’est précisément cette notion « [d’] impression du lecteur moyen » qui soulève le plus de difficultés.

13

Depuis des décennies[3], le Tribunal fédéral recourt régulièrement à « [l’]impression du lecteur moyen ». Parfois, les juges décortiquent le contenu médiatique afin de peser les différents éléments tant formels (place du contenu médiatique par rapport aux autres contributions contenues dans le média) que de fond (formulation du propos) pour déterminer l’impression laissée au lecteur moyen[4]. À d’autres occasions, les juges peuvent retenir qu’un seul élément du contenu médiatique peut suffire à laisser une certaine impression au lecteur moyen[5]. La jurisprudence précise également que le contexte de la publication est déterminant : ainsi, le lecteur moyen tirera moins rapidement des conclusions susceptibles de porter atteinte à la réputation d’une personne lorsque les accusations s’inscrivent dans un débat politique que lorsqu’elles concernent son comportement professionnel ou privé[6].

14

À notre sens, lorsque cette notion est utilisée dans le cadre de soupçons, son appréciation devrait aussi intégrer le contexte médiatique élargi dans lequel l’information circule, soit l’espace médiatique dans son ensemble. En effet, plusieurs études montrent que la consommation de l’actualité tend de plus en plus à s’effectuer à travers plusieurs médias, s’éloignant d’une dépendance à une source unique au profit d’une pluralité d’offres d’information. Des analyses empiriques en Suisse révèlent que les utilisateurs des contenus de la SSR, par exemple, sont significativement plus enclins à consulter également des médias privés, qu’ils soient payants ou gratuits, avec une proportion « extrêmement faible » de seulement 3,5% de la population s’informant exclusivement via les offres en ligne de la SSR[7]. De plus, des recherches sur les habitudes de consommation des nouvelles en Suisse décrivent des « répertoires d’actualités » (Newsrepertoires), qui sont des compilations individuelles et typiques de médias utilisées par les individus pour s’informer, impliquant intrinsèquement l’utilisation de multiples sources[8]. Cette tendance est renforcée par la présence multiplateforme des médias en ligne et l’essor de la consommation « émergente » via les réseaux sociaux, où une exposition algorithmique à un éventail plus large de sources journalistiques contribue à une diversité accrue des habitudes d’information[9].

15

Dans cette perspective, le rôle de « prescripteur » d’un média devrait constituer un critère pertinent. Certains médias disposent d’une capacité d’influence telle que leurs contenus sont repris par d’autres, ce qui amplifie la portée de l’information initiale. L’impression laissée au lecteur moyen est alors façonnée non seulement par la teneur du contenu médiatique litigieux, mais aussi par sa reprise et sa répétition dans l’espace médiatique. À notre sens, ce rôle de prescripteur lorsqu’on songe à la formulation de soupçons, s’agissant précisément d’une information qui ne peut être confirmée, est déterminant pour apprécier l’impression générale laissée au lecteur moyen. Le lecteur moyen aura tendance à accorder plus de crédit à des soupçons repris dans plusieurs médias que ceux formulés dans un seul. Ainsi, en ne tenant pas compte de ce facteur, la jurisprudence actuelle risque de sous-estimer l’effet amplificateur des soupçons lorsqu’ils circulent dans un espace médiatique interconnecté.

16

Enfin, cette réflexion invite à un débat plus large sur la responsabilité des médias, appréciée à l’aune de leur poids dans le paysage médiatique. Les limites du présent propos ne permettent toutefois pas d’en explorer ici toute l’ampleur. (LW)

2. Mesures provisionnelles contre la presse (TF 5A_274/2024 du 11 novembre 2024

17

Au titre des arrêts fédéraux rendus durant l’année, on ne manquera pas de relever que l’arrêt du TF 5A_274/2024 du 11 novembre 2024 a déjà fait l’objet d’un résumé publié dans la présente revue (cf. Marie-Laure Papaux van Delden, « Mesures provisionnelles à l’encontre d’un média à caractère périodique : du rôle de ‘chien de garde’ de la presse », medialex 03/25, 7 avril 2025.). En substance, l’arrêt traite des mesures provisionnelles contre les médias périodiques, régies par l’art. 266 CPC (dans sa version applicable jusqu’au 31 décembre 2024). Pour être admises, ces mesures exigent la quasi-certitude d’une atteinte imminente et grave, l’absence manifeste de justification, et le respect du principe de proportionnalité. Le cœur du litige porte sur la mise en balance entre la liberté de la presse et la protection de la personnalité (art. 28 CC), à interpréter à la lumière des droits fondamentaux et de la jurisprudence de la Cour européenne des droits de l’Homme. 

III. Arrêts cantonaux

3. Le calcul de la remise du gain dans l’affaire Spiess-Hegglin (Tribunal Cantonal de Zoug, décision du 22 janvier 2025, A1 2020 56)

18

La décision du 22 janvier 2025 du Tribunal cantonal de Zoug s’inscrit dans la longue procédure opposant Jolanda Spiess-Hegglin à l’éditeur Ringier AG à propos de divers articles publiés dans Blick, Blick am Abend et sur Blick Online en 2014 et 2015, relatifs à l’« affaire politico-sexuelle de Zoug ». Après avoir jugé illicites ces publications dans une décision partielle de 2022[10], le tribunal devait statuer sur l’action en remise du gain (art. 28a al. 3 CC en lien avec l’art. 423 CO).

19

S’appuyant sur la jurisprudence fédérale, notamment l’ATF 133 III 153 (Schnyder c. Ringier), TF 5A_658/2014 (Hirschmann I) et ATF 143 III 297 (Hirschmann II), le tribunal rappelle que la causalité exigée entre l’atteinte à la personnalité et le gain est seulement « abstraite » : il suffit que les articles soient, par leur présentation et leur orientation, aptes à favoriser les ventes ou à maintenir le lectorat d’un média de boulevard. Elle rejette ainsi la méthode du « bénéfice supplémentaire » défendue par Ringier AG, qui n’aurait retenu qu’une plus-value marginale liée aux articles incriminés.

20

Sur cette base, le tribunal a procédé à une estimation du gain, conformément à l’art. 42 al. 2 CO. Les revenus publicitaires en ligne ont été calculés à partir du nombre de pages consultées, du nombre d’impressions publicitaires par article et du coût pour mille contacts, tandis que les revenus de la presse imprimée ont été évalués selon un modèle de pondération tenant compte de la taille, du placement et de la valeur d’attention des articles. La défenderesse n’ayant pas contesté de manière étayée les calculs de la demanderesse, le tribunal a largement suivi ces derniers, en opérant toutefois certaines corrections.

21

Il en résulte une condamnation de Ringier AG à restituer un bénéfice net estimé à 309’531 CHF, intérêts à 5 % en sus. Le jugement n’est pas définitif ; il a été porté en appel.

Commentaire:

22

La décision illustre l’applicabilité concrète de la remise du gain en cas d’atteinte à la personnalité par la presse à sensation, consacrant une conception souple du lien de causalité et confiant au juge une large marge d’appréciation pour l’estimation du gain.

23

Cette décision a déjà fait l’objet de nombreux commentaires, dont notamment deux qui sont parus dans la présente revue[11]. Ne souhaitant pas ajouter de redondance, nous nous limiterons ici à un commentaire succinct de la décision mais également des points qui ont été soulevés par les commentateurs.

24

À notre sens, le point essentiel à retenir de cette décision réside dans l’incapacité persistante, en l’état actuel de la jurisprudence et de la doctrine, d’offrir une méthode de calcul du gain simple et praticable. L’étude produite par la demanderesse a certes le mérite de s’attaquer au cœur de la problématique en intégrant des variables économiques pertinentes (valeur publicitaire, audience en ligne, pondération rédactionnelle, etc.), indispensables pour estimer le gain dans le contexte numérique. Toutefois, il n’est pas envisageable d’exiger d’une partie demanderesse qu’elle commande, à chaque action en remise du gain, une expertise privée dont le coût s’élève à plusieurs dizaines de milliers de francs.

25

Espérons dès lors que le Tribunal fédéral aura un jour l’occasion de clarifier la méthode de calcul. Une telle clarification pourrait utilement s’inspirer de systèmes étrangers ou de la doctrine récente, afin de combler ce vide méthodologique qui fait de la remise du gain le « parent pauvre » de la jurisprudence en matière de protection de la personnalité.

26

S’agissant des réactions suscitées par la décision, certains commentateurs ont avancé que la liberté de la presse serait menacée au vu du montant réclamé à Ringier AG. Un tel argument ne convainc pas. Le débat sur la liberté de la presse, qui en termes juridiques se rattache à l’examen de l’intérêt public à la publication, aurait dû débuter dès 2022, lorsque le Tribunal de Zoug a jugé que les articles litigieux portaient atteinte aux droits de la personnalité de Mme Spiess-Hegglin. C’est lors de la pondération des intérêts, que se pose la question de savoir si la protection conférée par la liberté de la presse peut l’emporter sur les droits de la personnalité Le risque de voir la liberté de la presse menacée réside précisément dans la possibilité qu’un tribunal considère, à tort, comme attentatoire à la personnalité une information qui relève de l’intérêt public. Sur ce point, le Tribunal fédéral exerce un contrôle de cognition complet et assure la garantie de ce droit fondamental.

27

Le calcul de la remise du gain intervient, en revanche, sur un terrain distinct. La décision commentée se limite à déterminer le gain économique à restituer.  Ce calcul n’a aucun rapport avec la liberté de la presse ; il repose sur l’institution de la gestion d’affaires sans mandat (art. 423 CO), laquelle vise à priver le gestionnaire de mauvaise foi de l’avantage obtenu de manière indû. Il s’agit d’une opération mathématique, certes complexe dans le contexte médiatique, mais dont la finalité est simplement de restituer à la victime le gain pour que le crime ne paie pas et qui ne menace d’aucune façon la liberté de la presse.

28

La situation est comparable au droit pénal, où la question de la culpabilité est tranchée indépendamment de la fixation de la peine : une fois la première admise, on ne saurait réintroduire ce débat au stade de la détermination de la sanction. De même, en l’espèce, le débat sur la liberté de la presse a été clos avec la constatation de l’illicéité.

29

Il convient donc de distinguer nettement les deux étapes de l’action en remise du gain : d’une part, l’établissement d’une atteinte illicite aux droits de la personnalité ; d’autre part, l’évaluation du bénéfice réalisé.

30

Enfin, en prenant un peu de recul dans ce débat, on peut rappeler que la liberté de la presse est une valeur fondamentale en démocratie qui tire sa légitimité de sa fonction de garant de l’information d’intérêt public. Elle se justifie avant tout lorsqu’elle permet au citoyen de se forger une opinion éclairée sur des questions sociétales majeures, à l’image du travail d’investigation mené par des médias tels que Mediapart en France, dont les enquêtes au long cours sur des affaires politiques et financières contribuent directement au débat public et à l’exigence de probité des gouvernants.

31

Nous peinons à discerner en quoi la liberté de la presse devrait s’identifier à la divulgation de prétendues relations intimes entre deux personnalités politiques cantonales, mise en scène au moyen de titres aux jeux de mots graveleux. Sans prétendre fixer ici les limites de cette liberté fondamentale, il convient toutefois de regretter que la société Ringier AG n’ait pas saisi, en 2022, l’occasion de défendre devant le Tribunal fédéral sa conception de la liberté de la presse. Dans la présente affaire, le débat devant les tribunaux sur ce terrain n’est plus ouvert (LW).

4. L’enregistrement clandestin des propos d’une juge (Tribunal cantonal de Zurich, arrêt du 28 août 2024, LF240065)

32

Lors d’une interruption d’audience devant le tribunal d’arrondissement de D., H., journaliste pour A. SA, a laissé un appareil dans la salle d’audience et enregistré clandestinement une conversation entre la juge C. et les autres membres du tribunal. Par la suite, un article en ligne est publié par A. SA. Cet article mentionne nommément C., cite des extraits de l’enregistrement et contient un lien permettant de l’écouter.

33

Le tribunal d’arrondissement de D. et la juge C. déposent une demande de mesures superprovisionnelles, ou à défaut provisionnelles, afin de supprimer l’article en ligne, d’empêcher sa publication dans l’édition imprimée du journal A. SA. et d’empêcher la diffusion de certaines des déclarations contenues dans l’article.

34

Le tribunal de Meilen a admis la demande de C., rejeté celle du tribunal d’arrondissement de D., et ordonné les mesures à titre provisionnel. Le journaliste H. et le journal A. SA font appel de cette décision auprès du Tribunal cantonal zurichois.

35

S’agissant des conditions des mesures provisionnelles prévues aux art. 261 et 266 CPC, la Cour retient d’abord l’existence d’un risque de récidive. Bien que l’article ait été modifié pour ne plus citer nommément la juge C., ces adaptations ont été faites sous pression extérieure du service de communication du tribunal d’arrondissement D. et les recourants ont continué à affirmer la licéité du texte initial, ce qui, selon la jurisprudence[12], suffit à admettre un risque de récidive même en l’absence d’indices concrets.

36

Sur l’atteinte à la personnalité, le Tribunal cantonal relève en premier que le droit au respect de la vie privée protège les conversations qui se déroulent dans une salle d’audience pendant une pause et à plus forte raison lorsque, comme en l’espèce, on invite le public à quitter la salle. En l’espèce, H. a porté atteinte à la personnalité de la juge C. en rendant accessible au public l’enregistrement et en citant des passages de l’enregistrement dans son article. Les modifications ultérieures de l’article ne suppriment pas l’atteinte, car il reste possible de retrouver sur Internet des versions antérieures de l’article.

37

En dernier lieu, la Cour examine si le comportement portant atteinte à la personnalité peut néanmoins bénéficier d’un motif justificatif (art. 28 al. 2 CC). S’agissant d’une mesure provisionnelle, l’art. 266 let. b CPC exige une absence manifeste de motif justificatif, soit que la pesée des intérêts penche clairement en faveur de la partie requérant la mesure.

38

Alors même que la juge exerce une fonction publique, la gravité de l’atteinte à sa vie privée prime sur l’intérêt du public à l’information. L’enregistrement ayant été obtenu illicitement, il est en principe inutilisable comme preuve (art. 152 al. 2 CPC), ce qui empêche de démontrer la véracité des faits rapportés. En outre, le ton sensationnaliste et certaines inexactitudes de l’article traduisent un objectif de captation d’audience plutôt qu’un véritable but informatif. La Cour retient également que les accusations portées, compte tenu de la fonction de la personne visée, sont susceptibles de causer un préjudice particulièrement grave, difficilement réparable, au sens de l’art. 266 let. a CPC.

39

Enfin, la suppression intégrale de l’article est jugée proportionnée : elle constitue la mesure adéquate pour prévenir la réitération de l’atteinte, et il n’est pas exigé que la personne lésée agisse contre tous les médias ayant évoqué les faits.

40

En conséquence, la Cour cantonale rejette le recours.

Commentaire:

41

La Cour cantonale zurichoise retient au considérant 2.3.6 que « Wird ein Presseartikel mit persönlichkeitsverletzendem Inhalt unter Namensnennung der Berufungsbeklagten publiziert und alsdann – wohlwissend, dass “das Internet nicht vergisst” – mehrfach angepasst und anonymisiert, um sich schliesslich darauf zu berufen, dass zufolge der Anpassungen und der Anonymisierung keine Persönlichkeitsverletzung mehr vorliege, werden die Beiträge lediglich formal voneinander getrennt. In ihrer sofort erkennbaren Verbindung zueinander bleibt die Berufungsbeklagte ohne weiteres identifizierbar, so dass insgesamt die Persönlichkeitsverletzung andauert. » (« si un article de presse au contenu attentatoire à la personnalité est publié en mentionnant le nom de la défenderesse et qu’il est ensuite, en sachant pertinemment que “l’Internet n’oublie pas”, modifié à plusieurs reprises et anonymisé […], la défenderesse reste facilement identifiable, de sorte que l’atteinte à la personnalité doit être considérée comme persistante. »; traduction libre).

42

Cette formulation, qui érige en principe général l’idée que « l’Internet n’oublie pas », ne correspond pas à l’approche nuancée adoptée par le Tribunal fédéral. Dans l’arrêt 5A_758/2020 (c. 4.3.3), le TF a précisé que la persistance d’une atteinte sur Internet dépend de la « facilité d’accès » au contenu litigieux ; une information reléguée dans des archives ou nécessitant des démarches actives pour être retrouvée ne saurait être assimilée à une atteinte toujours actuelle. De même, dans l’arrêt 5A_247/2020 (c. 5.2.3), le Tribunal fédéral a jugé qu’il convient d’examiner concrètement la visibilité et l’accessibilité de la publication en ligne au moment de statuer, notamment au regard de son classement dans les moteurs de recherche. En retenant de manière abstraite que l’atteinte persiste du seul fait de l’existence passée d’une version nominative et de la nature « indélébile » d’Internet, la Cour cantonale se distancie de ces critères jurisprudentiels, qui exigent une appréciation factuelle de l’accessibilité effective du contenu[13]. (LW)

5. La légitimation passive de Google pour des articles attentatoires à la personnalité de la FIFA (Tribunal de commerce du canton de Zurich, arrêt du 21 août 2024, HG220030)

43

La FIFA, association de droit suisse dont le siège est à Zurich, assigne Google Ireland Limited et Google LLC, exploitant la plateforme de recherche en ligne Google, en invoquant une atteinte à sa personnalité. Sur un site tiers, plusieurs articles, jugés gravement attentatoires à la réputation de la FIFA et de certains de ses responsables, sont accessibles via la recherche Google. La FIFA demande la suppression de ces résultats et l’interdiction de leur réindexation future, subsidiairement la constatation du caractère illicite des articles. Google conteste, soutenant qu’aucune action concrète de sa part ne permet de la tenir pour coresponsable : les contenus ne peuvent être retrouvés que si l’internaute saisit le mot « FIFA » avec des noms précis ou des extraits des titres, ce qui suppose de déjà connaître les articles.

44

Pour trancher la question de la légitimation passive, le Tribunal cantonal zurichois se fonde sur plusieurs arrêts du Tribunal fédéral ayant précisé la portée du terme « participe » de l’art. 28 al. 1 CC. Dans les arrêts Bloghoster (5A_792/2011) et Blackmailing Tactics (ATF 141 III 513), le TF adopte une conception large de la participation, englobant toute personne dont le comportement cause, rend possible ou favorise la violation, même sans faute ni connaissance du contenu litigieux. Ainsi, peut être visé celui qui facilite la diffusion de propos attentatoires sans en être l’auteur direct. Toutefois, dans l’affaire G. (5A_658/2014), le Tribunal fédéral nuance cette approche en excluant la participation lorsque le lien avec le contenu litigieux est trop vague : un simple lien générique vers le site d’un média ne suffit pas. En parallèle, d’autres décisions, notamment du Tribunal de district de Zurich (CG190002), considèrent qu’un moteur de recherche ne participe pas à l’atteinte si le lien entre la personne visée et les mots-clés attentatoires est établi par l’utilisateur, et non par l’algorithme lui-même. Sur cette base, le Tribunal cantonal retient que, bien que Google exploite le moteur de recherche et facilite en général l’accès à l’information, la recherche des articles litigieux nécessitait des combinaisons de mots incluant des éléments du titre, impliquant que l’utilisateur connaissait déjà le contenu. Dans ces conditions, le moteur de recherche n’établit pas le lien entre la personne et l’atteinte ; il se contente de reproduire la requête formulée par l’internaute. Ce rôle, jugé trop indirect, ne constitue pas une participation juridiquement pertinente, faute de lien de causalité concret entre l’activité du moteur et l’atteinte.

45

La responsabilité et donc la qualité pour défendre font défaut. La demande fondée sur le droit de la protection des données est également rejetée, car la nouvelle LPD ne s’applique plus aux données de personnes morales. La cour rejette en conséquence les conclusions principales et subsidiaires de la FIFA.

Commentaire:

46

Nous pouvons d’abord nous interroger sur le point de savoir si le Tribunal cantonal zurichois a pris en compte l’existence de l’onglet « Actualités » du moteur de recherche de Google. Cet onglet permet en effet de lister automatiquement l’ensemble des publications récentes traitant d’un mot-clé donné. Il n’est pas exclu que, par ce biais, un internaute ait pu accéder au contenu litigieux simplement en saisissant « FIFA », sans nécessairement connaître les titres des articles en cause. Cette fonctionnalité pourrait, en pratique, renforcer le lien entre l’exploitation du moteur et la diffusion de l’atteinte, et mériterait à ce titre un examen spécifique.

47

S’agissant ensuite de la conception du lien de causalité retenue par le tribunal, nous observons que le débat se concentre sur la question de savoir si l’activité du moteur de recherche a « concrètement » contribué à la diffusion des contenus, mais cette analyse ressemble, en réalité, à une appréciation de la faute. Or, les actions défensives fondées sur les art. 28 ss CC ne requièrent pas la preuve d’une faute : la question du lien de causalité devrait se limiter à vérifier si l’atteinte a pour origine le comportement du défendeur. En se demandant si l’exploitant est « intervenu » d’une manière ou d’une autre dans la mise en lien entre la personne et le contenu litigieux, le raisonnement ne glisse-t-il pas subrepticement vers une recherche de faute plutôt que vers une analyse strictement causale ?

48

Selon nous, cette conception revient, en pratique, à subordonner la qualité pour défendre à l’existence d’une faute imputable au prestataire, ce qui déplace l’analyse du terrain objectif de la protection de la personnalité (art. 28 CC) vers celui, subjectif, de la responsabilité délictuelle et de la réparation du dommage. Une telle approche risque de vider partiellement de sa substance les mécanismes préventif et défensif des art. 28 ss CC, en les confondant avec l’action en dommages-intérêts. Cette solution conduit également à des solutions fragmentées, car selon cette logique, un même contenu illicite pourrait être retiré d’un site source ou d’une plateforme active, mais rester accessible via un moteur de recherche considéré comme « passif » au motif que le lien causal serait jugé trop ténu, réduisant ainsi l’efficacité globale de la protection de la personnalité dans l’espace numérique. (LW)

6. La communication proportionnée d’un licenciement (Cour d’appel civil du canton de Fribourg, arrêt du 12 février 2025, 101 2024 247)

49

L’ancien directeur général d’un groupe, également lié à une société exploitante, a été relevé avec effet immédiat de ses fonctions et licencié de cette dernière. Le jour même, un message interne et un communiqué de presse annonçant ce changement ont été diffusés, le premier à l’intention des employés, le second relayé par divers médias.

50

L’intéressé a déposé une requête en mesures superprovisionnelles et provisionnelles visant à interdire aux défendeurs, soit plusieurs sociétés du groupe et leurs dirigeants, toute communication à destination de tiers (grand public, employés, clients, fournisseurs, partenaires commerciaux) portant sur son licenciement immédiat et tout fait connexe, sur toute enquête interne ou audit le concernant, notamment en lien avec une dénonciation anonyme, sur tout soupçon ou accusation d’infraction pénale à son encontre ainsi que sur les résultats d’une telle enquête ou audit. Il demandait également le retrait du communiqué de presse.

51

En première instance, la communication relative au licenciement, sans indication des motifs, ainsi qu’au contenu d’un rapport d’audit a été autorisée à un cercle restreint comprenant les organes des sociétés, les autorités et les partenaires bancaires, tout en demeurant interdite au grand public, aux clients et aux fournisseurs.

52

Reprenant intégralement l’examen des conditions de l’art. 261 CPC, la Cour d’appel a quant à elle estimé que les communications initiales, insistant sur un licenciement immédiat d’un dirigeant de longue date, étaient de nature à susciter des spéculations préjudiciables à la réputation de l’intéressé. Le message interne évoquant des « risques d’infractions pénales » sur la base d’une dénonciation anonyme et d’un rapport d’audit mentionnant seulement un « potentiel risque criminel » diffusait des accusations non établies, propres à porter atteinte à l’honneur et à la considération professionnelle de l’ancien directeur général. La Cour a relevé que le rapport d’audit ne justifiait pas la divulgation des motifs du licenciement et que la radiation du registre du commerce n’autorisait pas la diffusion des informations litigieuses. Elle a écarté, au stade des mesures provisionnelles, l’argument tiré de la prétendue qualité de personnalité publique de l’intéressé, cette question relevant du fond, et a constaté que la volonté exprimée par les appelants de continuer à communiquer sur les motifs du licenciement au-delà du cercle autorisé rendait vraisemblable un risque imminent d’atteinte à la personnalité.

53

La Cour a également retenu que le risque d’une atteinte à la considération sociale et professionnelle est, par nature, difficilement réparable et qu’il est largement reconnu comme tel dans la jurisprudence relative à la protection de la personnalité. Elle a jugé que la limitation de la communication à un cercle restreint opérait une pesée équilibrée des intérêts en présence, les intérêts essentiellement économiques des sociétés et dirigeants appelants, tels que le maintien de la réputation, de la confiance et du moral interne, ne justifiant pas une atteinte aux droits de la personnalité. Elle a relevé la pertinence de distinguer les partenaires bancaires, pour lesquels la connaissance de la composition de la direction est nécessaire, des clients et fournisseurs. En conséquence, elle a considéré que la communication litigieuse au-delà du cercle autorisé constituerait une violation des droits de la personnalité.

54

Enfin, la Cour a confirmé la qualité pour défendre de la société mère du groupe, en raison de la présence de son logo sur le communiqué, des citations de son président, de sa position d’actionnaire majoritaire et des liens de ses employés avec le conseil d’administration des sociétés concernées.

Commentaire:

55

La cour cantonale s’inscrit dans la droite ligne de la jurisprudence existante en matière de protection de la personnalité, sans opérer de revirement, mais en illustrant de manière approfondie la mise en balance entre liberté d’information et droits de la personnalité dans un contexte de communication d’entreprise. Elle confirme qu’un licenciement annoncé comme « immédiat », associé à des mentions de « risques d’infractions pénales » fondées sur des accusations non établies, dépasse le seuil de tolérance admissible et porte atteinte à la réputation et à l’honneur de la personne concernée. La décision rappelle également que des intérêts purement économiques ne sauraient justifier une atteinte aux droits de la personnalité et que la communication doit rester limitée à un cercle restreint, déterminé selon la nature des relations en cause. Elle réaffirme enfin que la vraisemblance d’un risque imminent d’atteinte, combinée à la difficulté de réparer un tel préjudice, suffit à fonder des mesures provisionnelles restrictives. (JD)

IV. Arrêts de la CourEDH et CJUE

7. Protection des données médicales publiées en ligne (Cour européenne des droits de l’Homme, arrêt du 13 juin 2024, Cracò c. Italie, req. no 30782/18)  

56

L’affaire concerne la publication en ligne, par la section régionale de Sicile de la Cour des comptes, d’un jugement contenant des références détaillées aux conditions médicales et aux dossiers de santé du requérant.

57

En première instance, la demande d’anonymisation du jugement est rejetée. En recours, la publication des données de santé est déclarée illicite et l’affaire est renvoyée pour la seule réévaluation du montant de l’indemnisation, qui est fixée à 2’000 euros, assortie d’environ 3’500 euros de frais et dépens.

58

Malgré ces décisions, le jugement non caviardé demeure accessible au public sur le site internet de la Cour des comptes, sans restriction ni anonymisation, et sans que le requérant soit informé d’un éventuel retrait ou remplacement par une version caviardée.

59

Sur la recevabilité de la requête au titre de l’art. 8 CEDH, la Cour rejette l’argument de l’Etat défendeur selon lequel le requérant n’a pas épuisé les voies de recours internes, estimant qu’un appel limité au montant de l’indemnisation ne constitue pas un recours effectif pour faire cesser la persistance de la publication. Elle écarte également l’exception tirée de la perte du statut de victime, constatant que le jugement litigieux est toujours accessible et que les autorités n’ont pas reconnu ni réparé le manquement continu à la Convention.

60

Sur le fond, la Cour rappelle les principes généraux relatifs à la protection des données médicales en vertu de l’art. 8 CEDH, ainsi que les dispositions pertinentes du droit italien imposant le caviardage des décisions judiciaires publiées lorsqu’elles contiennent des données sensibles. Elle relève que, malgré la reconnaissance du caractère illicite de la publication et l’octroi d’une indemnisation, aucune mesure concrète n’est prise pour retirer ou anonymiser le jugement. Elle conclut que le maintien en ligne du jugement non expurgé constitue une violation de l’article 8.

61

Les autres griefs, tirés notamment du paiement tardif de l’indemnisation, sont jugés manifestement mal fondés, la Cour relevant que le retard résulte en partie du comportement du requérant, qui ne fournit pas les informations bancaires nécessaires en temps utile.

62

En application de l’art. 46 CEDH, la Cour ordonne à l’Italie de retirer, dans un délai de trois mois, le jugement litigieux du site de la Cour des comptes et des autres bases de données publiques ou de le remplacer par une version expurgée. Elle estime que la constatation de la violation constitue en soi une satisfaction équitable suffisante pour tout dommage non pécuniaire, le requérant ayant déjà obtenu une indemnisation nationale qu’il n’a pas contestée quant à son montant, et rejette la demande de remboursement de frais et dépens.

Commentaire:

63

Cet arrêt s’inscrit dans la continuité de la jurisprudence constante de la Cour européenne des droits de l’Homme en matière de protection des données médicales, domaine où elle adopte une approche particulièrement stricte au titre de l’art. 8 CEDH. Fidèle à ses précédents (notamment Z c. Finlande[14], L.L. c. France[15] ou Y. c. Turquie[16]), la Cour réaffirme que la divulgation d’informations médicales constitue une ingérence grave dans la vie privée et que les États ont l’obligation de garantir leur protection, y compris face à des actes imputables à des autorités judiciaires. L’apport de l’arrêt tient à la rigueur avec laquelle la Cour sanctionne non seulement la publication initiale, mais aussi l’absence de mesures correctives concrètes après la reconnaissance interne de l’illicéité et l’octroi d’une indemnisation. En insistant sur le caractère continu de la violation tant que le jugement non caviardé reste en ligne, la Cour renforce l’exigence d’effectivité des réparations dans ce type d’atteintes, consolidant ainsi sa jurisprudence sur la nécessité d’une protection pratique et effective, et non purement théorique, des données sensibles. On observe que le délai de trois mois laissés à l’État paraît particulièrement long au regard de la sensibilité des données médicales concernées. Cette situation contraste avec l’approche adoptée par la CourEDH dans l’arrêt S and Marper c. Royaume‑Uni[17], où la destruction immédiate des échantillons d’ADN de personnes non condamnées a été saluée comme un modèle de proportionnalité et de respect effectif du droit à la vie privée. (JD)

8. Le refus d’exécuter une décision étrangère en matière de diffamation (CJUE Aff. C‑633/22, arrêt du 4 octobre 2024, Real Madrid CF et al. c. Le Monde et al.)

64

En 2006, le journal Le Monde publie un article, signé par un de ses journalistes, affirmant que le Real Madrid et le FC Barcelone ont recouru aux services d’un acteur majeur d’un réseau de dopage cycliste. Malgré un démenti publié peu après, le Real Madrid et un membre de son équipe médicale engagent en Espagne une action en responsabilité pour atteinte à l’honneur. Les juridictions espagnoles condamnent Le Monde et le journaliste à verser respectivement 300 000 € au club et 30 000 € au médecin, plus intérêts et frais, et à publier la décision. En 2018, le tribunal de grande instance de Paris déclare ces décisions exécutoires en France. En 2020, la cour d’appel de Paris révoque cette exécution, jugeant les montants disproportionnés au regard des standards français et de nature à porter atteinte à la liberté de la presse, donc contraires à l’ordre public international français. La Cour de cassation saisit la CJUE pour préciser dans quelles conditions l’article 34, point 1, et l’article 45 du règlement n° 44/2001 (« Bruxelles I »), lus avec l’article 11 de la Charte, permettent de refuser l’exécution d’une telle décision étrangère.

65

La Cour rappelle que le système du règlement n° 44/2001 repose sur la confiance mutuelle et la reconnaissance quasi automatique des décisions d’un autre État membre, sauf motifs strictement énumérés, dont la contrariété manifeste à l’ordre public du for (art. 34, point 1). Cette exception ne s’applique que dans des cas exceptionnels, lorsqu’il y a violation manifeste d’un principe fondamental, ici la liberté d’expression et de la presse protégée par l’article 11 de la Charte. Le juge de l’exécution ne peut réviser le fond de la décision étrangère, mais il peut examiner si les dommages-intérêts accordés sont manifestement disproportionnés par rapport à l’atteinte subie et susceptibles d’avoir un effet dissuasif excessif sur la presse, au regard notamment des ressources des condamnés, de la gravité de la faute, de l’étendue du préjudice et des sanctions accessoires. Un montant imprévisible ou très élevé, par rapport aux pratiques en matière de diffamation, peut constituer un tel effet dissuasif. L’évaluation doit être concrète et circonstanciée, sans se limiter à une comparaison mécanique avec les montants alloués dans l’État requis. Si seule une partie des sommes est disproportionnée, le refus d’exécution doit être limité à cette partie. En conclusion, l’exécution doit être refusée si elle entraîne une violation manifeste de la liberté de la presse et, partant, une atteinte à l’ordre public de l’État requis. (LW)

Commentaire:

66

Cet arrêt de la CJUE marque un tournant jurisprudentiel : la Cour admet qu’une condamnation étrangère, même en matière civile, peut ne pas être exécutée si son application porte atteinte, de manière manifestement disproportionnée, à la liberté de la presse protégée par l’art. 11 de la Charte des droits fondamentaux de l’UE.

67

Cette approche s’écarte des décisions antérieures où le principe de reconnaissance mutuelle des décisions judiciaires (règlement Bruxelles I, art. 34 et 36) était appliqué sans réserve[18], sauf exception liée à l’ordre public. Ici, la Cour introduit une nuance majeure : un juge requis peut refuser l’exécution si la condamnation étrangère est manifestement disproportionnée dans l’État requis, en raison notamment d’un effet dissuasif sur la liberté des médias.

68

L’avocat général Szpunar plaide, dans ses conclusions, en faveur de cette interprétation novatrice : la liberté de la presse constitue un principe fondamental de l’ordre juridique de l’Union, qui peut justifier une restriction du mécanisme d’exequatur.

69

La doctrine a accueilli favorablement cette orientation, certains auteurs allant jusqu’à qualifier l’arrêt de « grand arrêt du droit international privé européen », en raison de sa capacité à replacer les droits fondamentaux et en particulier la liberté d’expression, au cœur de l’équilibre entre reconnaissance mutuelle des jugements et protection des médias[19]


 

Notes de bas de page

  1. Doctorant et assistant à la Chaire de droit civil I de l’Université de Fribourg.

  2. Avocat-stagiaire dans le Canton de Fribourg. Les auteurs tiennent à remercier Carlos Gonzalez Villaverde, assistant à la Chaire de droit civil I de l’Université de Fribourg, pour sa précieuse collaboration.

  3. Entre autres décisions sur cette notion: ATF 123 III 385, c. 4a ; ATF 122 III 449, c. 2b ; ATF 119 II 97, c. 4a/aa ; ATF 111 II 209 c. 2 ; ATF 107 II 1, c. 2 ; ATF 105 II 163, c. 2 ; ATF 55 II 94, c. 1.

  4. Pour un exemple: Arrêt du TF 5A_256/2016 c. 5.2.3.

  5. La publication sur Internet du reproche d’un comportement socialement déplaisant porte atteinte à la personnalité (ATF 138 III 641, c. 3) ; ATF 129 III 49.

  6. ATF 107 II 1, c. 2; ATF 105 II 163, c. 2.

  7. Udris Linards/Fürst Silke/Eisenegger Mark, Verdrängung privater Informationsmedien durch Nachrichtenangebote öffentlicher Medien? Nutzung und Zahlungsbereitschaft in der Schweiz, in: fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (édit.), Jahrbuch Qualität der Medien 2024, Bâle 2024, p. 33.

  8. Siegen Dario/Schneider Jörg, Mediennutzung, in: in: fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (édit.), Jahrbuch Qualität der Medien 2024, Bâle 2024, p. 87 ss; Schneider Jörg/ Siegen Dario, Mediennutzung, in: fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (édit.), Jahrbuch Qualität der Medien 2023, Bâle 2023, p. 133 ss; Schwaiger Lisa/Schneider Jörg, Mediennutzung, in: fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (édit.), Jahrbuch Qualität der Medien 2022, Bâle 2022, p. 123 ss.

  9. Siegen Dario/Schneider Jörg, Mediennutzung, in: in: fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (édit.), Jahrbuch Qualität der Medien 2024, Bâle 2024, p. 95; Schneider Jörg/ Siegen Dario, Mediennutzung, in: fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (édit.), Jahrbuch Qualität der Medien 2023, Bâle 2023, p.142; Schwaiger Lisa/Schneider Jörg, Mediennutzung, in: fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (édit.), Jahrbuch Qualität der Medien 2022, Bâle 2022 p. 130.

  10. Cette décision a fait l’objet d’un résumé et a été commenté par l’auteur dans une précédente revue de jurisprudence (Francey Julien/Wéry Louis, Quand l’acharnement médiatique entraine la remise du gain, medialex 08/22, 7 octobre 2022 N 76 ss.).

  11. Born Christoph, Gewinnschätzung mit schalem Nachgeschmack und beschränkter Tragweite, medialex 01/25, 3. Februar 2025; Egli Isabelle/Steiger Martin, So wurde im Fall Spiess-Hegglin die Gewinnherausgabe berechnet, medialex 04/25, 8. Mai 2025.

  12. ATF 102 II 122, c. 1; ATF 128 III 96, c. 2e.

  13. Les deux décisions du Tribunal fédéral citées dans le présent commentaire (arrêt du Tribunal fédéral 5A_758/2020 du 3 août 2021 et arrêt du Tribunal fédéral 5A_247/2020 du 18 février 2021 (publié au ATF (ATF 147 III 185)) ont fait l’objet de résumés et de commentaires distincts, par l’auteur, dans une précédente revue de jurisprudence (Francey Julien/Wéry Louis, Quand l’acharnement médiatique entraine la remise du gain, medialex 08/22, 7 octobre 2022 N 20 ss., 55 ss.).

  14. CourEDH, arrêt du 25 février 1997, Z c. Finlande (req. no 22009/93).

  15. CourEDH, arrêt du 10 octobre 2006, L.L. c. France (req. no 7508/02).

  16. CourEDH, arrêt du 17 février 2009, Y. c. Turquie (req. no 648/10).

  17. CourEDH, arrêt du 4 décembre 2008, S. et Marper c. Royaume-Uni (req. nos 30562/04 et 30566/04).

  18. CJUE, 28 mars 2000, C-7/98, Krombach c. Bamberski ; CJUE, 11 mai 2000, C-38/98, Renault c. Maxicar ; CJUE, 2 avril 2009, C-394/07, Gambazzi.

  19. Marchadier Fabien, Contrôler sans réviser ? Quelle place pour le contrôle du respect des droits fondamentaux dans un contexte de confiance mutuelle ?, in Perspectives contentieuses internationales, vol. 3, juin 2025, p. 55 s.


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newsletter 07/25

Quellenschutz, Medienhilfe, Zivilurteile

Liebe Leserin, lieber Leser

Die Hausdurchsuchung durch die Zürcher Staatsanwaltschaft beim Finanzportal Inside Paradeplatz von Anfang Juni hat Diskussionen rund um den Quellenschutz für Medienschaffende ausgelöst. Im neu aufgeschalteten Beitrag mit dem Titel «Medienschaffende gehören nicht vor den Strafrichter, aber wir müssen über den Quellenschutz sprechen» befasst sich Staatsanwalt Damian K. Graf mit den Schwierigkeiten bei der Strafverfolgung von Geheimnisverletzungen im Umfeld medialer Berichterstattung. Diese scheitere regelmässig am umfassenden  Quellenschutz. Der Autor schlägt eine punktuelle Neuregelung vor: Das Beschlagnahmeverbot soll auf den Gewahrsamsbereich von Medienschaffenden beschränkt werden. So könnten Ermittlungen gegen tatverdächtige Informanten ermöglicht werden, ohne die journalistische Tätigkeit direkt zu beeinträchtigen. Die Umsetzung einer solchen «Sphärentheorie» würde die faktische Straflosigkeit der Geheimnisverräter beseitigen, ohne die Medienfreiheit zu kompromittieren.

Es ist längst kein Geheimnis mehr: Die Medien und der Journalismus befinden sich in einer sehr schwierigen wirtschaftlichen Lage und spielen gleichzeitig eine wichtige Rolle für die Demokratie. In ihrer Studie mit dem Titel «Aides aux médias, en particulier les aides cantonales en Suisse romande» macht die frühere Zentralsekretärin des Berufsverbandes der Medienschaffenden «impressum», Dominique Diserens, eine Bestandsaufnahme der kantonalen Medienhilfen in der Westschweiz. Trotz einiger Gemeinsamkeiten wie beispielsweise die Unterstützung der Presseagentur Keystone-SDA, fehle es weitgehend an einer Koordination. Deshalb schlägt die Autorin nach dem Vorbild der Filmbranche die Schaffung einer Westschweizer Stiftung vor. Eine solche hätte u.a. den Vorteil, dass sie die Unabhängigkeit der Medien und Journalistinnen und Journalisten nicht einschränken würde.

«Soupçon bien étayé commence par intérêt public» lautet der Titel der inzwischen vierten Folge der Jahresübersichten. Louis Wéry und Jonas Dupraz besprechen Entscheide zum Medienzivil- und -zivilprozessrecht von 2024 und den ersten zwei Monaten des Jahres 2025. Das Berichtsjahr war geprägt von Urteilen zum Persönlichkeitsschutz und zur Meinungsfreiheit. Das Bundesgericht befasste sich mit der Verdachtsberichterstattung (BGer 5A_56/2024) und den weiterhin strengen Voraussetzungen für vorsorgliche Massnahmen gegen periodische Medien (BGer 5A_274/2024). Auf kantonaler Ebene fiel der Entscheid des Kantonsgerichts Zug im landesweit bekannten Streit um die Gewinnherausgabeforderung von Jolanda Spiess-Hegglin gegen Ringier auf. Schliesslich besprechen die Autoren zwei Entscheide europäischer Instanzen, bei denen es um besonders sensible, nämlich medizinische Daten geht (Urteil Cracò gegen Italien) und um die Vollstreckung ausländischer Entscheidungen (Urteil Real Madrid c. Le Monde).

Unter «Aktuelle Entscheide» finden Sie die Liste mit neu publizierten medienrechtlich relevanten Urteilen der Bundesgerichte, UBI-Entscheide und Stellungnahmen des Presserats. «Neue Literatur» bietet Ihnen einen Überblick über neu erschienene wissenschaftliche Publikationen zum Medienrecht.

Der nächste Newsletter erscheint Anfang Oktober.

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Simon Canonica
Redaktor «Medialex»

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newsletter 06/25

Hausdurchsuchung bei Inside Paradeplatz, Abmahnungen aus Deutschland und Jahresübersicht zur UBI-Rechtsprechung

Liebe Leserin, lieber Leser

Die medienrechtliche Aufmerksamkeit galt in den letzten Wochen der Hausdurchsuchung durch die Zürcher Staatsanwaltschaft beim Finanzportal Inside Paradeplatz von Anfang Juni. Hintergrund waren Publikationen des Journalisten Lukas Hässig von 2016, die massgeblich zur Aufdeckung des Raiffeisen-Skandals und zur erstinstanzlichen Verurteilung von Ex-Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz und seines Vertrauten Beat Stocker geführt hatte. Seit rund sechs Jahren läuft eine Strafuntersuchung gegen Hässig wegen angeblichen Verstosses gegen das Bankgeheimnis. Mit Urteil vom 2. Juli 2025 hat nun das Zwangsmassnahmengericht des Zürcher Bezirksgerichts das von der Staatsanwaltschaft eingereichte Gesuch um Entsiegelung der bei Inside Paradeplatz beschlagnahmten Gegenstände und Dokumente abgewiesen. Das Urteil finden Sie unter dem Titel «Entscheid zugunsten der Medienfreiheit: Keine Entsiegelung im Fall Inside Paradeplatz» mit ein paar Anmerkungen auf unserer Website unter «Aktuell».

Mit der Problematik von strafprozessualen Zwangsmassnahmen gegen Medienschaffende, insbesondere gestützt auf den 2015 verschärften Art. 47 des Bankengesetzes, befasst sich Rechtsanwalt Simon Jakob im Beitrag «Journalismus als Risiko», der schon vor dem oben besprochenen Urteil des Zwangsmassnahmengerichts bei «medialex» erschienen ist. Der Autor findet, derartige Eingriffe gegen Medienschaffende seien mit der verfassungsmässig garantierten Medienfreiheit nicht vereinbar und wirkten sich abschreckend auf diese aus. Die Hausdurchsuchung bei Inside Paradeplatz erscheint ihm in diesem Licht als unverhältnismässig.

Verlagshäuser kennen sie nur zu gut, die Abmahnungen deutscher Anwälte, die für ihre Klientschaft wegen der Verwendung von Bildern oder wegen unliebsamer Berichte die hohle Hand machen. Ausgehend von einem Fall, der die NZZ betraf, erörtern die Rechtsanwälte Markus Prazeller und Simon Walker im Beitrag «Der ‘fliegende’ Gerichtsstand» die Frage, welche Erlasse wann anzuwenden und welche Gerichte in den verschiedenen Konstellationen zuständig sind, wenn eine persönlichkeitsverletzende Publikation über das Internet verbreitet wird. Der Beitrag stellt eine wertvolle Hilfe dar, um sich im Dschungel von Gesetzen und Staatsverträgen in Auseinandersetzungen mit internationalem Einschlag zurechtzufinden.

In der inzwischen dritten Folge der Jahresübersichten bespricht Rechtsanwalt Oliver Sidler im Beitrag «Meinungsfreiheit im Lichte der Programmgrundsätze» die Spruchpraxis der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) des Jahres 2024. Kritische Kommentare in Online-Foren der SRG zur redaktionellen Themenwahl nicht zu veröffentlichen, erhitzte nicht nur bei den Beschwerdeführenden die Gemüter, sondern auch bei der UBI. Solange kein erkennbarer Bezug zum Thema ersichtlich ist, können kritische Kommentare nach Ansicht der Mehrheit der UBI gelöscht werden. Eine Minderheit der Behörde verlangt zur Sicherung einer freien demokratischen Debatte allerdings eine weite Auslegung der Meinungsfreiheit. Uneinigkeit besteht auch in der Frage, wie weit das Vielfaltsgebot bei der Beurteilung einzelner Sendungen im Rahmen einer Zeitraumbeschwerde Anwendung findet. Die UBI befasste sich im Berichtsjahr zudem mit Sendungen vor Wahlen und Abstimmungen und solchen mit schweren Vorwürfen gegen Personen, ohne dass diese Gelegenheit zur Stellungnahme erhalten hatten.

Unter «Aktuelle Entscheide» finden Sie die Liste mit neu publizierten medienrechtlich relevanten Urteilen der Bundesgerichte, mit UBI-Entscheiden und den jüngsten Stellungnahmen des Presserats. Und «Neue Literatur» bietet Ihnen einen Überblick über neu erschienene wissenschaftliche Publikationen zum Medienrecht.

 Und: Reservieren Sie bereits heute den Termin für den traditionellen «medialex»-Apéro. Dieser findet dieses Jahr am Donnerstag, 30. Oktober, statt, ab 17.00 Uhr wie üblich an der Universitätstrasse 100 (ProLitteris).

Die «medialex»-Redaktion wünscht Ihnen einen entspannten, sonnigen Sommer. Der nächste Newsletter erscheint nach der Sommerpause Anfang September.

Simon Canonica
Redaktor «Medialex»

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Der «fliegende Gerichtsstand» bei Persönlichkeitsverletzung

Die internationale Zuständigkeit am Beispiel einer deutschen Abmahnung – eine Beurteilung aus Schweizer Sicht

Markus Prazeller und Simon Walker, Advokaten, Kanzlei «Wagner Prazeller Hug», Basel

Résumé: Les médias suisses ne connaissent que trop bien les mises en demeure des avocats allemands qui réclament de l’argent pour leurs clients en raison de l’utilisation d’images ou la publication d’articles jugés déplaisants. Partant d’un cas ayant concerné la NZZ, les auteurs examinent la question de savoir quelles dispositions s’appliquent à quels cas et quels tribunaux sont compétents dans les différentes configurations lorsqu’une publication portant atteinte à la personnalité est diffusée sur internet. Dans de tels cas, le dommage peut en principe survenir partout où le contenu est accessible, ce qui peut donner lieu à un nombre potentiellement illimité de fors compétents (appelées «juridictions volantes»). Cet article constitue une aide précieuse pour s’y retrouver dans la jungle des lois et des traités internationaux.

Zusammenfassung: Verlagshäuser kennen sie nur zu gut, die Abmahnungen deutscher Anwälte, die wegen der Verwendung von Bildern oder wegen unliebsamer Berichte für ihre Klientschaft die hohle Hand machen. Ausgehend von einem Fall, der die NZZ betraf, erörtern die Autoren die Frage, welche Erlasse wann anzuwenden und welche Gerichte in den verschiedenen Konstellationen zuständig sind, wenn eine persönlichkeitsverletzende Publikation über das Internet verbreitet wird. In solchen Fällen kann Schaden grundsätzlich überall dort eintreten, wo der Inhalt abrufbar ist, woraus eine potenziell unbegrenzte Anzahl an Gerichtsständen (sogenannte «fliegende» Gerichtsstände) resultieren kann. Der Beitrag stellt eine wertvolle Hilfe dar, um sich im Dschungel von Gesetzen und Staatsverträgen in Auseinandersetzungen mit internationalem Einschlag zurechtzufinden.

I. Ausgangslage

1

Es gehört zum Alltag auf den Rechtsabteilungen Schweizer Verlage: Abmahnungen deutscher Anwälte wegen angeblicher Verletzungen von Urheber- oder Persönlichkeitsrechten, begangen etwa durch die Verwendung eines Bildes oder einer unliebsamen Berichterstattung.

2

Mit einer solchen Abmahnung[1] sah sich kürzlich auch die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) konfrontiert. Absender: Ein Rechtsanwalt aus Berlin, Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht und gewerblichen Rechtsschutz. Die Berichterstattung der NZZ, so der deutsche Kollege, verletzte das allgemeine Persönlichkeitsrecht seines Klienten, weshalb die entsprechenden Aussagen im Artikel gelöscht werden müssten. Darüber hinaus habe die NZZ «gemäss den §§ 823 Abs. 1, Abs. 2, 1004 Abs. 1 S. 2 BGB analog i.V.m. §§ 186 ff. StGB, Art. 2 Abs. 1, 1 Abs. 1 GG, Art. 8 EMRK» eine Unterlassungserklärung abzugeben, so die Forderung.Soweit nichts Besonderes. Bemerkenswert am vorliegenden Fall ist jedoch, dass der deutsche Fachanwalt einen Geschäftsmann aus Luzern vertritt, der in der Schweiz wohnt. Wer sich nun wundert, wie ein deutscher Anwalt auf die Idee kommt, bei einem Sachverhalt, der auf den ersten Blick keinen Auslandbezug aufweist, die Anwendbarkeit deutschen Rechts zu unterstellen, ist in guter Gesellschaft.

3

Auch die Rechtsabteilung der NZZ monierte diesen Umstand, was den deutschen Kollegen zur Bemerkung bewog, die Schweiz sei «kein Planet, sondern ein auch deutschsprachiges Land inmitten Europas und direkter Nachbar der Bundesrepublik Deutschland». Das ist zwar sachlich korrekt, jedoch kein juristisch stichhaltiges Argument für die Zuständigkeit deutscher Gerichte und die Anwendbarkeit deutschen Rechts. Immerhin: Der deutsche Anwalt verwies zumindest auf einen (angeblichen) «Deutschland-Bezug» seines Mandanten, der «recherchierbar» sei, und hielt fest: «Und wenn Sie nun noch die «New York Times-Rechtsprechung des BGH zur Kenntnis nehmen, erschlieβt sich der Rest.»

4

Die Autoren nehmen die beschriebene Intervention zum Anlass, sich einerseits mit der «New York Times-Rechtsprechung» des deutschen Bundesgerichtshofs auseinanderzusetzen, andererseits zu erörtern, ob ein vergleichbarer Fall aus dem Ausland in der Schweiz anhängig gemacht werden könnte.

II. Die deutsche Sicht

1. Vorbemerkungen

5

Ausgangspunkt unserer Erörterung ist die Abmahnung eines deutschen Anwalts, der die Zuständigkeit deutscher Gerichte unterstellt und die Anwendbarkeit deutschen Rechts behauptet. Würde der Anwalt, wie angedroht, vor einem deutschen Gericht eine Klage gegen den Schweizer Verlag anhängig machen, prüft das angerufene Gericht seine Zuständigkeit nach der lex fori, also seinem eigenen Verfahrensrecht.[2]

6

Im Verhältnis zwischen Deutschland und den EU-Mitgliedsstaaten beurteilt sich die internationale Zuständigkeit nach dem supranationalen Unionsrecht, namentlich der EuGVVO oder Brüssel Ia-Verordnung[3]. Hat die Beklagte – wie in unserem Ausgangsfall – ihren Sitz in der Schweiz, sind die einschlägigen völkerrechtlichen Verträge massgebend, mithin das Lugano-Übereinkommen (LugÜ)[4], das zwischen der EU, der Schweiz, Island und Norwegen abgeschlossen wurde. Fehlen supranationale oder völkerrechtliche Regelungen, ist auf das autonome deutsche Zivilprozessrecht abzustellen.[5]

2. New York-Times-Entscheid

7

In seiner Korrespondenz mit dem Verlag verweist der deutsche Kollege auf die New-York-Times-Entscheidung des deutschen Bundesgerichtshofes (BGH). In diesem Urteil aus dem Jahr 2010 äussert sich der BGH zur internationalen Zuständigkeit deutscher Gerichte bei behaupteten Persönlichkeitsverletzungen, begangen durch einen ausländischen Verlag.[6]

8

Anlass des Rechtsstreits war ein Artikel in der Online-Ausgabe der «New York Times», in dem über Ermittlungsverfahren der US-amerikanischen Behörden gegen einen in Deutschland lebenden und wirtschaftenden – und im Artikel namentlich genannten – Unternehmer berichtet wurde. Der Mann klagte in Deutschland gegen den US-amerikanischen Verlag. Das Oberlandesgericht Düsseldorf verneinte die internationale Zuständigkeit deutscher Gerichte, da der Online-Artikel nicht den «erforderlichen Inlandsbezug» aufweise. Zum einen richte sich die Publikation nicht «gezielt» und «bestimmungsgemäss» an das deutsche Publikum. Zum anderen, so das Oberlandesgericht, vermögen auch die rund 14’000 Leserinnen und Leser mit Wohnsitz in Deutschland, die den Artikel gelesen hätten, keinen hinreichenden Deutschland-Bezug herzustellen, da dies bloss einem halben Prozent der Online-Leserschaft der «New York Times» entspreche.[7] Unter diesen Umständen scheide Deutschland als Begehungsort[8] aus.

9

Dieser Auffassung widersprach der Bundesgerichtshof. Er stellt klar: «Entscheidend ist vielmehr, ob die als rechtsverletzend beanstandeten Inhalte objektiv einen deutlichen Bezug zum Inland in dem Sinne aufweisen, dass eine Kollision der widerstreitenden Interessen – Interesse des Klägers an der Achtung seines Persönlichkeitsrechts einerseits, Interesse des Beklagten an der Gestaltung seines Internetauftritts und an einer Berichterstattung andererseits – nach den Umständen des konkreten Falls, insbesondere aufgrund des Inhalts der beanstandeten Meldung, im Inland tatsächlich eingetreten sein kann oder eintreten kann».[9] Oder etwas weniger sperrig formuliert: Für die internationale Zuständigkeit deutscher Gerichte bedarf es eines deutlichen Inlandbezugs, der über die blosse Aufrufbarkeit des Artikels hinausgeht.

10

Nach Ansicht des Bundesgerichtshofes kann dieser Bezug aber nicht so weit gehen, als dass sich der Inhalt der inkriminierten Aussagen «gezielt» und «bestimmungsgemäss» an ein deutsches Publikum richten müsse. Dieses Kriterium sei bei Wettbewerbsverletzungen sinnvoll, werde jedoch dem Persönlichkeitsrecht nicht gerecht, bei dem nicht ein räumlich definierter Markt zu schützen ist, sondern der Achtungsanspruch des Klägers.[10] Ebenfalls keine entscheidende Rolle spiele die Anzahl von Abrufen durch eine deutsche Leserschaft, da der eingeklagte Unterlassungsanspruch auf die Zukunft gerichtet sei und keiner eingetretenen Rechtsverletzung bedürfe.[11]

11

Im vorliegenden Fall war der erforderliche Inlandsbezug laut Bundesgerichtshof zu bejahen, weil die inkriminierten Aussagen den Ruf des klagenden Unternehmers in Deutschland, wo er lebe und geschäftlich tätig sei, stören bzw. gefährden würden.[12]

12

Die mit dem New York-Times-Entscheid dargelegte Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs überzeugt, weil sie die Ratio des Persönlichkeitsrechts berücksichtigt und von Medienartikel Betroffenen eine Alternative zum Beklagtenforum eröffnet. Gleichzeitig wird durch das Erfordernis eines qualifizierten Inlandbezugs ein unkontrollierbares «forum runnig» verhindert, wie es – im Kontext Deutschland/Schweiz – zuweilen im Urheberrecht zu beobachten ist.

3. eDate-Urteil des EuGH

13

Im Verhältnis der EU-Mitgliedstaaten zueinander sticht das Urteil des Europäischen Gerichtshofes in der Sache eDate Advertising GmbH u.a. gegen X und Société MGN LIMITED hervor.[13] In einem Vorabentscheidungsverfahren hatte der EuGH Fragen zur internationalen Zuständigkeit bei Persönlichkeitsverletzungen auf Webseiten und damit zur Tragweite des Art. 5 Nr. 3 der Brüssel Ia-Verordnung in der damaligen Fassung[14] zu beantworten.

14

Der EuGH hielt fest, dass die verletzte Person Klage bei den Gerichten des Mitgliedstaats einreichen kann, in dem das Medium seinen Sitz hat – oder sie an die Gerichte des Mitgliedstaats gelangen kann, in dem sich der «Mittelpunkt ihrer Interessen» befindet. In beiden Varianten kann der gesamte Schaden eingeklagt werden. Sodann bejaht der EuGH die Zuständigkeit der Gerichte eines Mitgliedstaats, in dessen Hoheitsgebiet der inkriminierte Inhalt zugänglich ist oder war – jedoch mit der Einschränkung, dass diese Gerichte nur für die Entscheidung über den Schaden zuständig sind, der im Gerichtsstaat verursacht wurde.[15] Die internationale Zuständigkeit wird damit deutlich weiter gefasst als im «New York Times»-Urteil des BGH, auch wenn sich die Geltendmachung eines länderspezifischen Schadens in der Praxis als schwierig bzw. wenig opportun erweisen dürfte.

15

Zur Wendung des «Mittelpunktes der Interessen» hält der EuGH fest: «Der Ort, an dem eine Person den Mittelpunkt ihrer Interessen hat, entspricht im Allgemeinen ihrem gewöhnlichen Aufenthalt. Jedoch kann eine Person den Mittelpunkt ihrer Interessen auch in einem anderen Mitgliedstaat haben, in dem sie sich nicht gewöhnlich aufhält, sofern andere Indizien wie die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit einen besonders engen Bezug zu diesem Staat herstellen können.»[16] Es wird unter Rz. 26 hiernach detailliert auf dieses Erfordernis eingegangen.

4. Feststellung

16

Welche Zuständigkeitsregeln zur Anwendung gelangen, hängt im Wesentlichen vom rechtsrelevanten Sachverhalt und der Frage ab, ob ein Unionsbezug vorliegt. Im persönlichkeitsrechtlichen Kontext erteilen jedoch sowohl der Bundesgerichtshof als auch der Europäische Gerichtshof dem Konzept des exorbitanten Gerichtsstands eine Absage. Die internationale Zuständigkeit verlangt einen qualifizierten Bezug zum Ort des angerufenen Gerichts.

17

Ein pauschaler Verweis auf einen vermeintlichen «Deutschland-Bezug», wie in unserem Ausgangsfall, vermag die vom BGH und vom EuGH definierten Anforderungen freilich nicht zu erfüllen. Verlangt wird vielmehr eine besondere Nähe zum Gerichtsstand, die im vorliegenden Fall in Bezug auf Deutschland nur schwer zu begründen sein dürfte. Zudem wird in der Abmahnung unterschlagen, dass die Zuständigkeit vorliegend nach Massgabe des LugÜ ermittelt würde – und mithin anhand der eDate-Rechtsprechung zu beurteilen wäre (vgl. Rz.26 ff. hiernach). Das New York Times-Entscheidung ist da nur begrenzt hilfreich.

III. Die Schweizer Sicht

1. Vorbemerkung

18

In diesem Abschnitt richten wir den Blick nun auf den umgekehrten Fall: Wie würde es sich verhalten, wenn ein ausländischer Staatsbürger in der Schweiz gegen ein Medium in seinem Wohnsitzstaat klagen wollte. Es wird erörtert, nach welchen Voraussetzungen sich eine Schweizer Zuständigkeit im internationalen Privatrecht bestimmt und ob sich ein Schweizer Gericht in der vorgenannten Ausgangslage für zuständig erklären würde.

19

Die Anwendbarkeit des Kollisionsrechts setzt einen internationalen Sachverhalt voraus.[17] Die Art und Intensität des notwendigen Auslandsbezugs wird gesetzlich nicht definiert und ist jeweils im Einzelfall zu beurteilen.[18] In der Regel ist bei einem ausländischen Wohnsitz einer Partei von einem internationalen Sachverhalt auszugehen. Anknüpfungspunkte für einen ausländischen Sachverhalt können zudem ein Handlungs- oder Erfolgsort im Ausland bilden.[19] Da im vorliegenden Beispiel eine ausländische Person gegen ein ausländisches Unternehmen in der Schweiz klagen möchte, liegt aus Schweizer Sicht zweifelsohne ein internationaler Sachverhalt vor.

20

Massgebend für die Frage der Zuständigkeit der Schweizer Gerichte bei internationalen Sacherhalten ist im Privatrecht das Kollisionsrecht. In erster Linie richtet sich das internationale Privatrecht nach den Bestimmungen des Bundesgesetzes über das Internationale Privatrecht (IPRG). Dieses regelt im internationalen Verhältnis unter anderem die Zuständigkeit der schweizerischen Gerichte oder Behörden (vgl. Art. 1 Abs. 1 lit. a IPRG). Das IPRG äussert jedoch einen Vorbehalt gegenüber völkerrechtlichen Verträgen, die den Bestimmungen des IPRG vorgehen (vgl. Art. 1 Abs. 2 IPRG). Neben dem IPRG ist im EU-Raum für die Beurteilung der internationalen Zuständigkeit insbesondere das Lugano-Übereinkommen (LugÜ) von zentraler Bedeutung. Es wird im Nachfolgenden auf die Bestimmung der internationalen Zuständigkeit nach IPRG sowie nach LugÜ eingegangen. Weitere Abkommen werden in diesem Beitrag nicht behandelt.

2. LugÜ / IPRG als Ausgangspunkt

21

Das IPRG bestimmt, dass für Ansprüche aus einer Persönlichkeitsverletzung die Bestimmungen über die unerlaubte Handlung gelten (vgl. Art. 33 Abs. 2 IPRG). Das IPRG sieht für unerlaubte Handlungen einen schweizerischen Gerichtsstand am Wohnsitz des Beklagten oder, sofern ein solcher fehlt, am gewöhnlichen Aufenthalt vor (Art. 129 Abs. 1 IPRG). Zusätzlich besteht eine Zuständigkeit der Schweizer Gerichte am Handlungs- und am Erfolgsort. (Art. 129 Abs. 1 IPRG).

22

Auch das Lugano-Übereinkommen ordnet für unerlaubte Handlungen oder ihnen gleichgestellte Handlungen einen Gerichtsstand am Ort an, an dem das schädigende Ereignis eingetreten ist bzw. einzutreten droht (vgl. Art. 5 Ziff. 3 LugÜ).

23

Beide Rechtsquellen – IPRG und LugÜ – sehen somit den Erfolgsort als möglichen Gerichtsstand vor. Zur Auslegung der Begriffe „Handlungsort“ und „Erfolgsort“ im IPRG ist die Auslegung der Begriffe nach dem LugÜ heranzuziehen, insbesondere im Hinblick auf dessen Entstehungsgeschichte und zur Koordinierung der Zuständigkeitsregeln.[20]

24

Der Erfolgsort ist jener Ort, an dem das geschützte Rechtsgut verletzt wird.[21] Wird ein persönlichkeitsverletzendes Medienerzeugnis über das Internet verbreitet, kann die Verletzung grundsätzlich überall dort eintreten, wo der Inhalt abrufbar ist.[22] Daraus ergibt sich eine potenziell unbegrenzte Anzahl an Gerichtsständen, da der Eingriff an jedem Ort denkbar ist, an dem die inkriminierte Aussage zugänglich ist (sogenannter „fliegender Gerichtsstand“). Das birgt die Gefahr eines «forum running», bei dem die Parteien gezielt den für sie günstigsten Gerichtsstand wählen.[23]

3. Zuständigkeit nach LugÜ: Die Mosaiktheorie

25

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat sich im Rahmen seiner Rechtsprechung gegen die Ansicht gestellt, ein Erfolgsort liege nur dort vor, wo ein Inhalt bestimmungsgemäss abrufbar ist oder der Inhalt ein besonderer Bezug zum Erfolgsort aufweist[24]. Eine Einschränkung nimmt der EuGH insofern vor, als dass er die Kognition der Gerichte am Erfolgsort einschränkt.[25] So kann das Gericht am Erfolgsort nur über den im jeweiligen Staat eingetretenen Schaden befinden.[26] Sofern die klagende Partei auf den gesamten Schaden klagen möchte, muss sie dies am Handlungsort oder am Wohnsitz der beklagten Partei tun.[27] Diese Aufteilung der Schadenersatzansprüche je Erfolgsort wird als Mosaikprinzip bzw. Mosaiktheorie bezeichnet.[28]

26

Diese Grundprämisse erweitert der EuGH mit seinem Entscheid eDate Advertising GmbH vom 25. Oktober 2011[29]. Der EuGH erlaubt zusätzlich die Geltendmachung des gesamten Schadens am Ort, an dem sich der Erfolg verwirklich hat, nämlich dort, wo sich der Mittelpunkt der Interessen des mutmasslichen Opfers befindet. Bezüglich des Mittelpunktes der Interessen führt der EuGH an, dass es sich im Allgemeinen um den gewöhnlichen Aufenthalt der Person handeln wird. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass eine Person den Mittelpunkt ihres Interesses auch in einem anderen Mitgliedstaat haben kann, sofern Indizien, wie die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit, einen besonders engen Bezug zu diesem Staat herstellen können. Der EuGH schafft mit dieser Rechtsprechung neben den beiden bestehenden einen weiteren Gerichtsstand, an dem das Gericht über den vollen Schadenersatzanspruch urteilen kann.

27

Das Mosaikprinzip ist nicht nur auf Schadenersatzansprüche anwendbar, sondern gilt auch für Unterlassungs- und Beseitigungsansprüche sowie für Anträge auf einstweiligen Rechtsschutz, soweit die Ansprüche teilbar sind.[30] Nicht teilbar, sondern einheitlich und untrennbar sind gemäss der Rechtsprechung des EuGH die Begehren auf Richtigstellung oder Entfernung von Inhalten sowie Unterlassungsansprüche.[31] Bei Ansprüchen, die nicht teilbar sind, besteht analog wie bei der Geltendmachung des Gesamtschadens nur eine Zuständigkeit bei einem Gericht mit voller Kognition, namentlich am Handlungsort, am Ort des Wohnsitzes der beklagten Partei sowie bei einer Persönlichkeitsverletzung über das Internet am Erfolgsort, an dem sich der Mittelpunkt der Interessen der betroffenen Person befindet[32].

28

Fraglich ist, was diese Erkenntnis für einen persönlichkeitsrechtlichen Feststellunganspruch nach Schweizer Recht bedeutet. Pro memoria: Ein Feststellungsanspruch setzt voraus, dass sich die Persönlichkeitsverletzung weiterhin störend auswirkt. Zudem kann dem Feststellungsanspruch eine beseitigende Wirkung zukommen.[33] Diese Umstände sprechen nach Ansicht der Autoren dafür, den Feststellunganspruch analog des Richtigstellungs- und Beseitigungsanspruchs zu behandeln. Dies, da diese Ansprüche ebenfalls primär darauf abzielen, einen Zustand, der sich störend auswirkt, zu beseitigen. Für einen Feststellungsanspruch muss deshalb ebenfalls gelten, dass dieser nur am Handlungsort, am Wohnsitz der beklagten Partei oder am Erfolgsort, an dem der Interessensmittelpunkt der betroffenen Person liegt, eingeklagt werden kann. Ein Feststellunganspruch kann zudem nicht geteilt werden. Er bildet damit einen einheitlichen Streitgegenstand. Wird also ein Feststellunganspruch anhängig gemacht, kann dieser infolge der erfolgten Rechtshängigkeit (res judicata) nicht bei einem weiteren Gericht geltend gemacht werden – im Gegensatz zu teilbaren Schadenersatzansprüchen. Es ist deshalb angebracht, dass der Feststellungsanspruch nur bei Gerichten mit voller Kognition eingeklagt werden kann, andernfalls ein fliegender Gerichtsstand für den Feststellungsanspruch für über das Internet erfolgte Persönlichkeitsverletzungen bestehen würde – was mit der Rechtsprechung des EuGH nicht im Einklang stünde.

29

Zurückkommend auf die ursprüngliche Fragestellung – eine ausländische Person möchte in der Schweiz gegen ein ausländisches Medienunternehmen klagen, dessen Inhalte hier abrufbar sind – muss deshalb vorerst geklärt werden, welche Ansprüche geltend gemacht werden. Ein Gerichtsstand in der Schweiz kann sich im vorliegenden Beispiel nur aufgrund des Erfolgsorts ergeben. Sowohl der Handlungsort, nämlich die Publikation der inkriminierten Berichterstattung, als auch der Sitz des verantwortlichen Unternehmens liegen nämlich im Ausland. Ob am Erfolgsort ein Gerichtsstand besteht, hängt nach der vorerwähnten Rechtsprechung des EuGH davon ab, welche Ansprüche geltend gemacht werden sollen.[34] Sind die Ansprüche teilbar, insbesondere auf die Schweiz entfallende Schadensforderungen, kann die Forderung in der Schweiz als Erfolgsort geltend gemacht werden. Bei unteilbaren Ansprüchen muss hingegen geprüft werden, ob die Schweiz als Erfolgsort ein Interessensmittelpunkt der betroffenen Person darstellt, andernfalls kein Gerichtsstand mit voller Kognition besteht. Diese Beurteilung ist jeweils im Einzelfall vorzunehmen. Besteht beispielsweise ein enger geschäftlicher Bezug zur Schweiz, weil die betroffene Person hauptsächlich in der Schweiz beruflich tätig ist, kann ein Interessensmittelpunkt in der Schweiz bejaht werden. Besteht hingegen kein besonderer Bezug zur Schweiz, wird eine Zuständigkeit von Schweizer Gerichten folglich abzulehnen sein.

30

Daraus folgt, dass für Ansprüche aus Persönlichkeitsverletzungen im Internet, die gestützt auf das LugÜ in der Schweiz als Erfolgsort geltend gemacht werden, ähnlich wie nach deutscher und europäischer Rechtsprechung (vgl. Rn. 16 hiervor) ein besonderer Anknüpfungspunkt zur Schweiz vorausgesetzt wird, soweit sich der Streitgegenstand nicht auf teilbare Ansprüche beschränkt.

4. Zuständigkeit nach IPRG

31

Die in Art. 129 Abs. 1 IPRG bezeichnenden Gerichtsstände am Handlungs- bzw. Erfolgsort sind keine subsidiären, sondern alternative Gerichtsstände – dies im Gegensatz zur altrechtlichen Regelung.[35] Sowohl nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts als auch nach der herrschenden Lehre wird angenommen, dass sich bei Persönlichkeitsverletzungen der Erfolgsort in erster Linie dort befindet, wo die betroffene Person ihren Wohnsitz bzw. ihren gewöhnlichen Aufenthaltsort oder den Lebensmittelpunkt hat.[36] Das Bundesgericht hält fest, dass der Lebensmittelpunkt einer Person nicht zwingend deckungsgleich mit deren Wohnsitz sein muss. So kann beispielsweise der Lebensmittelpunkt bei einem vorübergehenden ausländischen Wohnsitz trotzdem im Ursprungsland verbleiben, zum Beispiel bei Studenten.[37] Gewisse Autoren sehen bei einem Bezug zur beruflichen Tätigkeit der betroffenen Person, und soweit das berufliche Ansehen tangiert ist, zudem am gewöhnlichen Arbeitsort einen Erfolgsort – die Rede ist wiederum vom Interessensmittelpunkt.[38] Es besteht in der Lehre mehrheitlich Einigkeit darüber, dass bei einer Persönlichkeitsverletzung zur Begründung eines Gerichtsstands in der Schweiz über den Erfolgsort hinaus ein zusätzlicher Bezug zur Schweiz bestehen muss.[39] Damit gelten nach dem Schweizer IPRG ähnliche Voraussetzungen für eine Zuständigkeit wie in Deutschland bzw. Europa, wo ebenfalls ein besonderer Bezug verlangt wird (vgl. Rz. 16 hiervor). Die Übernahme der vom EuGH entwickelten Mosaiktheorie wird für das schweizerische IPRG in der Lehre – mit unterschiedlicher Begründung – mehrheitlich abgelehnt.[40]

5. Feststellungen

32

Die Voraussetzung, dass ein besonderer Bezug zur Schweiz bestehen muss, damit in der Schweiz gestützt auf den Erfolgsort ein Gerichtsstand begründet werden kann, überzeugt. Einer in der Schweiz lebenden Person, die sich mit einer Persönlichkeitsverletzung in einem ausländischen Medium konfrontiert sieht, soll es auch als klagende Partei möglich sein, in der Schweiz zu klagen.[41] Hingegen besteht kein Anlass, Personen, die keinen Bezug zur Schweiz aufweisen, einen Gerichtsstand in der Schweiz zu eröffnen. Es ist naheliegend, dass sich eine Persönlichkeitsverletzung insbesondere am Lebensmittelpunkt der betroffenen Person auswirkt. In Ländern, zu denen die betroffene Person kaum oder keine Anknüpfungspunkte aufweist, wird die Persönlichkeitsverletzung nicht im gleichen Ausmass spürbar sein. Es ist deshalb dogmatisch richtig, wenn diejenigen Gerichte über eine geltend gemachte Persönlichkeitsverletzung entscheiden, die den nächsten Sachbezug zur behaupteten Verletzung aufweisen. Zumal es der betroffenen Person unbenommen bleibt, ein erwirktes Urteil auch in weiteren Ländern zu vollstrecken.

33

Wendet man das vorab Ausgeführte auf das Fallbeispiel an, wonach eine ausländische Person gegen ein ausländisches Unternehmen in der Schweiz klagen will, würde eine Schweizer Zuständigkeit wohl nur bejaht werden, wenn die betroffene Person einen besonderen Bezug zur Schweiz nachweisen kann. Sei dies, weil sie nur vorübergehend im Ausland wohnt, oder weil sie nachweisen kann, dass sie aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit über eine besondere Nähe zur Schweiz verfügt.

34

Die blosse Abrufbarkeit des inkriminierenden Inhalts über das Internet wäre hingegen nicht ausreichend, um eine Schweizer Zuständigkeit nach IPRG zu begründen.

IV. Fazit

35

Unter Berücksichtigung der Erkenntnisse lässt sich für unseren Ausgangsfall und seine Variante was folgt feststellen: Vorderhand ist zu bestimmen, nach welchem Kollisionsrecht die Zuständigkeit zu ermitteln ist. Ist wie in unseren beiden Ausgangsfällen das Lugano-Übereinkommen anwendbar, ist zu fragen, welche Ansprüche geltend gemacht werden: Bei teilbaren Ansprüchen kann an jedem Erfolgsort der jeweilige, auf das Land entfallende Teilanspruch geltend gemacht werden. Sofern der gesamte Schaden geltend gemacht werden möchte, ist an einem Gericht mit voller Kognition zu klagen (Handlungsort oder Sitz der beklagten Partei und am Erfolgsort, an dem der Interessensmittelpunkt liegt).

36

Unteilbare Ansprüche können nur an einem Gericht mit voller Kognition geltend gemacht werden. Dies hat insbesondere auch für den Unterlassungsanspruch zu gelten, den der deutsche Kollege im Ausgangsfall geltend machen will. Konkret dürfte sich ein deutsches Gericht unter Berücksichtigung des Gesagten nur dann für zuständig erklären, wenn in Deutschland ein Interessensmittelpunkt besteht.

37

Nach Massgabe des IPRG fällt die Beurteilung einfacher aus: Eine Klage ist am Handlungsort oder am Sitz der beklagten Partei einzureichen. In der Schweiz als Erfolgsort kann unabhängig davon, ob die Ansprüche teilbar bzw. unteilbar sind, nur geklagt werden, wenn ein besonderer Bezug zur Schweiz besteht. Die blosse Abrufbarkeit ist hingegen nicht ausreichend.


Fussnoten:

  1. Die Rechtsabteilung der NZZ hat den Autoren die Abmahnung freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Die vorliegende Abhandlung erfolgt jedoch ohne Instruktion und Auftrag.

  2. Statt vieler Junker, Internationales Zivilprozessrecht, § 2 N. 45.

  3. Verordnung (EU) Nr. 1215/2012 vom 12.12.2012 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Anerkennung und Vollstreckung von Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen vom 30. Oktober 2007.

  4. Übereinkommen vom 30. Oktober 2007 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Anerkennung und Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen, SR 0.275.12.

  5. Junker, Internationales Zivilprozessrecht, § 21 N. 3.

  6. BGH, Urteil vom 2. März 2010 – VI ZR 23/09.

  7. BGH, Urteil vom 2. März 2010 – VI ZR 23/09, Rn. 9.

  8. Die Beurteilung erfolgte nach Massgabe von § 32 der deutschen ZPO, wonach für Klagen aus unerlaubten Handlungen das Gericht zuständig ist, in dessen Bezirk die Handlung begangen ist, wobei als Begehungsort sowohl der Handlungs- als auch der Erfolgsort infrage kommt.

  9. BGH, Urteil vom 2. März 2010 – VI ZR 23/09, Rn. 25.

  10. BGH, Urteil vom 2. März 2010 – VI ZR 23/09, Rn. 23.

  11. BGH, Urteil vom 2. März 2010 – VI ZR 23/09, Rn. 24.

  12. BGH, Urteil vom 2. März 2010 – VI ZR 23/09, Rn. 28.

  13. EuGH, Urteil vom 25. Oktober 2011 – Rechtssachen C‑509/09 & C‑161/10, ECLI:EU:C:2011:685.

  14. Verordnung (EG) Nr. 44/2001 des Rates vom 22. Dezember 2000 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Anerkennung und Vollstreckung von Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen, ABl. L 12 vom 16.1.2001, S. 1–23.

  15. EuGH, Urteil vom 25. Oktober 2011 – Rechtssachen C‑509/09 & C‑161/10, ECLI:EU:C:2011:685, Rn. 52.

  16. EuGH, Urteil vom 25. Oktober 2011 – Rechtssachen C‑509/09 & C‑161/10, ECLI:EU:C:2011:685, Rn. 49.

  17. Schnyder/Liatowitsch, Internationales Privat- und Zivilverfahrensrecht, Rz. 1 f.

  18. BGE 131 III 76 E. 2.3.

  19. OFK/IPRG/LugÜ-Kren Kostkiewicz, IPRG 129 N 1.

  20. BSK IPRG-Rodriguez/Krüsi/Umbricht, Art. 129 N 16.

  21. BGE 113 II 476 E. 3 a.

  22. David Rosenthal, Das auf unerlaubte Handlungen im Internet anwendbare Recht am Beispiel des Schweizer IPR, AJP/PJA 11/97, S. 1343.

  23. Alexander Kernen, Persönlichkeitsverletzungen im Internet, Rz. 517.

  24. BSK LugÜ-Hofmann/Kunz, Art. 5 N 596.

  25. BSK LugÜ-Hofmann/Kunz, Art. 5 N 630.

  26. Dasser/Oberhammer-Oberhammer, Art. 5 LugÜ N 122.

  27. Schnyder/Sogo-Acocella, Art. 5 LugÜ N 254.

  28. Vgl. Dasser/Oberhammer-Oberhammer, Art. 5 LugÜ N 122 sowie Schnyder/Sogo-Acocella, Art. 5 LugÜ N 255.

  29. EuGH, C-509/09 und C-161/10 vom 25. Oktober 2025, eDate Advertising c. X / Olivier Martinez u. Robert Martinez c. MGN.

  30. Schnyder/Sogo-Acocella, Art. 5 LugÜ N 255 m.w.H.

  31. EuGH, C-194/16 vom 17. Oktober 20, Bolagsupplysningen, Ilsjan c. Svensk Handel sowie BSK LugÜ-Hofmann/Kunz, Art. 5 N 634 sowie Schnyder/Sogo-Acocella, Art. 5 LugÜ N 258c.

  32. BSK LugÜ-Hofmann/Kunz, Art. 5 N 634.

  33. Vgl. BGE 122 III 449 E. Regeste sowie E. 2a und 2b.

  34. Dies unter der Annahme, dass Schweizer Gerichte die Rechtsprechung des EuGH bei der Beurteilung der Zuständigkeit berücksichtigen.

  35. BSK IPRG-Rodriguez/Krüsi/Umbricht, Art. 129 N 12.

  36. BGer 5A_812/2015 vom 6. September 2025 E. 5.1.2, BSK IPRG-Rodriguez/Krüsi/Umbricht, Art. 129 N 30, ZK IPRG-Volken/Göksu, Art. 129 N 53 sowie OFK/IPRG/LugÜ-Kren Kostkiewicz, IPRG 129 N 24.

  37. BGer 5A_812/2015 vom 6. September 2025 E. 5.1.2.

  38. ZK IPRG-Volken/Göksu, Art. 129 N 53.

  39. Vgl. BGer 5A_812/2015 vom 6. September 2025 E. 5.1.1 m.w.H.

  40. Vgl. BSK IPRG-Rodriguez/Krüsi/Umbricht, Art. 129 N 28 und ZK IPRG-Volken/Göksu, Art. 129 N 50.

  41. Vgl. OFK/IPRG/LugÜ-Kren Kostkiewicz, IPRG 129 N 24.


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Meinungsfreiheit im Lichte der Programmgrundsätze

Rechtsprechungsübersicht 2024 der unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI

Oliver Sidler, Dr. iur., Rechtsanwalt, Küssnacht am Rigi

Résumé: Le fait de ne pas publier les commentaires critiquant le choix des thèmes éditoriaux sur les forums en ligne de la SSR suscite des réactions vives, non seulement chez les plaignants, mais également au sein de l’AIEP. Tant qu’aucun lien avec le thème n’est identifiable, la majorité des membres de l’AIEP estime que ces commentaires peuvent être supprimés. Une minorité exige une interprétation large de la liberté d’expression afin de garantir un débat démocratique libre. Il existe également un désaccord sur la question de savoir dans quelle mesure le principe de diversité s’applique à l’évaluation de programmes individuels dans le cadre d’une plainte portant sur une période donnée. Au cours de l’année sous revue, l’AIEP a continué de traiter divers programmes diffusés avant des élections et des votations qui, dans cette phase sensible, n’ont pas respecté les obligations de diligence accrues, ou des programmes contenant des accusations graves à l’encontre de personnes qui n’ont pas eu la possibilité de s’exprimer.

Zusammenfassung: Kommentare in Online-Foren der SRG mit Kritik an der redaktionellen Themenwahl nicht zu veröffentlichen, erhitzt nicht nur bei Beschwerdeführenden die Gemüter, sondern auch bei der UBI. Solange kein erkennbarer Bezug zum Thema ersichtlich ist, können solche Kommentare nach Ansicht der Mehrheit der UBI gelöscht werden. Eine Minderheit aber verlangt zur Sicherung einer freien demokratischen Debatte eine weite Auslegung der Meinungsfreiheit. Uneinigkeit besteht auch in der Frage, wie weit das Vielfaltsgebot bei der Beurteilung einzelner Sendungen im Rahmen einer Zeitraumbeschwerde überhaupt Anwendung findet. Die UBI befasste sich im Berichtsjahr weiter mit verschiedenen Sendungen vor Wahlen und Abstimmungen, die gerade in dieser sensiblen Phase die erhöhten Sorgfaltspflichten nicht einhielten, oder Sendungen mit schweren Vorwürfen an Personen ohne Gelegenheit zur Stellungnahme.

I. Überblick

1

Von den 37 erledigten Beschwerdeverfahren hat die unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) im letzten Jahr 33 materiell-rechtlich beurteilt (2023: 23). Auf vier Beschwerden wurde nicht eingetreten (2023: 8). Gutgeheissen wurden sieben, teilweise gutgeheissen drei Beschwerden. Bei 23 Beschwerden wurde keine Verletzung des programmrechtlichen Sachgerechtigkeitsgebot von Art. 4 Abs. 2 RTVG oder Vielfaltsgebot von Art. 4 Abs. 4 RTVG festgestellt. Im Folgenden wird eine Auswahl der im Jahr 2024 abgeschlossenen Verfahren vorgestellt.

II. Nichteintretensentscheide

2

Die meisten Nichteintretensentscheide betrafen Fälle, bei denen die formellen Voraussetzungen zur Beschwerdeführung nicht vollständig gegeben waren. Entweder lag keine enge Beziehung zum Sendegegenstand im Sinne von Art. 94 Abs. 1 RTVG vor, oder die Beschwerdeführenden reichten innert der gesetzten Nachfrist nicht die notwendigen Unterzeichner nach, um den Voraussetzungen für eine Popularbeschwerde gemäss Art. 94 Abs. 2 RTVG zu genügen. Ein öffentliches Interesse für eine Entscheidfassung i.S. von Art. 96 Abs. 1 RTVG wurde nicht festgestellt.

3

Im Verfahren b.1000 waren die formellen Voraussetzungen für eine Popularbeschwerde erfüllt, die Beanstandung bezog sich aber nicht auf den Online-Artikel vom April 2024 der RTS-Webseite selbst, sondern auf eine verlinkte Sendung aus dem November 2023, zu deren Anfechtung die Frist längst abgelaufen war. Die Einbettung der Videos in den Artikel wurde von der UBI nicht als Neuauflage oder Neuausstrahlung des ursprünglichen Inhalts gewertet. Auch der Umstand, dass die Beiträge noch online abrufbar waren, vermochte die Fristen nicht erneut zu starten. Aus diesem Grund wurde auf die Beschwerde wegen unzureichender Begründung und versäumter Fristen nicht eingetreten.

III. Erhöhte Sorgfaltspflichten vor Wahlen und Abstimmungen

4

Eine Popularbeschwerde richtete sich gegen das Wahldossier von SRF (verschiedene TV-, Radio- und Onlineformate, insb. mehrere „Arena“-Sendungen, das „Wahlbarometer“, der „Parteiencheck“ sowie ein kritisierter Online-Artikel vom 10. Oktober 2023) zur Nationalratswahl 2023, die sich auf den Zeitraum von August bis Oktober 2023 bezieht. Der Beschwerdeführer rügte insbesondere die ungleiche Behandlung kleiner Parteien, namentlich der EDU im Vergleich zur EVP, sowie eine unfaire Berichterstattung in einzelnen Sendungen. Er machte geltend, dass das Vielfaltsgebot gemäss Art. 4 Abs. 4 RTVG verletzt worden sei. Zusätzlich kritisierte er einen Online-Artikel, in dem die EDU als „Rechtsaussen-Partei“ bezeichnet wurde, wegen Verletzung des Sachgerechtigkeitsgebots.

5

Die UBI erinnerte in ihrem Entscheid daran, dass bei Wahlsendungen in der sensiblen Phase vor dem Urnengang erhöhte Anforderungen an die Vielfalt und Ausgewogenheit gestellt werden. Sie wies darauf hin, dass nicht alle Parteien gleichbehandelt werden müssen – die Programmautonomie gestattet eine Gewichtung, sofern diese auf objektiven, transparenten und nicht-diskriminierenden Kriterien, wie etwa die Fraktionsstärke im Parlament, die Sitzanzahl auf kantonaler Ebene oder die nationale Präsenz beruht.

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Im Fall des Wahldossiers stellte die UBI fest, dass den sechs grossen Parteien (SVP, SP, FDP, Die Mitte, Grüne, GLP) der meiste Raum eingeräumt wurde, während kleinere Parteien wie die EVP und die EDU weniger Beachtung fanden. Zwar wurde die EDU nur in einer „Arena“-Sendung eingeladen (25. August 2023), während die EVP mehrfach vertreten war, doch wurde sie in anderen Formaten wie dem Online-Steckbrief oder dem Regionaljournal erwähnt. Auch wenn die Gewichtung innerhalb der Wahlsendungen nicht ganz transparent oder einheitlich erfolgte, wurde darin keine unzulässige Diskriminierung gesehen. Die grössere Mandatsanzahl der EVP auf Bundes- und Kantonsebene wurde als sachlicher Grund für die differenzierte Behandlung akzeptiert.

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Ebenso wurde der „Parteiencheck“ auf Radio SRF 1 beanstandet, da dort die EVP, aber nicht die EDU berücksichtigt wurde. Auch hier verwies die UBI auf sachliche Gründe wie die grössere parlamentarische Präsenz der EVP und betonte, dass die EDU in weiteren regionalen Beiträgen zur Sprache kam. Die UBI befand daher, dass auch hier keine Verletzung des Vielfaltsgebots vorlag.

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Bezüglich des Online-Artikels «Das sind die Erfolgsaussichten der Massnahmen-Kritiker» vom 10. Oktober 2023 stellte die UBI jedoch eine Verletzung des Sachgerechtigkeitsgebots fest. Im Artikel wurde die EDU als „Rechtsaussen-Partei“ bezeichnet, was laut UBI nicht den Tatsachen entsprach, insbesondere im Lichte von neutralen Wahlhilfeplattformen wie Smartvote. Die Bezeichnung sei geeignet gewesen, das öffentliche Bild der Partei zu verzerren – insbesondere in der sensiblen Phase vor den Wahlen. Zwar korrigierte SRF den Artikel wenige Tage später und ersetzte den Ausdruck durch „rechtsbürgerliche EDU“, doch wertete die UBI die ursprüngliche Formulierung als journalistisch unzulässig und als Einflussnahme auf die Meinungsbildung. Infolgedessen wurde die Beschwerde in diesem Punkt gutgeheissen.

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In der publizierten abweichenden Meinung des Präsidiums wurde die Abweisung der Verletzung des Vielfaltsgebots kritisiert und darauf hingewiesen, dass die EDU als eine von acht Nationalratsparteien der Deutschschweiz in der sensiblen Phase vor den Wahlen mehrfach ungleich behandelt wurde – insbesondere durch ihre Nichtberücksichtigung in der „Arena“-Sendung vom 6. Oktober 2023, im „Parteiencheck“ und im „Wahlbarometer“, wo sie unter „übrige Parteien“ subsumiert wurde. Die Begründung, die EVP sei die „grösste der Kleinparteien“, sei nicht tragfähig. Eine vollständige politische Meinungsvielfalt sei unabdingbar für eine funktionierende Demokratie – die SRF hätte dies sorgfältiger beachten müssen (b.967).

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Fernsehen SRF porträtierte in der Sendung «Reporter» vom 29. November 2023 den Oberwalliser Renato Jordan und begleitete den Initianten eines Solarprojekts in den Alpen («Gondosolar») während eines Jahres. Die Sendung wurde am 30. November 2023 noch einmal auf SRF Info ausgestrahlt. In einer dagegen erhobenen Beschwerde wurde beanstandet, dass dem Projektinitianten deutlich mehr Raum zur Darstellung seiner Sichtweise gegeben worden sei als den Kritikerinnen und Kritikern. Zudem sei der Beitrag geeignet gewesen, die am 10. Dezember 2023 anstehenden Volksabstimmungen in Grengiols sowie die bis Januar 2024 laufende Unterschriftensammlung gegen das neue Stromversorgungsgesetz zu beeinflussen.

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Die UBI vermochte keine Verletzung des Sachgerechtigkeitsgebots erkennen, da der Beitrag transparent darstellte, dass Jordans Projekt nicht unumstritten war und die Redaktion dem Protagonisten durchaus kritisch mit entsprechenden Fragen begegnete. Sie stellte auch keine Verletzung des Vielfaltsgebots fest, auch wenn der Beitrag in der sensiblen Phase vor der Abstimmung in Grengiols ausgestrahlt wurde. Zwar befanden sich unter den gezeigten Stimmen zur Abstimmung überwiegend Befürworter, doch wurde diese Darstellung durch die klare und medienwirksam präsentierte Gegenpositionen relativiert. Es sei keine „intensive“ Stellungnahme im Sinne politischer Werbung erfolgt. Angesichts der begrenzten Anzahl Aussagen zur Abstimmung und des übergeordneten Beitragsfokus (Gondosolar-Projekt) sei ein ausreichendes Mindestmass an Ausgewogenheit gewahrt geblieben (b.983).

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In der sensiblen Phase vor Abstimmungen und Wahlen müssen in Wahl- und Abstimmungssendungen erhöhte journalistische Sorgfaltspflichten eingehalten werden. Gegen diesen programmrechtlichen Grundsatz und letztlich Art. 4 Abs. 4 RTVG verstiess Radio Télévision Suisse (RTS) mit der Sendung «Forum» vom 2. November 2023. Für den zweiten Wahlgang zu den Ständeratswahlen im Kanton Genf bewarben sich sechs Personen. In der beanstandeten Diskussionssendung wurden nur vier Kandidaten und Kandidatinnen eingeladen und in der Anmoderation oder während der Diskussionssendung nie darauf hingewiesen, dass sich zwei weitere Kandidatinnen von Kleinparteien um den Sitz in den Ständerat bewarben. Die UBI erinnerte an die Programmautonomie der Veranstalter, aber auch an den erhöhten Informationsbedarf der Öffentlichkeit vor Wahlen und Abstimmungen. Kleinparteien dürften im Vergleich zu grossen Parteien eine geringere mediale Präsenz erhalten, solange dies auf objektiven, nichtdiskriminierenden Kriterien beruht. Dennoch seien grundlegende Informationen über alle Kandidierenden obligatorisch, insbesondere deren Existenz und Zugehörigkeit. Die 50 Sekunden Sendezeit für eine Kandidatin und deren Partei in der am Morgen des gleichen Tags ausgestrahlten Sendung «Matinale» vermochte keine angemessene Kompensation darstellen für die Nicht-Erwähnung der beiden Kandidatinnen in der Hauptdiskussionssendung (b. 987).

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Ebenfalls in der sensiblen Phase vor der Volksabstimmung im Kanton Bern vom 3. März 2024 über eine Änderung der Kantonsverfassung zur Einführung der dringlichen Gesetzgebung informierte Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) am 16. Februar 2024 im «Regionaljournal Bern, Freiburg, Wallis» und gleichentags im Online-Artikel «Abstimmung Kanton Bern – Der Kanton soll in Krisen sofort handeln können» über diese Vorlage. Beanstandet wurde, dass Argumente des Nein-Komitees kaum berücksichtigt worden seien, insbesondere sei keine Person aus dem gegnerischen Lager zu Wort gekommen, und es sei der Eindruck entstanden, dass es sich bei der Gegnerschaft – unzutreffend – ausschliesslich um Kritiker der Corona-Massnahmen handle.

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Die UBI stellte fest, dass der Radiobeitrag tendenziell zugunsten des Ja-Lagers ausgestaltet war. Die Vizepräsidentin des Kantonsparlaments durfte mehrfach ausführlich Stellung nehmen und dabei insbesondere die Argumente der Gegnerschaft widerlegen. Diese wiederum kam nicht mit einer O-Ton-Stimme zu Wort, sondern wurde nur kurz zusammengefasst erwähnt. Die Redaktion bezeichnete die Gegnerschaft pauschal als massnahmenkritisch und verband sie mit Organisationen wie „Mass-Voll“ und „Freunde der Verfassung“. Dass auch andere Gruppierungen beteiligt waren (z. B. Junge SVP, Schweizer Demokraten, PdA), wurde nicht erwähnt. Damit sei das Vielfaltsgebot, aber auch das Sachgerechtigkeitsgebot verletzt worden, da zentrale Informationen über die Zusammensetzung des gegnerischen Komitees sowie wichtige Gegenargumente nicht korrekt oder vollständig wiedergegeben worden seien, meinte die UBI. Das Publikum konnte sich somit keine eigene Meinung bilden. Ähnlich beurteilte die UBI auch den Online-Beitrag zu Sendung (b. 995).

IV. Gesteigerte Anforderungen an Transparenz und Sorgfaltspflicht bei schwerwiegenden Vorwürfen

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«Bei Sendungen, in denen schwerwiegende Vorwürfe gegenüber Personen erhoben werden und die so ein erhebliches materielles und immaterielles Schadensrisiko für direkt Betroffene oder Dritte beinhalten, gelten qualifizierte Anforderungen bezüglich der Transparenz und der Einhaltung der journalistischen Sorgfaltspflichten. Der Standpunkt der Angegriffenen ist in geeigneter Weise darzustellen. Bei schweren Vorwürfen sollen sie mit dem belastenden Material konfrontiert und mit ihren besten Argumenten zu Wort kommen (BGE 137 I 340 E.3.2 S. 346). Das Sachgerechtigkeitsgebot verlangt aber nicht, dass alle Sichtweisen qualitativ und quantitativ gleichwertig zum Ausdruck kommen» (b.985).

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In diesem Entscheid behandelte die UBI eine Beschwerde des Kantonsspitals Baselland (KSBL) zur Nachrichtensendung „punkt6“ vom 1. Dezember 2023 von Telebasel. Im strittigen Beitrag berichtete Telebasel über Kritik von Mitarbeitenden des KSBL an der Spitalleitung. Im Zentrum der Kritik stand das Arbeitsklima und der Vorwurf, Verwaltungsrat und Geschäftsleitung hätten sich im Jahr 2022 „unbegründet“ höhere Entschädigungen (+6,8 %) ausbezahlt. Im anschliessenden Interview erhielt der CEO des KSBL Gelegenheit, zu den allgemeinen Vorwürfen Stellung zu beziehen. Auf den spezifischen Vorwurf der ungerechtfertigten Erhöhung der Entschädigungen konnte er jedoch im ausgestrahlten Beitrag nicht eingehen. Die UBI stellte fest, dass der Vorwurf, die Erhöhung der Entschädigungen sei „unbegründet“, für das Publikum klar als schwere Anschuldigung gegen Verwaltungsrat und Geschäftsleitung zu verstehen gewesen sei. Zwar verfügte die Redaktion über Informationen und Interviewmaterial, welche erklärten, weshalb die Entschädigungen tatsächlich erhöht wurden (u. a. mehr Sitzungen, Anpassung variabler Vergütungen, Vorjahresvergleich). Diese Informationen stammten u.a. aus einer Debatte des Baselbieter Landrates sowie aus einem ausführlichen Interview mit dem CEO, welches jedoch – im Gegensatz zur Online-Version auf „Baseljetzt“ – nicht vollständig in der beanstandeten Sendung verwendet wurde. Die UBI wies darauf hin, dass lokale Medien das Thema bereits aufgegriffen hatten, doch könne nicht davon ausgegangen werden, dass das durchschnittliche Publikum des Formats „punkt6“ diese zusätzlichen Quellen zur Kenntnis genommen hätte und somit ausreichend vorinformiert gewesen wäre (b.985).

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Am 19. November 2023 strahlte RTS im Rahmen der Sendung «Mise au Point» eine zweiteilige Reportage über mutmassliche sexuelle Missbräuche in der Abtei Saint-Maurice aus. Die Reportage thematisierte Vorwürfe gegen neun Kleriker, Aussagen von Opfern sowie die Rolle der kirchlichen Hierarchie. In der dagegen erhobenen Beschwerde wurde gerügt, dass der Beitrag tendenziöse Kommentare enthalte, unzureichend belegte Anschuldigungen verbreite und die Unschuldsvermutung missachte.

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Die UBI erinnerte daran, die Unschuldsvermutung nicht nur in Art. 4 RTVG, sondern auch in Art. 6 Abs. 2 EMRK und Art. 32 Abs. 1 BV ihren Niederschlag finde. Sie verpflichtet zu einer zurückhaltenden Berichterstattung über laufende Verfahren und zu einer differenzierten Darstellung der Tatsachen und Perspektiven. Auch im investigativen Journalismus gelten gesteigerte Anforderungen an Transparenz und Sorgfaltspflicht, insbesondere bei schwerwiegenden Vorwürfen, die betroffene Personen oder Institutionen erheblich schädigen können. In solchen Fällen sei es erforderlich, dass betroffene Personen die Möglichkeit zur Stellungnahme erhalten – auch wenn sie diese ablehnen. Der Grundsatz der Unschuldsvermutung wurde nach Ansicht der UBI im Beitrag nicht verletzt, da namentlich weder eine Person stigmatisiert noch vorverurteilt wurde. Die Berichterstattung unterschied zwischen rechtlich abgeschlossenen und offenen Fällen und erweckte nicht den Eindruck, dass nicht verurteilte Personen strafrechtlich schuldig seien. Die Redaktion habe im Gegenteil mehrfach explizit auf das Fehlen strafrechtlicher Verurteilungen hingewiesen und mit allen relevanten Akteuren Kontakt aufgenommen, ihnen die Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben und diese Bemühungen transparent gemacht. Auch wenn einzelne Begriffe (wie «Angeklagter») juristisch nicht präzise verwendet worden seien, führten diese Ungenauigkeiten nicht zu einer massgeblichen Beeinträchtigung der Meinungsbildung des Publikums. Kommentare des Journalisten – etwa zum systematischen kirchlichen Versagen – seien klar als persönliche Einschätzungen erkennbar gewesen und man habe auch positive Aspekte der Institution angesprochen (b.991).

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Die Sendung «Grigioni sera» vom 28. November 2023 von «Rete Uno» der Radio Televisione Svizzera italiana (RSI) informierte über den Abschluss einer Strafuntersuchung gegen einen ehemaligen Richter des kantonalen Verwaltungsgerichts Graubünden, welcher beschuldigt wurde, sexuelle Delikte begangen zu haben. Der betroffene Richter kritisierte in seiner Beschwerde vor allem, dass der Journalist in der Sendung fälschlicherweise angab, die Bündner Staatsanwaltschaft sehe «ausreichende Schuldbeweise» («sufficienti elementi di colpevolezza») gegen ihn, um Anklage zu erheben. Er sah darin eine Verletzung des Sachgerechtigkeitsgebots gemäss Art. 4 Abs. 2 RTVG sowie der Unschuldsvermutung. Zudem sei seine Identität trotz anonymisierter Berichterstattung für Zuhörer leicht erkennbar gewesen und er sei durch die Berichterstattung implizit als schuldig dargestellt worden.

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Die UBI stellte fest, dass der Journalist im Beitrag unpräzis von „ausreichenden Schuldbeweisen“ sprach, obwohl die Staatsanwaltschaft lediglich über „ausreichenden Verdachtsmomente“ bzw. Indizien informierte. Diese Ungenauigkeit sei vernachlässigbar und nicht entscheidend für die Gesamtwirkung der Sendung. Ausschlaggebend sei vielmehr, dass der Bericht klar als vorläufiger Stand der Ermittlungen präsentiert wurde und deutlich machte, dass es noch keine rechtskräftige Verurteilung gebe. Die Sendung hatte ausserdem explizit darauf hingewiesen, dass erst noch über die Anklage und die zuständige Gerichtsinstanz zu entscheiden sei. Zudem sei ausdrücklich erwähnt worden, dass der Beschuldigte seine Unschuld beteuere und angegeben habe, dass alle Handlungen im gegenseitigen Einverständnis stattgefunden hätten (b.986).

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Gegenstand eines weiteren Entscheids der UBI war eine Beschwerde gegen einen Beitrag der Hauptausgabe der SRF-«Tagesschau» vom 26. Oktober 2023, welcher sich mit der Einstellung des Strafverfahrens gegen den ehemaligen Bundesanwalt Michael Lauber und FIFA-Präsident Gianni Infantino beschäftigte. In der rund zweiminütigen Reportage wurde berichtet, dass das Verfahren mit Verfügung zweier ausserordentlicher Bundesstaatsanwälte gegen Lauber und Infantino eingestellt worden sei. Die ausserordentlichen Bundesanwälte machten in ihrer Beschwerde geltend, dass durch die unwidersprochenen Aussagen insbesondere eines interviewten Journalisten schwere Vorwürfe gegen sie erhoben worden seien. Es sei suggeriert worden, dass die Einstellung sachfremd, amtsmissbräuchlich oder begünstigend erfolgt sei. Ihnen sei keine Möglichkeit eingeräumt worden, diese schwerwiegenden Vorwürfe zu kommentieren, weshalb das Sachgerechtigkeitsgebot nach Art. 4 Abs. 2 RTVG verletzt worden sei. 

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Die UBI hiess die Beschwerde mit vier zu drei Stimmen gut. Insbesondere die Aussage des Journalisten über einen «fürsorglichen Funktionärsschutz» sei als schwerwiegender Vorwurf zu qualifizieren, der die persönliche und berufliche Reputation der Beschwerdeführer beeinträchtigen könnte. Die UBI hielt ausdrücklich fest, dass es nicht darauf ankomme, ob der Vorwurf objektiv zutreffe, sondern entscheidend sei, dass die Betroffenen Gelegenheit erhalten müssten, dazu Stellung zu nehmen. Dies sei im konkreten Fall unterlassen worden, was eine Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflichten darstelle. Insgesamt wirke der Beitrag zudem einseitig, weil die Hintergründe der Einstellungsverfügung nur unzureichend dargestellt wurden. «Der beanstandete Beitrag vermittelte dem Publikum aufgrund der Gestaltung ein einseitig negatives Bild zu den Ermittlungen. Über die Einstellung der Verfahren informierte die Redaktion nur ganz summarisch («Kein Strafverfahren», «Keine Hinweise auf Amtsmissbrauch oder Begünstigung»), ohne auf die eigentlichen Gründe oder die Ermittlungen einzugehen, die ihr aufgrund der zum Zeitpunkt der Ausstrahlung des Beitrags vorliegenden Dokumente (die über 200 Seiten umfassende Einstellungsverfügung, Medienmitteilung) zudem bekannt sein mussten. Die beigezogenen Experten aus dem In- und Ausland mit unterschiedlichen Spezialgebieten erachteten beide die Ermittlungen als nicht ausreichend bzw. gar fragwürdig.» Die im Entscheid publizierte Minderheitsmeinung geht davon aus, dass die kritischen Kommentare der Experten im Rahmen legitimer Justizkritik lagen und für das Publikum erkennbar subjektiv waren. Eine zwingende Anhörung der Beschwerdeführer sei in diesem Rahmen nicht erforderlich gewesen (b.978).

V. Dinge beim Namen nennen

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Eine Zeitraumbeschwerde richtete sich gegen die Berichterstattung von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) über Proteste an amerikanischen und schweizerischen Universitäten zwischen dem 14. Februar und 14. Mai 2024. Der von 310 Personen unterstützte Beschwerdeführer machte geltend, dass SRF durch die Berichterstattung die Menschenwürde verletzt, zu Rassenhass beigetragen, die öffentliche Sicherheit gefährdet, Gewalt verharmlost und das Sachgerechtigkeits- und Vielfaltsgebot verletzt habe. Kritisiert wurde insbesondere, dass SRF über zentrale Aspekte wie die Unterstützung der Hamas und Hisbollah durch Studierende, antisemitische Äusserungen und Gewaltaufrufe nicht angemessen berichtet habe. Über verschiedene relevante Fakten habe SRF nicht orientiert, wie u.a. über die Sympathien der Studierenden mit den Hamas-Terroristen und der Hisbollah-Miliz, über die Intifada-Aufrufe, über das Anzünden von amerikanischen Fahnen, die Forderungen zur Vernichtung Israels oder die ideologischen Grundlagen der Proteste. Es sei auch nicht repräsentatives Bild- und Videomaterial in den Publikationen von SRF veröffentlicht worden.

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In Bezug auf das Sachgerechtigkeitsgebot stellte die UBI nach Prüfung der gerügten 17 Radio-, Fernseh- und Online-Beiträge vom 24. April bis 14. Mai 2024 fest, dass trotz einzelner Mängel die Beiträge dem Publikum erlaubten, sich eine eigene Meinung zu bilden. Zwar kritisierte die UBI einzelne Formulierungen und Titel (z.B. „antisemitische Vorfälle finden ‚off campus‘ statt“), stellte aber insgesamt keine Verletzung des Sachgerechtigkeitsgebots fest, da die Meinungen transparent dargestellt wurden. Auch Art. 4 Abs. 1 RTVG (Beachtung der Grundrechte) sei durch die Berichterstattung nicht verletzt worden. Hingegen erachtete eine Mehrheit der Mitglieder der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen eine Verletzung des Vielfaltsgebots, indem SRF zwar zeitlich ausreichend und regelmässig über die Proteste berichtet hatte, aber eine verharmlosende, beschönigende Tendenz hinsichtlich der Inhalte der Proteste erkennbar war. Insbesondere extreme antisemitische Forderungen, Sympathien für Terrororganisationen, und kritische wissenschaftliche Perspektiven zum sogenannten „linken akademischen Antisemitismus“ wurden kaum dargestellt oder gar nicht erwähnt. Auch die Bildauswahl vermittelte oft den Eindruck friedlicher Proteste, während extreme Elemente ausgelassen wurden: «Extreme Aufrufe von Studierenden oder gewisse Slogans auf Plakaten wurden nicht gezeigt oder blieben regelmässig ohne jegliche journalistische Einordnung (z.B. «final solution», «from the river to the sea»). Dagegen wurden mehrmals Szenen mit schwer bewaffneten Polizisten eingeblendet, welche die vermeintlichen Antikriegsproteste auflösten.» Drei UBI-Mitglieder hielten in ihrer Minderheitsmeinung fest, dass SRF umfassend und differenziert berichtet hatte, antisemitische Tendenzen angemessen dargestellt wurden und eine Verletzung des Vielfaltsgebots nicht vorliege. Diese Mitglieder warnten zudem vor einer zu engen Interpretation des Vielfaltsgebots, die die Programmautonomie einschränken könnte (b.1002).

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Kommenar: Das Vielfaltsgebot will «einseitige Tendenzen in der Meinungsbildung durch Radio und Fernsehen verhindern. Es verpflichtet das audiovisuelle Mediensystem als Ganzes, die politisch weltanschauliche Vielfalt widerzuspiegeln, und bezieht sich primär auf die Programme in ihrer Gesamtheit» (BGE 134 I 2 S. 7). Mit der Einschränkung auf konzessionierte Programme gemäss Art. 4 Abs. 4 RTVG muss das Vielfaltsgebot von der konzessionierten SRG in der Gesamtheit ihrer redaktionellen Sendungen eingehalten werden (abgesehen von Sendungen vor Wahlen und Abstimmungen). Eine Prüfung des Programms ist im Rahmen einer Zeitraumbeschwerde auf drei Monate beschränkt (Art. 92 Abs. 3 RTVG; vgl. dazu auch BGE 136 I 167, S. 171), und die Programmaufsicht darf die Gesamtheit der Sendungen in diesem Zeitraum auf seine Vielfältigkeit hin beurteilen. Die Minderheitsmeinung geht in ihrer Begründung davon aus, dass eine Verletzung des Vielfaltsgebots «einem unstatthaften Eingriff in die Programmautonomie des Veranstalters gleichkomme[n], indem in einzelnen Sendungen bestimmte Aussagen eingefordert werden.» Die Beurteilung einzelner Sendungen im Lichte des Vielfaltsgebots ist gerade Sinn und Zweck einer Zeitaumbeschwerde. Allerdings darf nur das Gesamtbild dieser Einzelsendungen im fraglichen Zeitraum letztendlich die Entscheidgrundlage der UBI für eine Einhaltung oder Verletzung des Viefaltsgebots darstellen.

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Ein Entscheid der UBI vom 16. Mai 2024 betrifft eine Beschwerde gegen Beiträge der Nachrichtensendung «Le 19h30» sowie einen Online-Artikel von «RTS Info» vom 9. Oktober 2023. Die Beiträge befassten sich mit dem Ausbruch der Gewalt infolge der Hamas-Attacke auf Israel vom 7. Oktober 2023 und den anschliessenden Reaktionen Israels. Die Beschwerdeführerin und die Mitunterzeichnenden rügten insbesondere die Verwendung der Begriffe „Militante“ und „Kämpfer“ anstelle von „Terroristen“ zur Beschreibung der Angreifer vom 7. Oktober sowie die Darstellung eines Interviews mit einer palästinensischen Bewohnerin, welche die Angriffe des Hamas als „notwendige Antwort“ darstellte und als „Hoffnung auf Wandel“ im arabischen Raum beschrieb. Diese Art von Berichterstattung stelle eine Verharmlosung von Gewalt, eine Rechtfertigung von Terrorismus und Antisemitismus sowie einen Verstoss gegen journalistische Sorgfaltspflichten und gegen völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz dar.

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Die UBI wies die Beschwerde ab. Die Darstellung der Ereignisse sei sachgerecht erfolgt und die Meinungsäusserung der Interviewten als solche klar erkennbar gewesen. Die Verwendung der Begriffe «Militante» und «Kämpfer» konnte im Kontext der damaligen rechtlichen Lage vertreten werden, zumal zum Zeitpunkt der Berichterstattung der Bundesrat die Hamas noch nicht als Terrororganisation eingestuft hatte. Auch die kritisierte Formulierung „notwendige Antwort“ stelle eine journalistisch zulässige Zusammenfassung der Worte der interviewten Person dar. Der Begriff „Hoffnung auf Wandel“ sei zudem als Zitat kenntlich gemacht worden (b.979).

28

Zur gleichen Thematik gab es eine Beschwerde zu einem Filmbericht mit dem Titel «Spitäler von Gaza: Die humanitäre Katastrophe», ausgestrahlt von Schweizer Fernsehen SRF in der Sendung «Rundschau» vom 22. November 2023. Moniert wurde eine einseitige Darstellung zulasten Israels, insbesondere wurde bemängelt, dass das Leid der palästinensischen Bevölkerung übertrieben dargestellt, während die Rolle der Hamas vernachlässigt werde.

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Die UBI stellte keine Verletzung des Sachgerechtigkeitsgebots fest. Zwar stand das Leiden der palästinensischen Zivilbevölkerung klar im Vordergrund des Beitrags, doch sei dies journalistisch zulässig und auch transparent kommuniziert worden. Es wurden keine falschen Schuldzuweisungen gemacht, insbesondere bezüglich der Wasserknappheit oder der Raketenangriffe. Wo kritische Punkte angesprochen wurden – etwa hinsichtlich des Beschusses von Krankenhäusern –, wurde auch die israelische Position klar und ausführlich dargestellt, sowohl durch Aussagen eines Armeesprechers als auch der israelischen Botschafterin im Interview. Zudem wurde im Beitrag klar kommuniziert hatte, woher die Informationen stammten und darauf hingewiesen, dass in der Kriegsberichterstattung immer mit gewissen Unsicherheiten bei Quellen und Informationen gerechnet werden müsse. Diese Problematik wurde zudem im Interview selbst durch die israelische Botschafterin und auch durch die Moderation thematisiert (b.981).

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Ein weiteres Verfahren vor der UBI befasste sich mit der Frage, ob im Rahmen eines Nachrichtenbeitrags über das besorgniserregende Ausmass rechtsextremer Tendenzen innerhalb der deutschen Polizei konkrete Namen und Informationen über ein Treffen einer «jungen Politikerin» mit Martin Sellner – einem bekannten österreichischen Rechtsextremen – und der das Treffen organisierenden Vereinigung verschwiegen wurden. Der Beitrag von RSI in den Mittagsnachrichten auf «Rete Uno» und «Rete Due» vom 4. April 2024 bezog sich auf eine aktuelle Enthüllung des Magazins «Stern», wonach über 400 deutsche Polizisten wegen mutmasslicher Verbindungen zur extremen Rechten untersucht würden. Neben einer Einschätzung des RSI-Korrespondenten in Berlin wurde der RSI-Mitarbeiter und der Rechtsextremismus-Experte Stefano Grazioli zu europaweiten Entwicklungen befragt. Die von der Beschwerde konkret beanstandete Passage war Bestandteil dieser zweiten, übergreifenden Analyse. Die Moderatorin sprach eine „junge Politikerin“ an, die kürzlich an einem Treffen mit Martin Sellner teilgenommen habe, und wollte von Grazioli wissen, ob diese Verbindungen europaweit zunehmen.

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Diese Aussage war laut UBI nicht der zentrale Inhalt des Beitrags, sondern lediglich ein Beispiel für transnationale Vernetzung rechtsextremer Akteure. Weder die Identität der erwähnten Politikerin noch der Name der Gruppierung „Junge Tat“ waren laut UBI entscheidend für die Kernaussage der Sendung. Die Redaktion hatte sich nach Ansicht der UBI im Beitrag bewusst auf die übergeordnete Analyse konzentriert. Die kurze Erwähnung der jungen Politikerin war eingebettet in eine weiterführende Diskussion und diente der Illustration, nicht der persönlichen Bewertung. Auch Erwähnung des Namens der Politikerin sei der Informationsgehalt des Beitrags ausreichend gewesen, um das Publikum in die Lage zu versetzen, sich eine eigene Meinung zu bilden (b.1001).

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Auch im Verfahren um den am 15. Juli 2024 von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) veröffentlichten Online-Artikel «Aus gesundheitlichen Gründen – Marlen Reusser und Jolanda Neff müssen auf Olympia verzichten» ging es um nicht klar erwähnte Informationen. Gerügt wurde, dass SRF wesentliche Informationen – insbesondere die Covid-19-Erkrankungen und daraus resultierende Langzeitfolgen (Post-Covid-Syndrom) der Athletinnen – nicht deutlich genug dargestellt habe.

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In ihren Erwägungen hielt die UBI fest, dass der Text des beanstandeten Artikels tatsächlich keine explizite Erwähnung der Covid-Erkrankungen enthielt. Es wurde lediglich allgemein von einer Virusinfektion bei Marlen Reusser und von Atembeschwerden bei Jolanda Neff gesprochen. Jedoch seien im Artikel eingebettete Videos entscheidend mitzuberücksichtigen. In diesen erläuterten beide Sportlerinnen offen und nachvollziehbar ihre gesundheitlichen Beschwerden, einschliesslich der mehrfachen Covid-Infektionen. So erklärte Marlen Reusser konkret, an einem postinfektiösen Syndrom zu leiden, das ihre Trainingsfähigkeit stark beeinträchtige, und erwähnte explizit ihre Covid-Erkrankungen Ende Februar und im Mai 2024. Jolanda Neff wiederum äusserte sich zu wiederkehrenden Atemproblemen, erwähnte ihre drei Corona-Infektionen und räumte ein, nicht sicher zu sein, ob ihre Lungenschäden daraus resultierten. Durch diese eingebetteten Videos sei ausreichend Transparenz bezüglich der Gesundheitsursachen gewährleistet hergestellt worden. Es sei nicht notwendig, im Rahmen einer an ein Sportpublikum gerichteten Sendung eigenständig medizinische Diagnosen oder tiefere Erklärungen zum Post-Covid-Syndrom anzubieten, insbesondere weil eine offizielle medizinische Bestätigung der Diagnose bei Reusser erst später erfolgte (b.1008).

VI. Von bevorzugten und vernachlässigten Politikerinnen und Politikern und deren Parteien

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In der Radiosendung „Forum“ auf RTS La Première vom 12. Februar 2023 wurde ein 16-minütiger Beitrag ausgestrahlt, der die Ergebnisse der Zürcher Kantonswahlen vom selben Tag thematisierte. Er beanstandete insbesondere die Auswahl, Reihenfolge und Redezeit der Gäste. Seiner Ansicht nach wurden Vertreter der unterlegenen Parteien – namentlich der Grünen und der SP – überproportional berücksichtigt, während die siegreiche SVP zu kurz kam. Zudem wurden weder Vertreter der FDP noch der Mitte eingeladen. Dies führe zu einer verzerrten Darstellung der Wahlergebnisse.

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Nach Ansicht der UBI informierte der Beitrag korrekt über die Wahlergebnisse; die Hörerinnen und Hörer konnten sich aufgrund der dargelegten Informationen eine eigene Meinung bilden. Die eingeladenen Gäste wurden transparent vorgestellt, ihre Parteizugehörigkeit war klar, und sie konnten ihre Einschätzungen frei äussern. Dabei sei es nicht entscheidend, ob die Redezeit exakt gleich verteilt wurde, sondern ob die wesentlichen politischen Standpunkte erkennbar vertreten waren. Dies sei im vorliegenden Fall gegeben gewesen. Die Auswahl der Gäste sei journalistisch vertretbar gewesen, insbesondere weil sie Entwicklungen im Vergleich zur letzten Wahl einordnen konnten (b.963)

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Eine Zeitraumbeschwerde bezog sich auf die beanstandete unverhältnismässig hohe Präsenz in Wort und Bild der Genfer Ständerätin Lisa Mazzone in der Tagesschau «Le 19h30» der RTS zwischen dem 19. April und dem 7. Juli 2023. Für die UBI war jede Einzelsituation redaktionell gerechtfertigt und sämtliche Aussagen bzw. Auftritte von Mazzone wiesen einen Sachbezug auf. Es handelte sich nicht um verdeckte Selbstdarstellung oder parteipolitische Schleichwerbung, sondern um eine informative Begleitung aktueller Themen durch eine an den Sachverhalten beteiligte Politikerin. Kleinere redaktionelle Ungenauigkeiten sind nach ständiger Rechtsprechung vernachlässigbar, solange sie den Gesamteindruck nicht verfälschen. In den einzelnen Sendungen sind stets mehrere Stimmen zu Wort gekommen, so dass das Vielfaltsgebot nicht verletzt wurde (b.965).

VII. Verschwiegene Fakten oder blosse Ungenauigkeiten?

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Am 25. Oktober 2023 strahlte Radio SRF im Rahmen der Sendung «Tagesgespräch» eine Diskussion mit den SRF-Korrespondenten Susanne Brunner (Naher Osten) und David Nauer (Ukraine) aus. Die Sendung stand unter dem Thema «Propaganda im Krieg» und widmete sich der Berichterstattung über die Kriege in Israel und der Ukraine. Die Diskussion drehte sich insbesondere um die Herausforderungen journalistischer Arbeit in kriegerischen Konflikten, die Verbreitung von Propaganda und Fake News sowie die Glaubwürdigkeit der Kriegsberichterstattung. Mit einer Popularbeschwerde wurde die Aussage des Korrespondenten David Nauer, wonach es «gar keine Nazis oder mindestens nicht an der Macht in der Ukraine» gebe, beanstandet mit der Begründung, diese Aussage sei falsch und verharmlosend, denn in der Ukraine hätten rechtsextreme und faschistische Strömungen sehr wohl Einfluss auf Politik und Gesellschaft.

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Die UBI stellte fest, dass dieser Satz weder eine vertiefte Analyse rechtsextremer Strukturen in der Ukraine noch deren Leugnung darstellte. Vielmehr wollte Nauer offenbar zum Ausdruck bringen, dass das von Russland genutzte Narrativ einer nationalsozialistisch geprägten Ukraine nicht der Realität entspreche. Die Aussage war in eine Argumentation eingebettet, die sich kritisch mit russischer Kriegspropaganda auseinandersetzte. Zudem relativierte Nauer seine Formulierung unmittelbar selbst, indem er einschränkte, dass es «zumindest keine Nazis an der Macht» gebe. Auch wenn die Äusserung isoliert betrachtet als unpräzis erscheinen mag, war sie eingebettet in einen breiteren Zusammenhang, wurde vom Publikum wohl korrekt verstanden und konnte als persönliche Einschätzung erkannt werden (b.973).

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Ein Hörer kritisierte die Berichterstattung im Beitrag mit dem Titel «Gesundheitsgefahr: Der Klimawandel ist ein medizinischer Notfall» der Sendung «Wissenschaftsmagazin» von Radio SRF 2 Kultur vom 18. November 2023 als einseitig und tendenziös. Insbesondere bemängelte er, dass CO₂ als alleinige Ursache für den Klimawandel dargestellt werde und alternative wissenschaftliche Ansichten – etwa zur Sonnenaktivität oder anderen Umweltfaktoren – nicht berücksichtigt würden. Daraus leitete er eine Verletzung der gesetzlichen Gebote zur Sachgerechtigkeit und zur Vielfalt der Meinungen ab.

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Die UBI wies die Beschwerde ab. Der Beitrag befasste sich gemäss der UBI nicht primär mit den Ursachen des Klimawandels, sondern mit dessen gesundheitlichen Auswirkungen. Dies sei aus dem Titel und der Anmoderation klar ersichtlich gewesen. Allerdings konnte die wiederholte Nennung von CO₂ und fossilen Brennstoffen in der Anmoderation und im Beitrag den Eindruck eines monokausalen Zusammenhangs vermitteln. Dies sei durch den Bezug zur Forderung des Gesundheitssektors gerechtfertigt. Entscheidend sei, dass im Beitrag nicht explizit behauptet werde, CO₂ sei die einzige Ursache des Klimawandels. Die Redaktion habe zudem weder alternative Ursachen explizit ausgeschlossen noch konkurrierende Meinungen diffamiert. Eine weiterführende Differenzierung der Klimafaktoren sei nicht zwingend erforderlich gewesen, da das Zielpublikum der Sendung – eine naturwissenschaftlich interessierte Zuhörerschaft – aufgrund seines Vorwissens in der Lage gewesen sei, die Aussagen einzuordnen (b.976).

VIII. Aufschaltung von Online-Kommentaren im Lichte der Meinungsäusserungsfreiheit

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Drei Beschwerden zur Nichtaufschaltung bzw. Löschung von Kommentaren in Online-Foren zu verschiedenen redaktionellen Beiträgen auf den SRF-Webseiten wurden von der UBI zusammen beurteilt. Die UBI hat bei Streitigkeiten um die Veröffentlichung von Kommentaren in Online-Foren von SRF im Einzelfall zu beurteilen, ob im Lichte der Meinungsäusserungsfreiheit relevante Gründe bestanden, einen Kommentar zu löschen bzw. nicht aufzuschalten (BGE 149 I 2 E. 4.1 S. 12f.). Als Richtlinie dient dabei laut Bundesgericht die Rechtsprechung zum Werbebereich (BGE 139 I 306 E. 4.2f. S. 313f.). Die Community-Redaktion entscheidet jeweils auf der Grundlage einer Netiquette von SRF, ob ein nutzergenerierter Kommentar zu veröffentlichen ist bzw. gelöscht werden darf. Diese Netiquette stellt nach der Rechtsprechung der UBI jedoch keine gesetzliche Grundlage im Sinne von Art. 36 Abs. 1 BV zur Beschränkung der Meinungsäusserungsfreiheit von Nutzerinnen und Nutzern von Kommentarspalten dar.

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Im ersten Verfahren kritisierte der Beschwerdeführer die Nichtveröffentlichung eines Kommentars zum Online-Artikel „Hyperfeminismus – Wie feministisch sind aufgespritzte Lippen und tiefe Dekolletés?“ vom 14. Dezember 2023. Sein Kommentar („Ich habe gehört in Südgaza seien Botox und Silikon ausgegangen.“) wurde von der Redaktion ursprünglich mit der Begründung „Diskriminierung“ abgelehnt. Die Redaktion vermutete, der Kommentar könne als herabwürdigend gegenüber Kriegsopfern interpretiert werden. Der Beschwerdeführer verneinte dies und bezeichnete die Auslegung als völlig abwegig.

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Die UBI kam zum Schluss, dass die ursprüngliche Begründung der Diskriminierung nicht plausibel sei. Allerdings sei es zulässig gewesen, den Kommentar wegen mangelnden Bezugs zum eigentlichen Thema abzulehnen. Die Programmautonomie erlaube SRF, die Debatte konstruktiv und themenbezogen zu halten. Die Sicherung eines sachlichen Diskurses stelle ein hinreichendes öffentliches Interesse dar und die Nichtveröffentlichung sei verhältnismässig gewesen. Die UBI wies die Beschwerde fünf zu vier Stimmen ab (b.982).

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Im zweiten Verfahren wurde die Nichtaufschaltung eines Kommentars zum Thema „Wie zeitgemäss sind Zoos?“ vom 21. Februar 2024 gerügt. Im nicht aufgeschalteten Kommentar wurde kritisiert, dass SRF auf seiner Webseite die Berichterstattung über den wichtigen Prozess um Julian Assange ignoriere, stattdessen aber eine Diskussion über Erdmännchen im Zürcher Zoo zulasse. Die Redaktion verweigerte die Veröffentlichung mit der Begründung „Kein Bezug zum Thema“. Die UBI bestätigte auch hier, dass der Kommentar tatsächlich nur eine Kritik an der Themenwahl und keinen Bezug zur inhaltlichen Diskussion des Artikels hatte. Ein öffentliches Interesse bestehe wiederum in der Sicherstellung eines konstruktiven und sachlichen Dialogs. Die Nichtveröffentlichung sei somit rechtlich zulässig und verhältnismässig gewesen, weshalb die UBI auch diese Beschwerde mit fünf zu vier Stimmen abwies (b.990).

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Vier Mitglieder der UBI vertraten eine abweichende Meinung zu beiden Verfahren mit der Argumentation, die Meinungsfreiheit umfasse grundsätzlich auch kritische und provozierende Äusserungen. Es sei nicht Aufgabe von SRF, Kommentare allein wegen ihrer Kritik an der redaktionellen Themenwahl nicht zu veröffentlichen. Die Sicherung einer freien demokratischen Debatte verlange vielmehr eine weite Auslegung der Meinungsfreiheit. Die Kommentare hätten zudem durchaus einen erkennbaren Bezug zu den Themen gehabt, indem sie auf die Relevanz der Themenwahl hinwiesen. Aus Sicht dieser Minderheit verletzte die Nichtaufschaltung der Kommentare daher Art. 16 BV.

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Im dritten Verfahren monierte der Beschwerdeführer mehrfach die Nichtaufschaltung bzw. Löschung von Kommentaren im Zusammenhang mit einem Artikel zur Münchner Sicherheitskonferenz vom 16. Februar 2024. Mehrere Kommentare enthielten Links zu externen Dokumenten und kritisierten die Praxis von SRF, Links in Kommentaren zunächst nicht aufzuschalten. Die UBI bestätigte, dass SRF Kommentare überprüfen dürfe, um rechtswidrige Inhalte zu verhindern. Obwohl der Beschwerdeführer berechtigterweise darauf hingewiesen hatte, dass die Redaktion verhältnismässig viel Zeit für die Freischaltung benötigte, sah die UBI keine absichtliche Verzögerung oder gar Zensur durch SRF. Dem Beschwerdeführer war es gelungen, seine Position trotz anfänglicher Nichtveröffentlichung mehrfach umfassend zu äussern. Da die Meinungsfreiheit nicht unverhältnismässig eingeschränkt wurde, wies die UBI die Beschwerde mit sechs zu drei Stimmen ab (b.992).

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In zwei weiteren Verfahren beschäftigte sich die UBI mit dem Nichtaufschalten von Online-Kommentaren. In seinem nicht publizierten Kommentar verspottete ein Nutzer die Redaktion von SRF News für ihren Fragestil und den Fokus des Artikels und bezeichnete die Redaktorinnen und Redaktoren pauschal als „Ausnahmetalente bei der Verbreitung von wichtigen Nachrichten“ sowie als „Geschichtenerzählpult“. Die Redaktion hatte den Kommentar mit Verweis auf die SRF-Netiquette, die „persönliche Angriffe“ untersagt, zurückgewiesen.

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Die UBI führte aus, dass SRF in seinen freien Online-Kommentarspalten grundsätzlich auch kritische Äusserungen gegen sich selbst akzeptieren muss. Erhebliche persönliche Angriffe jedoch können unter Berufung auf eine hinreichende gesetzliche Grundlage gelöscht oder zurückgehalten werden. Als solche gesetzliche Grundlage erkannte die UBI sowohl Art. 28 ZGB (Schutz der Persönlichkeit natürlicher und juristischer Personen) als auch die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers nach Art. 328 OR. Die UBI erachtete eine Grundrechtsbeschränkung im Sinne von Art. 36 Abs. 2-4 BV als gegeben: «So besteht ein öffentliches Interesse an einer von einem konstruktiven und respektvollen Umgang geprägten Diskussionskultur in den für alle Interessierten zugänglichen Foren. Die damit verbundene Einschränkung der Meinungsäusserungsfreiheit ist zudem verhältnismässig, kann der Beschwerdeführer doch rasch und ohne grossen Aufwand einen neuen Kommentar mit Kritik am Thema und Fokus des Artikels – aber ohne persönliche Angriffe – formulieren und der Redaktion zur Aufschaltung zustellen. Schliesslich ist auch der Kerngehalt des betroffenen Grundrechts nicht berührt, umso weniger als SRF die Kommentarspalte zu Online-Artikeln auf freiwilliger Grundlage und ohne gesetzliche Verpflichtung anbietet» (b.966).

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In seinem nicht aufgeschalteten zweiten Kommentar kritisierte der Nutzer die vermeintliche „Verhunzung der Schriftsprache“ bei SRF News und bemängelte den Anglizismus „Overtourism“ als „Sprache für dumme Leute“. Die Redaktion begründete die Zurückweisung damit, der Kommentar habe „keinen Bezug zum Thema“ des Artikels. Die UBI stellte fest, dass ein thematischer Bezug in Kommentarspalten zu Online-Artikeln zwar verlangt werden darf, dieser aber nicht derart eng auszulegen ist, dass offensichtliche Aspekte des Artikeltitels – hier «Overtourism» – ausgeblendet werden. Innerhalb der betreffenden Kommentarspalte hatten bereits andere Nutzerinnen und Nutzer intensiv über den Anglizismus diskutiert; sogar Radio SRF 1 selbst beteiligte sich an dieser Debatte. Überdies enthielt der Kommentar des Beschwerdeführers kritische Vorschläge zur präziseren Wortwahl und damit eine inhaltlich legitime Auseinandersetzung mit dem Thema, ohne einzelne Personen persönlich herabzusetzen. Die Äusserung „Sprache für dumme Leute“ richtete sich auf eine abstrakte Gruppe von Sprachgebrauch und nicht auf konkret identifizierbare Personen. Damit fehlte ein sachlicher Grund zur Nichtaufschaltung, und es lag keine unzulässige Persönlichkeitsverletzung vor. Die UBI hiess deshalb die Beschwerde (mehrheitlich) gut (b.972).

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Weitere Entscheide zur Nichtaufschaltung von Kommentaren:

  • Kommentare zu politischer Einordnung („Rechtsaussen-Partei“ EDU): Unzulässige Nichtveröffentlichung der Kommentare, da diese inhaltlich zulässige Meinungsäusserungen ohne rechtsverletzenden Charakter darstellten (b.969).
  • Kommentar zur Gesundheitspolitik (Jungparteien): Unzulässige Nichtveröffentlichung der Kommentare, da es sich um zulässige politische Meinungsäusserungen handelte (b.969).
  • Kommentare zu US-Vorwahlen (Trump): Einer der Kommentare wurde fälschlicherweise nicht veröffentlicht, da ein Bezug zum Thema bestand; diese Beschwerde wurde gutgeheissen. Die übrigen sechs Kommentare, geprägt von persönlichen Angriffen und Nebenstreitigkeiten, durften dagegen aufgrund der Programmautonomie zur Sicherstellung einer sachlichen Debattenkultur zurückgewiesen werden. Diese Beschwerden wurden einstimmig abgewiesen (b.969).
  • Kommentare zur Sendung «30 Jahre Arena»: Die Mehrheit der abgelehnten Kommentare durfte aufgrund ihrer unsachlichen Natur abgewiesen werden. Zwei Kommentare enthielten jedoch zulässige Reaktionen auf veröffentlichte Vorwürfe und wurden zu Unrecht nicht veröffentlicht; diese Beschwerde wurde gutgeheissen (b.969).
  • Kommentar zur Energiewende: Die Zurückweisung eines Kommentars wegen persönlicher Angriffe war zulässig, da der Beschwerdeführer seine Ansicht in anderen Kommentaren bereits ausführlich platzieren konnte (b.969).
  • Kommentare zu Corona-Indiskretionen: Die Nichtaufschaltung zweier Kommentare wurde gutgeheissen, da diese persönliche Angriffe enthielten und die Debattenkultur beeinträchtigten (b.969).
  • Kommentare zu Blauhelmtruppen in Afrika: Hier wurde eine behauptete Ungleichbehandlung verneint, da unterschiedliche Kommentarspalten und damit Situationen betroffen waren. Die Beschwerde wurde abgewiesen (b.969).
  • Im Verfahren b.974 ging es um Kommentare zu einem Online-Artikel über den Einsatz künstlicher Intelligenz in der Politwerbung:
  • Ein Kommentar mit einer nachweislich falschen Information (ein veralteter Vorwurf gegen Klimaaktivisten) wurde rechtmässig zurückgewiesen.
  • Zwei weitere Kommentare, welche darauf hinwiesen, dass politische Irreführung nicht nur von bürgerlichen Parteien ausgehe, wurden zu Unrecht nicht veröffentlicht. Diese Beschwerden wurden gutgeheissen.
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Im Verfahren b.975 ging es um die Sperrung des Kommentarkontos: Im Zentrum stand hier die sechsmonatige Sperrung des Kommentarkontos des Beschwerdeführers durch SRF. Der Beschwerdeführer war zuvor von der Redaktion verwarnt worden, doch die Kommunikation und Begründung der Sperrung erwies sich als inkonsistent und intransparent. Die UBI hielt fest, dass die lange Sperre einen massiven Eingriff in die Meinungsfreiheit darstelle und durch die angeführten Gründe (z.B. Ressourcenmangel der Redaktion) nicht hinreichend gerechtfertigt werden könne. Die Sperre sei unverhältnismässig erfolgt, weshalb diese Beschwerde mit sechs zu drei Stimmen gutgeheissen wurde.

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Drei Mitglieder der UBI vertraten eine abweichende Meinung bezüglich der Sperrung des Kommentarkontos. Sie argumentierten, die Sperre sei aufgrund wiederholter Netiquette-Verstösse und angesichts der Vielzahl nicht aufgeschalteter Kommentare (ca. 200 nach Verwarnungen) gerechtfertigt. Die Redaktion habe ausreichend und transparent gewarnt; eine weitere Verwarnung sei nicht zwingend erforderlich gewesen. Die Minderheit sah die Sperre als notwendige Massnahme zur Wahrung konstruktiver Debattenkultur und Leserfreundlichkeit als gerechtfertigt an und hätte die Beschwerde daher abgewiesen.

IX. Weitere Entscheide

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Am 6. Oktober 2023 strahlte der lokale Genfer Radiosender Radio Lac SA im Rahmen seiner werktäglichen Sendung „Il suffit de demander“ eine Live-Show mit der Astrologin Christiane Dubois aus. In dieser rund 20-minütigen Sendung wurden drei Zuhörerinnen und Zuhörer live zugeschaltet, um Fragen zur persönlichen Zukunft – etwa zur Liebesbeziehung, zur beruflichen Entwicklung oder zu geschäftlichen Aussichten – an die Astrologin zu richten. Diese beantwortete die Fragen mittels Kartenlegen, astrologischer Konstellationen und esoterischer Deutungen.

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Eine gegen diese Sendung eingereichte Beschwerde wies die UBI ab. Die Sendung hatte einen grundsätzlich unterhaltenen Charakter, enthielt aber auch informative Elemente, was die Anwendbarkeit der Sorgfaltspflichten gemäss Art. 4 Abs. 2 RTVG rechtfertigte. Die astrologische Beratung wurde jedoch eindeutig als subjektive Interpretation dargestellt. Die Moderatorin wies zu Beginn darauf hin, dass es sich um eine unterhaltende Wahrsagungssendung handle. Die Aussagen der Astrologin waren persönlich, freundlich, teilweise trivial und nicht geeignet, den Eindruck einer wissenschaftlich fundierten Beratung zu erwecken. Die UBI befand, dass die Ausstrahlung weder irreführend noch geeignet war, das Publikum in seiner Meinungsbildung unangemessen zu beeinflussen. Das Publikum konnte sich – auch dank der transparenten Inszenierung – eine eigene Meinung bilden (b.971).

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Am 4. Januar 2024 strahlte Radio SRF im Rahmen der Sendung «Echo der Zeit» einen Beitrag mit dem Titel «Trumps Worte sollten ernst genommen werden» aus, in dem die Rhetorik des ehemaligen US-Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten Donald Trump beleuchtet wurde. Ergänzend erschien am 7. Januar 2024 ein Online-Artikel. In der gegen diese Sendung erhobenen Beschwerde wurde insbesondere gerügt, dass SRF Donald Trump Aussagen unterstellte, die meinungsverzerrend seien und Übersetzungen falsch oder irreführend waren und die Aussagen losgelöst vom Kontext kritisiert worden seien.

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Nach Ansicht der UBI erfüllten die Sendung und der Online-Artikel die Mindestanforderungen an die Sachgerechtigkeit. «Die Übersetzungen der auch im Originalton veröffentlichten Aussagen von Donald Trump waren nicht falsch, irreführend oder aus dem Kontext gerissen. Die Sichtweise des Präsidentschaftskandidaten kam angemessen zum Ausdruck. Das Interview mit einer Expertin stellte zudem die Rhetorik von Donald Trump in einen grösseren Zusammenhang. Der unterlassene Hinweis auf deren negative persönliche Haltung zu Trump stellt zwar einen Mangel dar. Da dieser aber weder beim Radiobeitrag, in dem das Interview im Zentrum stand, noch beim Online-Artikel den Gesamteindruck massgeblich beeinflusst hat, betrifft er einen Nebenpunkt. Die Aussagen der Wissenschaftlerin unterscheiden sich zudem nicht von denjenigen anderer Fachleute, die sich mit der Rhetorik von Donald Trump auseinandersetzten» (b.989).

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Die Verwendung von Symbolbildern in Nachrichtensendungen ist grundsätzlich unproblematisch, solange sie korrekt eingebettet und kenntlich gemacht werden. Eine isoliert betrachtet problematische Bildsequenz kann zwar als journalistisch unsorgfältig eingestuft werden, führt aber nicht zwingend zu einer Verletzung des Sachgerechtigkeitsgebots, wenn der Beitrag insgesamt sachlich und differenziert bleibt. Im Beschwerdeverfahren zu einem Beitrag in der Hauptausgabe der «Tagesschau» von SRF am 5. März 2024 mit dem Titel „Annahme der 13. AHV-Rente weckt neue Begehrlichkeiten“ war eine zu Beginn des Beitrags gezeigte Filmsequenz, in der der Beschwerdeführer und seine Frau beim Anstossen mit Weingläsern gezeigt wurden, Hauptgegenstand der Beschwerde. Die Bilder stammten aus einer SRF-Wissenschaftssendung von 2019 („Einstein“). Der Beschwerdeführer beanstandete, dass diese Sequenz den irreführenden Eindruck erweckte, die abgebildete Gruppe feiere die Annahme der 13. AHV-Rente. Tatsächlich habe er sich im Abstimmungskampf aber klar gegen die Vorlage gestellt. Er sah darin eine rufschädigende, ehrverletzende Darstellung und machte geltend, dass die Verwendung ohne Einwilligung erfolgt sei.

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Zum Vorwurf der Rufschädigung oder Ehrverletzung verwies die UBI den Beschwerdeführer praxisgemäss auf den Zivilweg und beschränkte sich auf die Prüfung einer möglichen Verletzung des Sachgerechtigkeitsgebots nach Art. 4 Abs. 2 RTVG. Die Bilder von sechs Personen beim Anstossen – darunter der Beschwerdeführer und seine Frau – konnten nach Ansicht der UBI für sich allein genommen durchaus den Eindruck vermitteln, dass die Personen den Ausgang der Volksabstimmung feierten. In Kombination mit dem Off-Kommentar („Seit Sonntag ist klar: Rentnerinnen und Rentner erhalten eine 13. Rente“) und den nachfolgenden Szenen (Rollstuhl-Hockeyspiel zur Illustration der IV-Rentner) wurde jedoch ein weiterführender Kontext geschaffen. Es wurde aber darauf hingewiesen, dass SRF es versäumt hatte, diese Archivbilder als Symbolbilder zu kennzeichnen. Der fragliche Beitrag sei gut strukturiert gewesen, habe verschiedene Meinungen und Perspektiven ausgewogen dargestellt und die wesentlichen Informationen zu den neu aufkommenden politischen Forderungen nach der Annahme der 13. AHV-Rente sachlich wiedergegeben. Die fehlerhafte Bildverwendung betraf daher lediglich einen Nebenpunkt, der nach Auffassung der UBI nicht geeignet war, die den Gesamteindruck zur Meinungsbildung des Publikums wesentlich zu verzerren (b.993).

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Am 12. März 2024 strahlte SRF im Rahmen der Fernsehsendung «10 vor 10» einen Beitrag über den Internet-Sender Kla.TV aus, welcher von Ivo Sasek, dem Gründer der «Organischen Christus Generation» (OCG), betrieben wird. Im Zentrum des Beitrags standen die Aussagen zweier ehemaliger Mitarbeiterinnen, die von ihren Erfahrungen bei Kla.TV berichteten. Der Beitrag stellte dabei insbesondere die Nähe des Senders zur OCG, die journalistische Qualität der Inhalte sowie die Verbreitung von Verschwörungstheorien in den Vordergrund. In zwei Beschwerden wurden nicht korrekte Informationen über eine der Mitarbeiterinnen sowie die Verwendung stigmatisierender Begriffe wie „Fake-News-Fabrik“, „krude Verschwörungstheorien“ oder „Sekten-TV“ kritisiert. Die Redaktion habe unkritisch und ohne eigene Recherche die Aussagen zweier nicht verlässlicher Quellen übernommen.

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Die UBI betonte in ihrem Entscheid, dass der Beitrag die Sichtweise von Kla.TV angemessen berücksichtigt habe und verwies auf eine schriftliche Stellungnahme von Ivo Sasek, aus der im Beitrag zitiert wurde. In dieser kritisierte er SRF scharf und wies die Vorwürfe zurück. Die UBI erachtete dies als hinreichende Gegenposition, um den journalistischen Mindestanforderungen an Fairness und Ausgewogenheit zu genügen. Hinsichtlich der beanstandeten Begriffe wie „Sekten-TV“, „Fake-News-Fabrik“ oder „krude Verschwörungstheorien“ stellte die UBI fest, dass einige dieser Zuschreibungen durch gezeigte Beispiele und die Aussagen ehemaliger Mitglieder zumindest teilweise gestützt wurden. Besonders die Aussagen über die Gender-Agenda, über genmanipulierte Mücken oder freimaurerische Weltverschwörungen illustrierten die redaktionelle Stossrichtung von Kla.TV. Allerdings kritisierte die UBI, dass eines der vier Beispiele – die genmanipulierten Mücken – aus journalistischer Sicht nicht ausreichend kontextualisiert worden sei, da auch andere Medien ebenfalls über diesen Sachverhalt berichtet hatten. Die Bezeichnung „Fake-News-Fabrik“ wurde von der UBI als problematisch beurteilt, da hierfür im Beitrag keine ausreichende Evidenz vorgelegt worden sei. Die Aussagen der beiden Frauen seien zu allgemein und die gezeigten Beispiele zu kurz und aus dem Zusammenhang gerissen, um diesen schwerwiegenden Vorwurf nachvollziehbar zu belegen. Dennoch sah die UBI hierin nur einen Fehler in einem Nebenpunkt, welcher den Gesamteindruck des Beitrags nicht wesentlich trübt (b.996/997).


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Entscheid zugunsten der Medienfreiheit: Keine Entsiegelung im Fall Inside Paradeplatz

Zürcher Zwangsmassnahmengericht verneint hinreichenden Tatverdacht und bricht eine Lanze für den Quellenschutz

Résumé: Début juin, une perquisition a eu lieu dans les locaux du portail d’informations financières zurichois «Inside Paradeplatz» et chez son créateur et directeur, Lukas Hässig. En 2016, le journaliste avait largement contribué à révéler le scandale touchant la banque Raiffeisen, scandale qui a abouti à la condamnation, en première instance, de l’ancien directeur Pierin Vincenz et de son proche collaborateur Beat Stocker. Lukas Hässig est accusé d’avoir violé le secret bancaire. Dans son jugement du 2 juillet 2025, le Tribunal des mesures de contrainte du tribunal de district de Zurich a rejeté la demande du ministère public visant à lever les scellés sur les objets et documents saisis chez Lukas Hässig. Selon la juge, rien ne justifie, dans ce cas, de lever la protection des sources d’un journaliste dans l’exercice de son métier. La décision n’est pas encore définitive.

Zusammenfassung: Anfang Juni fand beim Finanzportal Inside Paradeplatz eine Hausdurchsuchung statt. Hintergrund waren Publikationen von Lukas Hässig, die massgeblich zur Aufdeckung des Raiffeisen-Skandals und zur erstinstanzlichen Verurteilung von Ex-Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz und seines Vertrauten Beat Stocker geführt hat. Hässig wird ein Verstoss gegen das Bankgeheimnis vorgeworfen. Mit Urteil vom 2. Juli 2025 hat das Zwangsmassnahmengericht des Zürcher Bezirksgerichts das von der Staatsanwaltschaft eingereichte Gesuch um Entsiegelung der bei Hässig beschlagnahmten Gegenstände und Dokumente abgewiesen. Der Entscheid ist noch nicht rechtskräftig.

Anmerkungen:

a) Sachverhalt

1

Der Sachverhalt ist weitgehend bekannt und war Anfang Monat Gegenstand breiter Medienberichterstattung. Für Medialex hatte sich NZZ-Rechtskonsulent Simon Jakob im Artikel “Journalismus als Risiko” zur Hausdurchsuchung bei Inside Paradeplatz geäussert.

2

Journalist Lukas Hässig hatte auf dem Finanzportal 2016 Inhalte publiziert, die zu einer Strafuntersuchung und zur erstinstanzlichen Verurteilung von Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und seines Vertrauten Beat Stocker führte. Anfang Juni 2025 fand beim Finanzportal eine Hausdurchsuchung statt. Es wurden ein Computer, ein Handy und zahlreiche Dokumente beschlagnahmt. Die Massnahme wurde gestützt auf Art. 47 des Bankengesetzes durchgeführt. Seit dessen Verschärfung von 2015 stellt der Artikel Verletzungen des Bankgeheimnisses nicht nur durch Bankpersonal, sondern auch durch Dritte wie Journalisten unter Strafe.

b) Das Wichtigste aus den Erwägungen

3

Die zuständige Richterin verneinte schon die erste Voraussetzung, das Vorliegen eines hinreichenden Tatverdachts ohne Wenn und Aber. Sie pflichtete dem Gesuchsgegner (Hässig) bei, dass ein über weite Teile geschwärzter, nicht mit Beilagen überprüfbarer, privater und damit kaum unabhängiger Untersuchungsbericht (der so genannte “Van-Gogh-Bericht) nicht als Grundlage für einen hinreichenden Tatverdacht dienen könne (Erw. 2.8). Von einem dringenden Tatverdacht, wie ihn Lehrmeinungen bei der Nähe zum Quellenschutz sogar verlangten (z.B. FRANZ ZELLER im Basler Kommentar zur StPO, 2023) könne schon gar keine Rede sein (Erw. 2.10).

4

Damit hätte es die Richterin bewenden lassen können. Sie prüfte aber im Sinne einer Eventualerwägung auch die Frage der Verhältnismässigkeit der angeordneten Hausdurchsuchung und nahm eine Abwägung zwischen dem Geheimhalteinteresse nach Bankengesetz und dem aus der Medienfreiheit abgeleiteten Quellenschutz vor. Auch diesbezüglich sprach sie Klartext. Sie wies in Erw. 3.8 darauf hin, dass die Durchbrechung des Informations- und Quellenschutzes gemäss Art.10 EMRK nur bei Rechtfertigung durch ein vorrangiges öffentliches Interesse zulässig sei, und verwies auf die vom Bundesgericht noch diesen Januar erneut bestätigte Rechtsprechung (BGer 7B_733/2024 vom 31.1.2025, besprochen in medialex 05/25). Der Journalist habe mit den Gegenstand der Untersuchung bildenden Publikationen seine Aufgabe als investigativer Medienschaffender wahrgenommen. In Erw. 3.9 heisst es wörtlich: «Davon auszugehen, dass eine Strafverfolgung und allfällige Bestrafung des Gesuchgegners aufgrund einer (derzeit noch völlig unbelegten) Bankgeheimnisverletzung höher oder vorrangiger zu werten sei als seine pflichtbewusste Berufsausübung, mithin die berechtigte Information der Öffentlichkeit über mutmasslich weitreichende Gesetzesverstösse in der Finanzwelt, wäre nach Einschätzung des hiesigen Zwangsmassnahmengerichts, welches die Achtung des Quellenschutzes in einem funktionierenden Rechtsstaat als unerlässlich hält, offenkundig falsch.»

5

Bei dieser Sachlage prüfte die Richterin nicht mehr, ob sich der Gesuchsgegner auch hätte auf Art. 14 StGB stützen können. Diese Norm verweist auf externe Rechtfertigungsgründe. Demnach verhält sich rechtmässig, “wer handelt, wie es das Gesetz gebietet oder erlaubt”, auch wenn die Tat nach dem StGB oder einem andern Gesetz mit Strafe bedroht ist. Der Gesuchsgegner argumentierte, dass er sich selbst im Falle der Annahme eines Anfangsverdacht der Verletzung von Art. 47 BankG auf Art. 14 StGB i.V.m. Art. 10 Abs.2 EMRK berufen könnte, weil er bei seinem Handeln, das zur Hausdurchsuchung geführt habe, seine berufliche Pflicht erfüllt habe. Diesen Aspekt prüfte die Richterin angesichts des Zwischenresultats nicht mehr, bezeichnete aber auch diese Überlegung als “nicht völlig abwegig” (Erw. 3.10).

Simon Canonica, Redaktor medialex




Journalismus als Risiko

Razzia in einer Redaktion – das Bankgeheimnis geniesst privilegierten Schutz

Simon Jakob, Rechtsanwalt, M.A. HSG in Law & Economics, Senior Legal Counsel «Neue Zürcher Zeitung»

Zusammenfassung: Inside Paradeplatz hatte 2016 Fakten publiziert, die zu einer Strafuntersuchung und erstinstanzlichen Verurteilung von Ex-Raiffeisen-Chef Vincenz und seinem Vertrauten Stocker führte. Anfang Juni fand nun beim Finanzportal eine Hausdurchsuchung statt, gestützt auf Art. 47 des Bankengesetzes, das seit seiner Verschärfung von 2015 Verletzungen des Bankgeheimnisses nicht nur durch Bankpersonal, sondern auch durch Dritte wie Journalisten unter Strafe stellt. Dies wirkt abschreckend auf Medienschaffende. Der Autor findet, die Pressefreiheit sei auch in einer Finanznation wie der Schweiz ein hohes Gut. Behördliche Zwangsmassnahmen wie im vorliegenden Fall müssten sich daran messen lassen. Die Hausdurchsuchung bei Inside Paradeplatz erscheint ihm in diesem Licht als unverhältnismässig und kontraproduktiv.

Résumé: La plateforme d’informations «Inside Paradeplatz» (IP) avait publié en 2016 des faits qui ont conduit à une enquête pénale et à la condamnation, en première instance, de l’ancien directeur général de Raiffeisen, Pierin Vincenz, et de son co-accusé Beat Stocker. Les révélations journalistiques ont eu, près de 10 ans plus tard, des conséquences pour IP. Début juin, les bureaux et le domicile privé du fondateur du portail, le journaliste Lukas Hässig, ont fait l’objet d’une perquisition en vertu de l’article 47 de la loi sur les banques, qui, depuis son durcissement en 2015, punit les violations du secret bancaire non seulement par le personnel bancaire, mais aussi par des tiers tels que les journalistes. L’auteur de l’analyse qui suit estime que la liberté de la presse est un bien précieux, même dans une nation avec une tradition financière forte comme la Suisse. Les mesures coercitives prises par les autorités, comme dans le cas présent, doivent être évaluées à l’aune de ce principe. Dans ce contexte, la perquisition chez Inside Paradeplatz lui semble disproportionnée et contre-productive.

I. Paradigmenwechsel von 2015

1

Der jüngste Fall Inside Paradeplatz zeigt, wie in der Schweiz investigativer Journalismus selbst zum Ziel strafrechtlicher Ermittlungen werden kann. Hintergrund ist Art. 47 Bankengesetz (BankG), der das Bankkundengeheimnis schützt. Seit der Revision von 2015 erfasst dieser Strafartikel nicht mehr nur Bankangestellte, sondern explizit auch Dritte. Journalisten können somit kriminalrechtlich belangt werden, wenn sie geheime Bankinformationen veröffentlichen – selbst dann, wenn diese von grosser gesellschaftlicher Relevanz sind.

2

Diese Ausweitung des Täterkreises stellte einen Paradigmenwechsel dar. Bis 2015 machte sich ein Journalist nicht strafbar, wenn er von einem Bank-Insider erhaltene Informationen publizierte. Das Delikt der Bankgeheimnisverletzung zielte allein auf Personen innerhalb des Bankwesens ab, die anvertraute Kundengeheimnisse unbefugt offenbarten. Doch mit Wirkung ab 1. Juli 2015 wurde Art. 47 BankG verschärft: Seither wird auch bestraft, wer als unbeteiligter Dritter ein Bankgeheimnis weiterverbreitet. Kritiker warnten damals, eine solche Regelung könne investigative Enthüllungen im öffentlichen Interesse faktisch unterbinden. Gleichwohl setzten sich Stimmen durch, die meinten, es sei nicht Aufgabe von Journalisten, geheime, intime, persönliche Daten, die gestohlen wurden, in den Medien auszubreiten. Das Ergebnis: Heute sind Bankdaten stärker geschützt als viele andere Geheimnisse – etwa medizinische Informationen, bei denen nur das Gesundheitspersonal selbst der Schweigepflicht untersteht, nicht aber Medienschaffende.

II. Abwägung der Interessen

3

Juristisch gerät die Schutzfunktion des Bankgeheimnisses hier in Konflikt mit der Pressefreiheit. Art. 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention garantiert Medien das Recht, auch heikle Informationen zu verbreiten, sofern ein öffentliches Interesse besteht. In der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) wiegt das Interesse einer demokratischen Gesellschaft an kritischer Berichterstattung schwer: Journalisten dürfen Informationen von allgemeiner Bedeutung veröffentlichen, wenn sie wahr und gutgläubig erlangt sind; das öffentliche Interesse überwiegt dann das Bedürfnis, sie für die Veröffentlichung vertraulicher Unterlagen zu bestrafen. Anders formuliert: Pressefreiheit endet nicht dort, wo staatliche oder wirtschaftliche Akteure ein Geheimhaltungsinteresse behaupten. Vielmehr muss im Einzelfall eine Verhältnismässigkeitsprüfung stattfinden: Ist die beanstandete Enthüllung notwendig für die öffentliche Debatte?

4

In der Strafbestimmung zum Bankgeheimnis (Art. 47 BankG) fehlt eine solche ausdrückliche Interessenabwägung. Der Gesetzgeber hat Journalisten keine gesetzliche Möglichkeit eingeräumt, sich auf das öffentliche Interesse an einer Veröffentlichung zu berufen. Dies stellt einen blinden Fleck dar. Gerade die Causa Inside Paradeplatz verdeutlicht, wie problematisch das sein kann: Die Informationen, um die es geht, betrafen keine anonymen Bankkunden, sondern Spitzenmanager, deren undurchsichtige Geschäfte zu Strafverfahren und Verurteilungen führten. Inside Paradeplatz hatte 2016 publik gemacht, dass Pierin Vincenz – damals Raiffeisen-Chef – 2,9 Millionen Franken auf seinem Konto erhalten hatte, kurz nach einer umstrittenen Firmenakquisition. Diese Enthüllung löste interne Untersuchungen bei der Bank aus und alarmierte die Finanzmarktaufsicht. In der Folge wurden Vincenz und sein Mitstreiter Beat Stocker wegen verschiedener Delikte angeklagt und erstinstanzlich verurteilt. Ohne die journalistische Veröffentlichung wäre dieser Skandal womöglich nie ans Licht gekommen.

III. Kein Unterschied zwischen Whistleblower und Reporter

5

Dennoch behandelt die geltende Rechtslage den Journalisten faktisch gleich wie den ursprünglichen Geheimnisträger. So eröffnete die Zürcher Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren wegen Verletzung des Bankgeheimnisses – erst gegen Unbekannt, dann gezielt gegen Lukas Hässig als Herausgeber von Inside Paradeplatz. Im Juni 2025 kam es zur Hausdurchsuchung in Redaktion und Privatwohnung. Beschlagnahmt wurden sämtliche Arbeitsgeräte und Unterlagen des Journalisten. Ein solcher Eingriff in die redaktionelle Arbeit ist massiv: Zum einen erscheint es unrealistisch, auf diesem Wege den ursprünglichen Informanten – mutmasslich innerhalb der Bank Julius Bär – zu ermitteln. Zum anderen erhält die Staatsanwaltschaft damit potentiell Einblick in unzählige vertrauliche Recherchen und Quellen des Journalisten. Zwar hat Hässig von seinem Siegelungsrecht Gebrauch gemacht, sodass ein Zwangsmassnahmengericht nun prüft, welche Daten ausgewertet werden dürfen. Doch allein die Drohkulisse einer solchen Razzia entfaltet Wirkung – man spricht hier von einem chilling effect auf die Medien. Reporter ohne Grenzen (RSF) warnte bereits, dass Art. 47 BankG eine abschreckende Wirkung auf Investigativjournalisten ausübt. Beispiele dafür gibt es: Bei der internationalen Enthüllungsaktion «Suisse Secrets» über dubiose Bankkonten beteiligten sich Schweizer Zeitungen aus Angst vor Strafverfolgung gar nicht erst. Ausländische Medien berichteten über mutmassliche Gelder von Oligarchen, während die heimische Presse schwieg. Demokratiepolitisch ist dies alarmierend. Die Presse übernimmt die Rolle einer vierten Gewalt, indem sie Machtmissbrauch aufdeckt – insbesondere in einem Finanzplatz wie Zürich. Wenn investigativer Journalismus jedoch mit Hausdurchsuchung und Strafverfahren beantwortet wird, entsteht ein Klima der Einschüchterung. Dies gefährdet die öffentliche Kontrolle über Wirtschaft und Behörden.

IV. Fazit und Ausblick

6

Der Fall Inside Paradeplatz illustriert ein strukturelles Problem. Art. 47 BankG in seiner aktuellen Form steht in einem Spannungsverhältnis zur Medienfreiheit (siehe dazu auch David Zollinger, Die Verwendung von Bankdaten durch Medienschaffende, medialex 06/22). Die Kritik daran wächst seit Jahren – national wie international. Die Organisation Reporter ohne Grenzen bezeichnete die Strafnorm kürzlich als „eines der grössten Defizite hinsichtlich der Pressefreiheit in der Schweiz“. Tatsächlich schneidet die Schweiz im internationalen Vergleich beim rechtlichen Schutz der Medienfreiheit deutlich schlechter ab als in anderen Kategorien.

7

Es mehren sich auch innenpolitisch die Stimmen für eine Korrektur: Bereits 2022 empfahl eine parlamentarische Kommission, den Pressefreiheitsvorbehalt im Finanzbereich zu stärken. Das Anliegen lautet, investigative Recherchen über den Schweizer Finanzplatz zu ermöglichen, ohne dass Journalisten strafrechtlich verfolgt werden. Noch ist ungewiss, wann und wie der Gesetzgeber reagiert. Umso wichtiger wird im konkreten Fall die Prüfung durch unabhängige Gerichte.

8

Letztlich wäre eine Klärung durch den EGMR wünschenswert: Sollte ein Schweizer Journalist tatsächlich aufgrund von Art. 47 BankG verurteilt werden, müsste der Strassburger Gerichtshof die Vereinbarkeit mit Art. 10 EMRK überprüfen. Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut – auch in einer Finanznation. Behördliche Zwangsmassnahmen wie im vorliegenden Fall müssen sich daran messen lassen. Die Hausdurchsuchung bei Inside Paradeplatz erscheint in diesem Licht als unverhältnismässig und kontraproduktiv: Sie wird kaum das ursprüngliche Geheimnisleck stopfen, öffnet aber eine gefährliche Büchse der Pandora für die Medienfreiheit. In einer liberalen Demokratie darf das Bankgeheimnis nicht über dem öffentlichem Interesse stehen – diese Lehre sollte man spätestens jetzt ziehen.


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